Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 lft die Vereinigung der jüdischen Schüler mehrerer höherer Schulen eines Ortes im Religionsunterricht. Sodann geht Redner auf die Behandlung des Unterrichtsstoffes ein, am ausführlichsten auf das Bibellesen und die jüdische Geschichte. — Zn der an den Vortrag sich anschließenden Generaldiskussion wurde von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen, daß es wnnschenswerth gewesen wäre, wenn der Redller sich auch über den hebräischen llnterricht noch ausführlicher ausgesprochen hätte, damit man zu übersehen im Stande sei, inwieweit in der zu Gebote stehenden. sehr knapp bemessenen Zeit ettvas Ersprießliches geleistet werden könne. Auch war man allgemein der Ansicht, daß dem Unterricht in der jüdischen Geschichte mehr Spielraum gewährt werden müsse, damit gerade durch diesen Unterricht das Interesse für das Judenthum gefördert werden könne; derm dieses Interesse sei in besonderer Weise geeignet, den Jndisserentismns zu beseitigen, der sich iiotf) in weiten Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft zeige. Ferner lvnrde die Meinung zum Ansdruck gebracht, daß bei den eigenartigen Verhältnissen, wie sie an den Berliner Höheren Schulen Herrscherl, sich der voll deul Vortragenden empfohlene Lehrplan als schwer durchführbar errveisen lverde. Ganz allgemeiil aber war man deul Vortrageildeil dankbar für die zahlreichen Anregungen, die er durch feinen Vortrag allen Theilnehmern der Versammilmg gegeben. — Zürn Schluß gelangte folgende von ben Herren Dr. Adler und Hauff eingebrachte Nesolution eillstimmig zur Annahme: „Die „Wissenschaftliche Vereilligllllg jüdischer Schnlmälllrer zu Berlill" nimmt mit aufrichtigen! Danke voll den Thesen, die Herr Professor Dr. Tachau im Anschluß au feinen Vortrag aufgestellt hat, Kellntniß mib beschließt, dieselben noch weiterhin zum Gegenstand der Berathnug zu machen." S. Berlin, 81. Dezember. Heute Nachmittag 31/2 Uhr fand in der alten Synagoge Heid ereutergasse das 23. Stiftungsfest des Vereins „zur Unterstützung a r m e r Leidtragender" Scliomer 1 o b o k e r du misch an a bol im nllter sehr reicher Betheiligrulg voll Mitgliedern, Zöllnern lmd Kelluden, auch Damen, statt. Eingeleitet wllrde die würdige Feier durch Festgebete, meisterhaft vorgetragell ulld gesungen von Herrn Kalltor Rosenthal, dennlach erfolgte Vorlesnllg aus der Gesetzesrolle. Herr Rabbiller Dr. Weiße bestieg daraus die Kauzel, schilderte in inhaltreichen, tief eulpfulidellen, voll Herzeil konlmelldell nlld zu Herzen gehenden Wortell Telldeilzen, Zweck nnb Leistnllgen dieses nach verschiedenen Richtungen Hill llur speziell Noth 31t lindern und Unterstützungen all Tagen der Trauer mld des Schmerzes übellden Vereins. Die ivohldnrchdachte, mit großem Beifall aufgenommene Festpredigt schloß, an den vorwöchentlichen Wochenabschnitt allschließend, mit einem innigell Segensspruch für das weitere Gedeihen dieses all Mitgliederzahl stetig lvachsenden und an Wirksamkeit zuilehlnelldell Wohtthätigkeitsvereills. Mit deul täglichen Abendgebet eildete die schöne Feier. 22 Berlin, 1. Januar. Ans den Litteraturverei uen. Der Berliner Verein hielt am 28. v. M. seine ordentliche Generalversammlung ab. Nach deul Bericht des Schatzuleisters betrugen die Einnahmen 9217,16 Mk.. die Ausgaben 9016,35» Mk. Nach derDechargeertheilnng fand die Wahl des Vorstands und der Revisionskommission statt. Es lvurden durch Zuruf die bisherigen Mitglieder wieder gewählt. In den Vorstand wurde Herr H e i n ri ch F rä n k el nengelvählt. Eille lebhafte Debatte erregte ein schließlich einstiulmig angenommener Alltrag des Dr. I. Kaftan, daß der Berliner Verein auf deul nächsten Verbandstage den Antrag stelle, es möge durch ein Preisausschreiben die Abfassuilg einer volksthümlichen Geschichte der Juden und des Judellthunls veranlaßt lverdell. — In Tilsit sprach Dr. Ehrlich über „Schicksale nnb Geistesleben der Juden in den Enphratländern nnd in Arabien", in Memel Dr. A. Kohnt über „Alexander von Humboldt nnd das Judenthum", L. Sch ei nh ans über „Die Vorzeiten der jüdischen Geschichte in Rußland", in Kr0 t 0 schi u calld. lned. H. Schachtel über „Moderlle Neuerungen im Judenthum", in Wreschen Dr.Len»in über „Jehuda Halevy als Dichter nnd Denker", in Schneide m ü h l Rabbiner Brau u über Hiob. Dr. M i sl 0 w i tzer über „jüdische Aerzte im Alterthnm", Dr. R ich ter-Filehne über „Spanien und Nordasrika", in O pp eln Rabbiner Dr. L. Baeck über „Napoleon I. mld die Inden", Nechtsamvalt Jung lna ll n über „Die soziale Lage im Lichte der Bibel", in K 0 ttbus Oberlehrer Dr. Sch ä s er-Berlill über „Rellall ulld das Jndenthnnl", in Eiseila ch Prediger Meyer über einen „jüdischen Herzog" und anläßlich der Ehannkahfeier über „Die Makkabäer", Rabbiner Dr. Weinberg- Sulzbürg über „Der erste jüdische hochdeutsche Dichter", in Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. Saatfeld über „Historische Erinnerungen auf eitler Rheinsahrt". — Jll Kaiserslautern lvnrde ein neuer Vereill begründet. Der Vorstand besteht aus den Herren Rabbiner Dr. Landsberg 1. Vorsitzender, Dr. med. I. Dreyfnß 2. Vorsitzender, Kantor W. Zlvillenberg Schriftführer, Kaufulann P. Hirschfeld Kassirer, Fabrikant L. Felsenthal Beisitzer. — In Mhslowitz existirt seit längerer Zeit ein Talmnd-Thora-Verein, der jetzt auch die Pflege der jüdischen Geschichte nnd Litteratur sich zur Hauptaufgabe gemacht hat. o. Blleirsteirr, 27. Dezeulber. Ain 18. d. Mts. verschied nach schwerem Leiden in Kölligsberg i. Pr., wo er in einer Klinik Heilung suchte, der Stadtverordnete Kallfnlann Lollis Sinlonsoil von hier. Welches Ansehen der Dahingeschiedene in hiesiger Stadt, nicht llur in der jüdischen Gemeinde, sondern auch bei den Mitbürgern der anderen Kollfessionen genoß, bewies der imposante Tranerzug, der sich vom Bahnhofe nach dem jüdischen Friedhofe bewegte. Der Zug wurde eröffnet durch ben Kriegerverein, dem die Fahne vorangetragen lvnrde. Diesem folgten, ebenfalls mit der Fahne, der Magistrat mit dem Bürgermeister an der Spitze und die sämmtlichen Stadverordneten, lvelche dem Verelvigten einen prächtigen Lorbeerkranz widmeten. Unmittelbar dem Leichenwagen voran schritt das Geschästspersonal, und hinter demselben folgten der Gemeinderabbiner, der Kalltor, die Leidtragenden, sännntliche Gemeindenlitglieder und eine große Anzahl von Bürgern der anderen Konsessionen. Am Grabe hielt Rabbiner Dr. Olihky in ergreifenden Worten die Leichenrede, in welcher er die Biederkeit, den Wohlthätigkeitssinn des Verblichenen und das innige Familienleben, das ihn mit den Seinen verband, hervorhob. Mit dem Dahingeschiedenen ist einer der Besten unserer Gemeinde, in der er viele Jahre das Amt eines Rendanten verwaltete, zu Grabe getragen lvorden. Sein Andenken lvird bei Allen, die ihn kannten, stets in Ehren gehalten werden. — Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß das Einvernehlnen zwischen den verschiedenen Konfessionen in hiesiger Stadt ein erfreuliches ist ulid daß sich unsere Glaubensgellossen eines guten Ansehens erfreuen. Das belveist der Umstand, daß zu ben sieben Stadträthen seit einer Reihe von Jahrell auch ein Glaubensgenosse. Herr Kaufulann Simon gehört, der gelegentlich seiner silbernen Hochzeit zum Stadtältesten ernannt wurde. Zu den 24 Stadtverordneten gehören, außer den: oben erwähnten verstorbenen Herrn Simonson, auch folgende Mitglieder llnserer Gerneillde: Die Herren Dr. Kamnitzer, Kaufmann S. Salzmanu, Fabrikbesitzer Rnd. Raphaelsohu und Fabrikbesitzer I. Ladendorf. — Gelegentlich einer Beerdigung wurde anl 17. d. M. der neu angelegte jüdische Friedhof in Hohenstein durch Herrn Rabb. Dr. Olitzky von hier unter zahlreicher Betheilignng der hiesigen Bürger verschiedener Konfessionen eingeweiht. Posen, 26. Dezember. Die Israelitische Waisenknabenanstalt zu Posen hat einen gedruckten Bericht über dieVerlvaltung in den Jahren 1897/98 herausgegeben. Die Anstalt verpflegte vom 1. Januar bis 1. April 1897 23. vom 1. April bis 1. Januar 1898 21. vorn 1. Januar bis 1. April 21, vom 1. April bis 1. August 19, voiu 1. August bis 1. Novenlber 21. vom 1. November bis 1. Januar 1899 22 Zöglinge. Die Einnahmen nnd Ansgabell balanciren im Jahre 1897 mit 26875,18 Mk.. im Jahre 1898 mit 28083,10 Mk. Leider hat die Anstalt im Jahre 1898 schmerzliche Verluste zu beklagen. Am 23. März schied die Ehrendalne Frall Emilie Hamburger aus dem Leben. Die Verewigte hat mehr als 10 Jahre in treuer Hingebung all der Allstalt gelvirkt und sich durch ihren Eifer für alle ihre Obliegenheiten llnd durch ihre Freundlichkeit im Verkehr mit Groß nnd Klein vollste Hochachtung erworben. Am 15. Augllst starb Herr Kommerzienrath Moritz Milch, der bei Verlegung seines Wohllsitzes sein Amt niedergelegt, aber sein Wohllvollen der Anstalt unvermilldert belvahrte, ulld aul 1. Oktober Herr Simon Krombach. Obwohl nur eillige Jahre iil der Direktion der Anstalt thätig, haben sich die Verewigten durch ihren regen Anltseifer, ihr kollegiales Verhalten den Aintskollegen gegenüber nnb durch ihr tiefes Verstäudlliß für die geistige und körperliche Entwickelung der Zöglinge und Lehrlinge werthvolle Verdienste erworben. Ehrenvoll wird ihr Andenken für immerdar mit der Anstalt verkllüpft bleibell. — Die Gemeindeverwaltung in Ostrowo hat die Anstellllng eines ersten Kantors, dessen Stelle bereits drei Jahre vakant ist, beschlossen. Derselbe soll aber gleichzeitig Religiouslehrer sein, da sich durch das freiwillige Ausscheiden voll zwei Lehrern aus der vor einigen Monaten daselbst errichteten Gemeinde-Religionsschnle die Nothweudigkeit für die Anstellung eines Kalltors mit dieser Qualifikation ergeben hat.