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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-05 · Heft 1 (5.1.1900) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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10 Hat sie vergessen, daß die gesammte gebildete Frauenwelt nicht nur, fonbeni die gesummte Frauenwelt überhaupt iuh den allzufrühen Heimgang Jeanette Schwerins schinerzerfüllt trauert? Mall wird zugebeu, daß alle diese hier genannten hochherzigen Jüdinnen veredelnden Einfluß auf ihren großen Bekanntenkreis ausübten irnd sonlit in der laugen Reihe von Jahrerr der Frauenfrage immer neue Allhängeriilllell gewallliell, und das Interesse, das vielleicht Anfangs nur in ben gebildeteren Kreisen für die Frauenfrage erregt wurde, sich allmälig breiteren Schichten mittheilte. Vorwiegend waren es sogar jüdische Kreise, denen die Frauenfrage synipathisch lvar. In meiner kleinen Heimathstadt Lissa, PrvvillZ Posen, bildete sich schon in der zloeiten Hälfte der sechziger Jahre eine Bereinigllng voll hochstrebenden Frauen und Jungfrauen, darunter viele Jüdinnen, loelche sich für die Frauenbewegung begeisterten; die verewigte Frau Senatspräsident Ulrike Hendschke, Schwester von Frau Dr. Eöldschmidt, deren Gatte damals Kreisgerichtsdirektor inFraustadt lvar, hielt treffliche Vorträge. Und hierin Breslau sind Jüdinnen im Vorstande des Frauenbildungsvereins, des „Frauenwohl", deren Mitglieder sind Jüdirulen zu Hunderten, ulld der „Israelitische Jungfrauenverein" läßt seit Jahrzehnten Mädchen zu segensreicher Berufsthätigkeit ansbilden. Fraglos wird es für alle Zeiten das Ziel der Wünsche jüdischer Eltern bleiben, ihre Töchter durch eine Heirath zu versorgen, allein sie sind glücklicherweise besonders im letzten Jahrzehnt mehr und mehr zu der Einsicht gelangt, daß die sozialen Verhältnisse gebieterisch ebenso die Erziehung und Ausbildung der Töchter zu Berufsthätigkeit fordern wie die der Söhne. Und sogar in den bemittelten Familien finden u>ir es häufig, daß die Töchter zu einem Berufe ausgebildet lverden. Die Töchter, die als Lehrerinnen, Erzieherinnen, Buchhalterinnen, Verkäuferinnen u. s. w. wirken, brauchen ja keineswegs zum Cölibat zu schwören und können stets noch später als zielbewußte Gefährtin den Gatten beglückend, den ureigentlichen Beruf der Frau erfüllen! Aber das Wort „Die Frau gehört ins Haus", hat sich überlebt, da es nicht-in der Macht der Eltern liegt, den Töchtern Häuser zu erbauen; das betont Bebel in seinem trefflichen Buche „Die Frau" ebenso wie Professor Theobald Ziegler in seinem epochemachenden Werk „Die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehntel! Jahrhunderts" in der meisterhaften Behandlung des Kapitels „Die Frauenfrage". Es ist eine ganz irrige Anschauung, daß man in ullseren Tagen noch die Geburt eines Mädchens mit geringerer Freude begrüßt als die eines Knabells; es hieße dies ja von vornherein die Minderwerthigkeit der Frau, gegen welche Annahtne wir uns so energisch sträuben, zugestehen! Es ist eine eben so irrige Anschauung, ja es ist als eine Sage, die der Vergangenheit angehört, zu betrachten, daß Töchter, die nicht heirathen, als verbitterte alte Jungfern ihr Dasein hinbringen. Unverheirathete Töchter sind der Sonnenschein, die liebevollen Pflegerinnen und Ernührerillnen ihrer alten kranken Eltern, oft bei Weitem hingehender^ und aufopfernder als die Söhne! Unverheirathete Schroestern erweisen sich als die guten Hausgeister, ja als wahre Haussegen in den Häusern ihrer verheiratheteu Geschwister; Nichten sind nicht die Aschenbrödel in den Familien ihrer Anverwandten, sondern lverden hochgehalten und geschützt. In mehreren mir bekannten Familien haben Töchter ans gebildeten Kreisen die Erziehung mutterloser Killder mit Liebe und Hingebung geleitet, sind als erprobte, bewahrte und geschützte Freundinnen bei dem vereinsamten Hausherrn geblieben als die Kinder sich den eigenen häuslichen Heerd gründeten, und genießen bei diesen die Rechte mütterlicher Freundinnel! und bei deren Kindern schon fast die der Großmutter! Es ist als ein außerordentlicher Fortschritt unserer Zeit zu preisen, daß die jüdische Frauenwelt längst in breiteren Schichten, ans Lethargie und Indolenz aufgerüttelt, Dank dem Beispiel und Vorbild hochstrebender Frauen, auch erkennen gelernt hat, daß „das Recht auf Arbeit" ein Jeder hat, der arbeiten will; Arbeit findet ein Jeder, der sie sucht! Zu Arbeitslust und Arbeitsfreudigkeit sollen und müssen unsere Kinder, gleichviel ob Knaben oder Mädchen, erzogen werden. „Ueber alles die Pflicht", muß der Wahlspruch unserer Kinder, Söhne und Töchter sein! Arbeit und Pflichterfüllung sind in jeder Lebenslage nothwendig. Immer mehr erschließen sich unseren Tüchern neue Bernfsarten. Wer mit offenen Augen um sich blickt, freut sich der Errungenschaften der Zeit; die Hörsäle der Universitäten öffnen sich mehr und mehr unseren Töchtern; hier heißt es allerdings „Viele sind berufen und Wenige auserwählt", und wo nicht hervorragende Begabung vorhanden, hüte ruan sich, einen gelehrten Berus zu wählen. Was jüdische Frauen in der zloeiten Hälfte des scheidenden Jahrhunderts angeregt und gefördert, wird im neuen Jahrhundert noch ausgestaltet werden, zürn Segen des weiblichen Geschlechtes der Gesanuntheit. Jüdischen Frauen gebührt das Verdienst, einen weittragenden Einfluß auf die Reform des gesammteu . Müdchenerziehungslveselis ausgeübt zu haben; jüdische Frauen und Töchter lvirken in hervorragender Weise in Kunst und Litteratur, auf dem großen Gebiete der Wohlfahrtseinrichtungen lvie in allen Berufszweigen, die überhaupt dem weiblichen Geschlechte zugänglich sind. Dies kanri uns an der Wende des Jahrhunderls mit gerechtem Stolze erfüllen; aber daß die jüdische Frauenwelt an der Frauenbewegung seit ihrem Beginn den lebhaftesten Antheil hat, ist eine alt- und allbekannte Thatsache. EUILLETON Solomon Iehudas Sohn. Bon Wilhelm Oestergaord. Dem Dänischen nacherzählt von Emil Jonas. Antorisirte Uebersetzung. fei einem Besuch in Prag besah ich auch die Merkwürdigkeiten der Tein-Kirche. Der Kirchendiener hatte Tycho de Brahes Grabmal, die Kanzel, von der Johann Nepoinuk und Huß gepredigt haben sollen, die Marienkapelle mit den Marmorstatnen der böhmischen Apostel Cyrill und Methud und die anderen Sehenswürdigkeiten, die sich in dieser merkwürdig alten Kirche befinden, vorgezeigt. Er blieb dann vor einer Tafel, die in der Wand hinter einem der letzten Pfeiler eiugemauert war, stehen, und indeni er auf die halb unleserliche Inschrift zeigte, sagte er: „Hier liegt ein klemer Judenknabe begraben; er war zum katholischen Glauben übergegangen und wurde ans diesem Grunde von seinem Vater getödtet." Und dann trippelte der Kirchendiener weiter, als ob sich über diese Sache nichts mehr sagen ließe. - * i *

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