Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
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12 „Und darin thut Ihr unzweifelhaft sehr recht," antwortete die Dame. indem sie Plötzlich einen anderen Ton anschlug. „EnerSohn kann heute Nachmittag mir den Schmuck bringen, denn er ist wohl der zuverlässigste Bote, den Ihr zu senden habt." Des Nachmittags ging der kleine David mit dem sorgfältig ein gepackten Schmuck zur Frau Palacky in der Elisabethstraße. Es war kein langer Weg, und Salomon Jehuda wunderte sich darüber, daß sein Sohn so lauge fortblieb. Aber als der Knabe zurückkanl, erzählte er, daß er bei der gnädigen Frau, die so schön und vornehm wohnte und so außerordentlich freundlich gegen ihn gewesen, aufgehalten worden sei. Sie habe ihnl kostbare Bilder ans der Geschichte des Alten und des Neuen Testaments gezeigt und lange mit ihm gesprochen. Schließlich habe sie ihm Früchte und einen lebhaft duftenden Wein angeboten: aber von dem Weit» habe er nicht getrunken, weil er wußte, daß seinem Vater das nicht genehm sein würde. Einige Wochen später kam Frau Palacky wieder nach Salomon Jehndas Laden. Dieses Mal hatte sie einige alte Schmucksachen, die sie gegen neue und moderne vertauschen wollte. Der kleine David sollte ihr Bescheid bringen, wenn das Geschäft tu Ordnung gekommen wäre. Sie wünschte tticht, daß eiu anderer Bote käme. Die gnädige Frau wurde eine der lwsten Kundinnen des Meisters Jehuda, und sie sagte zn dein altert Handelsmann, daß sie feilten Sohn sehr lieb gewonnen habe, fast als ob es ihr eigenes Kind wäre. Dagegert wiederholte sie nie mehr ihre Bemerkrntg: „Es sei schade, daß er Jude sei." Aber wenn der Knabe von seinen Besuchen bei der vornehmen Dame heimkehrte, beherrschte ihn eine auffallertde Unruhe und Eifer. Er hatte keine Lust rnehr wie früher, die altert Gesänge zrt findert, die seine Mutter ihn gelehrt hatte; aber es konnte ihn» einfallen, tiefsinnige Fragen art seinen Vater über viele Schriststellen irrt Talmud, über die Wartderung des Judenvolkes und über die heiligen Propheten zu richten. Salomon Jehuda machte sich keine weiteren Gedanken darüber, denrt der Knabe war stets rvißbegierig und lerneifrig gewesen, und der Schulvorsteher sagte, daß David ben Jehuda altert feinen Altersgenossen an Verstand rrud Reife weit überlegen sei. Aber da geschah etwas, woran Niemand gedacht hatte. Eines Tages war Salornon Jehudas Sohrr plötzlich aus dem Hause seines Vaters irt der Rabbirtergasse verschwunden, und das geschah kaum ein Jahr, nachdem die gnädige Frau Palacky ihren elften Besuch in Meister Jehndas Harrse gemacht hatte. Es wurde während acht Tagen überall gesucht -- so gesucht, wie ein verzweifelter Vater nach seinem einzigen Kinde sucht. Aber Niemand zweifelte daran, daß dem Knaben ein Unglück passirt sei. Zur Abendstunde rrrüsse er in ben Fluß gefallen sein, der dicht an dem Judenquartier vorüberfloß, und der Strom müsse ihn mit fortgeführt haben. Salomon Jehuda war während dieser acht Tage ein alter Mann geworden. Seirt Geschäft versäumte er; sprach Jernand zu ihnt, antwortete er geistesabwesend und mit starren Augen. Zwecklos ging er int Hause umher, in den Straßen des Ghettos unten am Flusse. Der Gemeindevorsteher kam ztr ihm, um mit ihnt zu sprechen. Auch der Rabbiner kam. Sie erütnerten ihn an das große Vorbild ihrer Glaubensgenossen, an Hiob, der den Namen des Herrn mitten tu seiner bittersten Noth gepriesen hatte. Aber Salomvn Jehuda schüttelte tun; das Haupt und zu allem, was sie sprachen, antwortete er: „Findet mein Kind — sagt mir, wo es ist. . . . Ich kann nicht tnit Hiob sagen: Der Herr gab, der Herr nahm . . ." (Schluß folgt.) Frtterarische Mitthellungen. — N. S. Raschkowskh: H ervorragende russisch - jüdis ch e Männer der Gegenwart. Biographische Skizzen und Charakteristiken. Odessa, E. Metsch, IM. I. Hest. Vorstehendes Buch enthält (tit russischer Sprache) die biographischen Skizzen und Eharakteristiken folgender Männer, die eine Zierde des Jndenthums sind. Nämlich: der bekannte vortreffliche Jargon-Schriftsteller Salomon Abramowitsch. dessen Schriften von Klemens Junosza ins Polnische übersetzt wurde»!, der berühmte Bildhauer und Akademiker Prof. Marens Antokolsky. Leon Gordon, einer der bekanntesten hebräischen Dichter der Neuzeit, dessen Na»ne überall geschätzt ist. der gelehrte Orieutcilist Dr. Abraham Harkavh, dessen Name einen guten Klang in der jüdischen Wissenschaft hat. der vorzügliche Mathematiker Dr. Chain» Hochntann. Privatdozent a»» der kaiserliche»» Neurussischen Universität in Odessa, der gelehrte Jurist Arnold Dumaschewskh s. A.. »veiland Obersekretär des regiere»»den Senates »n»d Redakteur der „Gerichtszeitung", der junge gelehrte Historiker Se»nin Dnbnow, den »vir als de»» zukünftige»» russischen Grätz bezeichne»» können, der verstorbene Ror»»a»»schriftsteller Leo»» Lewanda, einer der ersten Mitarbeiter des erste»» jüdischen Organes in russischer Sprache „Nasswett", der »rn» das Jndenthun» hochverdiente Anwalt und Schriftsteller Michael Morgulies, der »»»»vergeßliche selige Dr. Leon Pinsker, der geistvolle Verfasser der „Auto-Emanzipatio»»". der Vater des moderne»» Zionisiilus, der Sckiriftsteller Joseph Rabi»»o»vitsch s. A.. Verfasser des „Strafnoy" (von» Historiker Dr. Jost i»»s Deutsche übertrage»»), der Grü»»der »md Schöpfer der russisch-jüdischer» Jo»»rnalistik. Redakteur des „Rassivett", »»nd der fromure, »vohlthätige und zugleich »vahrhaft tolera»»te Rabbiner zu Korvno R. Jzihak-Eliharran Spektor s. A., der Führer und A»»»valt sei»»es Volkes. — Man liest das Blich von Raschkowsky mit großem Interesse; die biographischen Skizzen und Charakteristike»» sirrd kurz gefaßt; der Stil leicht »»nd fließend. In» Ganzen »nacht das Brich durch Inhalt u»»d Ausstattuirg eine»» sehr angenehmen Eindruck »rnd ist aller» Denjenigen z»r ernpsehlen. die für das Jndenthun» und dessen Vertreter Sirrn und J»»teresse haben. Die Eirrleitung zn diesen» Hefte ist besonders lesenslverth »n»d vortrefflich geschrieben. In de»» folge»»der» Heften »verderr biographische Skizze»» »»nd Charakteristike»» nachstehender Männer ihren Platz finden: der Maler Askenasi, der Bildhauer Bernstaunn, der Roma»»schriftsteller Bogrow, der Künstler Brodskh, der Schriftsteller Wengerow, Woli»»sky, Baron Günzburg, der Fi»»anzschriststeller Kanffmann, der Mathematiker Lipkin, der Dichter Minsk»), der gelehrte, juridische Schriftsteller Orschansk»), der berühlnte Rechtsanwalt Passolver, der Kü»»stler Pasternak, der Eisenbahnkö»»ig Poljakoff, der beka»»»»te Mathematiker Slo»»i»nskh, die hebräischen Schriftsteller Smolensk»), Finn, der Dichter Frug, der berühu»te Bakteriologe Dr. Haffkin, Prof. Chwolson. der berühmte Kanzelredner, und der in»» seine Gemeinde »n»d um leine russischen Glaubensgenosse»» hochverdie»»te Rabbi»»er Dr. Schtvabacher, der Schriftsteller Zederbaum u»»d noch viele Andere. — Wie man sieht, hat das russische Jndenthum bereits eine stattliche Ehreugalerie verdienter Männer a»»fzuloeise»». I.. T. „G utWo ch " Verlag.von M. W. Kaufmann Leipzig, Redaktion: Lion Wolfs. „GutWoch" ist eineFortsetz»»»»g »»»ehrerer humoristischer Blätter, die hier als Festschriften für de»» „Verein der Freimüthigen" vor 10 und 5 Jahren erschienen sind. Die vorliegende Nummer ist offenbar von einem Verfasser geschrieben, der mit den Berliner Verhältnissen gut vertrant ist. da in den Reichstag- und Stadtverordnetensitznngen z»» Jernsalen» nur hier bekannte Personen anstreten. Es wird i»» diesem Blatte ei»» Stückche»» gesunder H»»»nor, vermischt mit harmloser Satyre, geboten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.