Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
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- 11 In dein nordwestliche!: Theil der „Altstadt", längs des Moldauflnsses, liegt Prags Ghetto, das heutigen Tags Josefstadt genannt und größtentheils jetzt von Christen belvohut wird, aber in früheren Zeilen lvar es ausschließlich derStadttheil der Juden. Hier wohnte vorüber 100 Jahren ein Mann, der Salomon Jehuda hieß. Er lvar aus gutem und angesehenem Geschlecht und zählte zu dein Stamm Levi. Seine Vorfahren hatten an der Vertheidiguug der Stadt während der Belagerung! der Schweden im Jahre 1648 theilgenommen, und zur Erinnerung au die Tapferkeit der jüdischen Einwohner hatte Kaiser Ferdinand III. den Bewohnern des Ghettos eine mächtige Fahne geschenkt, die noch heutigen Tages unter der Decke der uralten Synagoge hängt. Salomon Jehudas Haus lag in der Rabbinergasse der Synagoge gegenüber, die infolge der Sage so alt sein soll, daß ihr Ursprung von den ersten Flüchtlingen aus dem vernichteten Jerusalem herrühren soll. Salomon Jehuda hatte daher jeden Tag die Stelle vor Augen, welche am stärksten zu seinen Gefühlen sprach, aber auch zugleich zu seiner Dernuth und seinem Stolz. Das wunderlich düstere Gebäude erinnerte ihn an das Exil, au die Zeiten des Drangsals seines Volkes; aber drinnen unter dein Gewölbe, lvo die heilige Lampe brannte, hing die Kaiserfahue, welche zu ihm von den Thaten und der Kraft und dem Muthe seiner Vorfahren sprach. Und er fühlte sich als glücklicher Mann. Er war geachtet und angesehen unter seinen Glaubensbrüdern; sein Geschäft blühte, und er besaß eineu kleinen Sohn David, der klug und schön lvar wie kein anderer in dem ganzen Ghetto. Salomon Jehuda hatte sich spät verheirathet, und nur während zehn Jahre lvar es ihm vergönnt gewesen, seine Lea zrr besitzen; aber sie lvar ihn: eine rechtschaffene Frau gewesen, und es lvar, als ob der Segen ihres Geistes noch über seinem Hause ruhte und auf den Sohn vererbt worden wäre. Er hatte das weiche Gemüth der Mutter, ihren klaren Verstand nlld ihre großen, innig warmen Augen. Sogar ihre Stinnne hatte der Knabe geerbt, und lvenn er im Abenddllnkel die alten Gesänge sang, vermeinte Salomon Jehuda, es sei Lea, die noch bei ihm weilte. Aber blickte er dann hinüber zu dem jüdischen Friedhof, der nur wenige Schritte von dem Hause entfernt war, dann wurde er in die Wirklichkeit zurückgerufen. Dort unter einem Leichenstein, bezeichnet mit einer Urne, dem Zeichen des Stauunes Levi, ruhte seine Gattin. Aber dennoch fühlte er sich nicht einsam. Der Knabe hielt sein Herz erwärmt; für ihn arbeitete er, an ihn dachte er früh und spät, und sein Sohn schritt in Kenntnissen und Gottesfurcht vorwärts und ließ die Hoffnung aufkommen, daß er die Freude und der Trost seines Alters werden würde. Vor nicht gar langer Zeit hatte der Vorsteher der Gelueinde zu Salornon Jehuda gesagt: „Du mußt Deinen Sohn all die Bücher halten, Salomon Jehuda. Er ist der Erste iu der Schute und so wohl in der heiligen Schrift bewandert, daß er sogar lnanchen von uns Alten beschämen kann, und dazu ist er lebhaften Charakters und scharfsinnig. Schreitet er so vorwärts, wie er begonnen hat, und lvillst Du Geld an seinen Unterricht wenden, danll wird Dein Sohn eines Tages der gelehrte Rabbi David ben Jehuda genannt werden." Ob er auf die Kenntnisse seines Sohnes Geld verwenden wolle? Natürlicherweise wollte er das: Wofür lebte er denn? Wie konnte inan so fragen? Salomon Jehuda handelte mit Schlnucksachen und edlen Steinen, ltub man sagte, daß er lnitunter schönere uitb seltenere Sachen zu verkaufen habe als irgend ein anderer jüdischer oder christlicher Goldschmied in ganz Prag. Er hatte daher verschiedelle vornehme Kunden, die sich nicht bedachten, die engen Straßen und Gassen int Judeuguartier zu durchwandern, um seinen Laden aufzusuchen. Dieser lag zlvischen den übrigen offenen Läden lvo man mit alten Kleideril, mit Schuhen, mit Früchten und Grünkraut handelte, und wo ein fortwährendes Plauschen und Geschwätz mit ihren Kunden stattfand. Eirtes Tages kam eine vornehm gekleidete Dame zu ihn:, um einen Schmuck Zu kaufen, ben sie als Brautgabe zu verschenken beabsichtigte. Sie gehörte nicht zu seinen früheren Kunden, und er kannte sie llicht. Aber es war eine freundliche und offenherzige Dame. Sie machte auch keine weiteren Schwierigkeiten, als er den Preis für den Schmuck nannte, den zu kaufen sie bestimmt hatte. „Ich hatte gehört, daß Ihr eilt ehrlicher Kausinann seid, Meister Jehuda," sagte die Dante, „ttnd wenn Ihr sagt, der Schmuck ist so viel werth, dann glaube ich Ellch aufs Wort. Ich bin die Wittwe des Rathsherrn Palacky und wohne in der Elisabethstraße. Der Schmuck ist zur Hochzeit meiner Schwestertochter bestimmt. Ihr könnt ihn mit* heute Nachmittag mit einen: zuverlässiger: Boten schicker:, dann bezahle ich die Sumu:e bei der Ablieferung." . . . Während Salomon Jehuda die Adresse der Darne aufschrieb, trat der kteii:e David vor: der Straße u: den Laden eit:. Er lvar zehn bis zwölf Jahre alt, etwas klein ur:d schmächtig für sein Atter. Allein den schön geformten Kopf mit dunklem, leicht gekräuselten: Haar, die prächtigen Augen und den feinen ausdrucksvollen M:u:d mußte ein Jeder sofort bemerken. Die Dame betrachtete der: schönen Knaben. „Ist das Euer Sohn?" fragte sie der: Meister Jehuda. Salomon Jehuda nickte n:it unverkennbaren: Stolze mit dem Kopf: „Es ist ruein und nreiner verstorbenen Lea Sohn. Er sieht seiner Mutter ähnlich!" „Dann muß Eure Frau ein schönes Weib gewesen sein," äußerte Frau Palacky. „Er ist ein kluger und ein gltter Junge, Euer Gnaden! Das rechne ich für ebenso gut wie . . „Nur schade, daß er Jude ist!" sagte die vornehrue Dame, inden: sie leicht die Schultern zog. Salornon Jehuda lvar in: Begriff, das abgeschlossene Geschäft in sein Hauptbuch einzutragen; aber er zitterte plötzlich mit der Hand, so daß er die Tutte auf die zierlichen Buchstaben, die er geschrieben hatte, ausgoß. „Weshalb sprecht Ihr so, Euer Gnaden?" fragte Salomon Jehuda in höflichen: Ton. „Sind denn Juden nicht auch gute Menscher:? Herrschet: tricht Kentttuisse und Klugheit unter den Juden?... Kann ein Jude nicht auch ein ehrlicher Manr: sein?" „Euer Sohn sieht aufgeweckt u::d klug aus," sagte die Dame, inden: sie den kleinen Knaben mit wachsender Theilnahme betrachtete. „Ich selbst bin eine eifrige Gläubige, und es thut mir leid, daran denke:: zu n:üssen, daß ein so prächtiges und schönes Kind der einzig seligmacheuden Kirche verloren sein soll." „Nl:u, Euer Gnaden —" Salornon Jehudas Hände zittertei: diesmal stärker, aber er sprach denr:och eben so höflich rvie zuvor: „Ich handle mit Schmucksachen r:nd mit edler: Steinen, gnädige Frau — aber ich disputire nicht über die Religion."