Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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die Ausgaben mit 2 866 217 Kronen. Wie das Defizit gedeckt werden soll, darüber giebt es seit Monaten Erörterungen ohne Ende. Nun ist der Vorstand nach langen Erwägungen dazu gekommen, den Antrag des bisherigen Borsitzendeil anznnehmen, ein Komitee zu wählen, lvetches bis Ende Januar SpezialbLstimmungen zllr Berathllng vorzulegen hat zur Herabsetzllng des Stenerzensns auf 5 fl., Vernlehrung der Anzahl der Vorstandsmitglieder, Einführung von Wahlkategorien und Vereinfachung der Geschäftsordnung. Ob diese Bestimunlugell uils Hilfe bringeil, nniß die Zeit lehren. — In Holleschau wurderr bei den letzten Gerichtsverhalldlnngen über die antisemitischell Exzesse die meisten Angeklagten zu Kerkerstrafen verurtheilt, darunter mehrere zu 18monatiger Kerkerstrafe. — Ein Wort des christlichsozialen Bürgermeisters Dr. K arl L liege r bei der Schluß- Versammlung des Landtages verdieiit, lvenli auch leider nur als Kilriosuln, verzeichiiet zii iverden. Dr. Liieger sagte nämlich ivörtlirh Folgendes: „Ich dulde weder eine Verunglimpfung der jüdischen, noch der christlicheii Neligion! Gegeli die jüdische Neligioii ist aiis nieineui Milnde nie ein Wort geflossen! Ich achte jede religiöse Ueberzengung!" — Zum Feldrabbiner II. Klasse ivilrde in der Ersatzreserve des Infanterie- Regiments Nr. 60 der Bezirksrabbiner in Siklos, Herr Desiderius Kleiii, und Zllln Oberlaiidesgerichtsrath ad personam wnrde oom Kaiser beim Handelsgericht ili Wien der Laiidesgerichtsrath Dr. Siegmnnd Nenmann ernailnt. — Wenn die folgende Nachricht sich bewahrheitet, so flehen wir vor dem Anfaiig der Revision des Prozesses voll P o l n a. Man berichtet iiäiiilich: Der Oberste Gerichtshof hat ben Beschluß gefaßt, daß die Gutachten der Poliiaer Gerichtsärzte ili deiii Prozeß gegeli Leopold Hilsner der Prager mediziilischeii Fakultät Zllr lleberprüfuiig vorgelegt iverdeil. ■/V Budapest, 24. Dezember. Vor Kurzem richtete der Abgeordiiete Bnznth eine Interpellation cm den Ministerpräsiden teil Koloman v. Szell, ili lvetcher er fragt, ob er davoll Kelliltniß habe, daß die alls Rußland v er tr i eb e li e ll Juden infolge bei' rinnnnifdieii Grenzsperre in großer Zahl nach llilgarri einströlnen und leicht die Pest eilischleppeii fnunen. Der Ministerpräsident beantwortete null vergallgelle Woche feine Frage dahin, daß er ivohl Kenlltniß habe, daß iln Nordosten des Laildes Einlvailderlillgell ili größerer Masse itub größerer Zahl vorgekomlnen silld, als dies lvüllschellswerth erscheillt, doch müßte er es ili Abrede stellen, daß gerade jetzt infolge einer tn Rumänien getroffenen Verfügung die Eiillvallderung der Iudell größere Dinlensioilell allgellonlnleil hätte. Lallte dies der Fall sein, so silld die Munizipien aligelviesell, ihre Berichte zll evftatten und nach dem Einlallgen solcher Berichte ist es an der Zeit, in Erlväglmg zll ziehen, ob Versügullgell llothlvendig und wünschenswerth silld. — Eille Abordllnng des jüdischen Ackerballll ll d H a li dw e r k e rv ere i ils erschiell unter Führiing des Hofrathes Dr. A. Nelinialln beim Bürgerlneister Hatlnos. um ihni zur Kenntnis; zu brillgen, daß er zulll Ehrelllllitgtiede des Bereills gelvählt luuvbe. Der Bürgerlneister äußerte sich bei dieser Getegellheit mit großer Allerkenllnng über die Thätigkeit des Vereins, die er stets mit Allsmerksalnkeit verfolgte, nnb versprach eilten Dank dem Vereine gegenüber in der Weise zll bethütigen, daß er seine Bestrebungen nach Thimlichkeit fördern lverde. — Das Ministerium für inllere Allgetegellheitell hat eine Verordnung erlassen, in der das bei der Circumcision zu beobachtellde Vorgehen geregelt lvird. Die Verfügungen sind — wie der Erlaß betont — vom sanitütspolizeiliehen Gesichtspullkte liothlvelidig nnb berühren das Rituale llicht. Ob allch die Orthodoxie derselben Allsicht ist, ist sehr zweifelhaft, denn die Meziza lvird in dem Erlaß verboten. Von Nah und Fern. ~ Ter Wahl des Rektors der Mädchenschule der ifvaetitifcfjen Gemeinde Dr. Salo Adler zlun Direktor der Realschule der israelitischen Genieillde lPhilauthropiu) zll Frankfurt a. M. ist die Allerhöchste Bestätigllng ertheilt worden. — Der Privatdozellt der philosophischeu Fakultät Dr. Willy Marckwald hat ben Professor-Titel erhaltet!. — Der Kaufmann und Handelsrichter Hermauu Lehmauu hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Ans der Adolf G insberg - Stiftung sind für das Jahr 1000 zlvei gleiche Stipendien verliehen, und zwar dem Maler Max Fabian in Berlin und dem Maler Oskar Heller in Standing. —- Stadtrath Louis Aronsohn, erster Vorsitzender der Shnagogengemeinde Bromberg ist zumKonlmerzienrath ernannt wordell. — Stadtrath A. K a n t o r o w i c z in P ose rl ist in den Provinziallandtag für 1900— 1605 gelvählt worden. — In Danzig ist der praktische Arzt Dr. Hirschfeld nach langen Leiden im 58. Lebensjahre gestorben. Vor wenigen Wochen hielt er noch im dortigen Vereill für jüdische Geschichte und Litteratur einen sehr interessanten Vortrag. Sein Andenken bleibe in Ehren! — Das „Geraer Tageblatt" berichtet: „Der Antisenlitellhäuptting Buchbinder und Restauratellr Amthor in Gera ist unter Zurücklassung beträchtlicher Schulden spurlos verschwullden. Auch die Ehefrau Amthors hat Gera heimlich verlassen, ohne ihren! Versprechen gemäß die Gläubiger zu befriedigen. — In Stuttgart ist am 17. v. M. eine Loge des Benai-Berith-Ordens installirt lvorden. — Die s r a nzösische Depntirten-Kammer hat das Budget des israelitischen Kultus nach kurzer Debatte unverändert nach der Regierungsvorlage angenommen. Dasselbe umfaßt 138 530Frcs. für die Kultus-Funktionäre, 22000 Fres. für das Rabbiner-Selninar unb 28 000 Fres. für den Bau von Synagogen. — Der frühere Abgeordnete Rafael B i s ch o f f s h e i in, Mitglied der Akademie, hat der Universite, d. h. dem staatlichen Gesannnt- Unterrichtskörper, die Sternwarte zu Nizza und 250000Frcs. geschenkt, deren Zinsen zu ihrem Unterhalt dienen sollen. Die Sternwarte ist glanzend eingerichtet, von einem 35 Hektar haltenden Park rnngebell und hat Zlveiganstalten auf den! Mont-Monnier und deni Mont- Macaron, die zu besonderen Beobachtungen dienen. Alle Illstrulnente sind neu und in höchster Vollkonunenheit vorhanden, die Bücherei zählt 6000 Bände. Die ganze Schenklmg lvird auf 5 271 000 Fres. belverthet. — In Maitall d starb vor einigen Tagen Signor Enrico Fano, italienischer Senator, der von jüdischen Eltern abstaunnte, lvenngleich er für seine Person Freidenker geworden lvar. Er hat daher auch testamentarisch verfügt, daß feine sterblichen Ueberreste verbranllt werden sollten. — Am Geburtstage des Königs von Schlvedeu erhielten unter den zahlreich Dekorirten folgende Inden Orden: Den Nordstern-Orden Prof. Dr. Davidson in Upsala und der Großhändler H. F r i e d t ä n d e r, den Wasaorden der Ballkier Geber und der Großhülldler Rügheilner in Stockholm, das Mitglied der ersten Kamlner Dr. Philips Le mau aus Gothen bürg das Komlnandeurkreuz des Wasaordens 2. Klasse. — Dr. M. Eise ll stad t, bisher Hilfsprediger in Petersburg, ist zinn Kronrabbiller in Charkolv gewählt lvorden. — Die russisch e Regierung hat zu Gefängnißdirektoren int Gouverneluent Iekaterinoslalv zlvei Illden Dr. Pillos und Israel Stein ernannt. — In R n ß l a n d ist die Frage entstalldell, ob die Inden, lvetche nicht beständige Einwohner einer gegebenen Ortschaft silld und sich in derselben mit Handel und Industrie befassen, der Elltrichtllng der Synagogenstener unterliegen. Nun hat der dirigirende Senat die Erklärung abgegeben, daß solche zur nicht beständigen Bevölkerung einer Ortschaft gehörende Inden die Synagogenstener gleich den beständigen Einwohnern der Shnagogenbezirke zu entrichten verpflichtet sind.—In Wilna wurde eine neueHandelsschule eröffnet. — Bei einer jüdischen Versauunlnng in Leeds (England) verbreitete ein gelvisser Shakuowis die Nachricht, ein im Saale anwesender Mann Namens Leon Dallidanskh sei ein getaufter Jude. Dieser klagte wegen Ehrenbeleidigung. Der Gerichtshof fand Shaknowis schuldig ulld verurtheilte ihn zu 20 Pfund Schadenersatz. In der Begründung heißt es. der Vorlvllrs der Tause sei eine der verletzendsten Anschuldigungen gegen einen Juden und falle hier uni so schwerer ins Gewicht, als der Kläger in seiner Berufsehre als Redakteur eines jüdischen Blattes gekränkt wordell sei. — Wie die amerikanischen Blätter berichten, hat Dr. S ch e ch t e r in London den Ruf als Direktor des Jewisli Theological Seininary in Newyork definitiv angenommen. — Nach Nachrichten aus Kapstadt sind allein in der jetzt lneist aus Iohannesburgern neu gebildeten South Afriean Light Börse nicht weniger als 150 jüdische Soldaten unter etlva 800 Mann, ein kolossaler Prozentsatz. — Jetzt hat sich auch in Honolulu auf den Hawaischen Inseln eine jüdische Gemeinde gebildet. Abermals ein interessanter Belveis für die Zerstrellung der Inden über die ganze Erde. Truck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.