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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-05 · Heft 1 (5.1.1900) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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9 vergönnt war, den Moralpredigten des Kelmer Maggids zu lauschen, föimte man doch kein treues Bild derselben geben. Seine in die Predigten eingeflochtenen Mesehalim (Gleichnisse, Bibelsprüche, Sagen, Legenden) sowie eine Reihe von all seinen Nainell geknüpftell Scherzen und Anekdoten sorgten, voll Mllnd zu Mllnd traditionell überliefert, Eigenthum des jüdischen Volkes in Rllßland itnb Galizien geworden, für das stets lvachsellde Ansehen, für Niulbils llnd Popularität dieses Mannes. Ullerreicht lvar der Meister der Redekunst, lvenn es galt, vor den Zuhörern ein Bild des Jellseits, des Paradieses ulld der Hölle, zu entrollen. Ohne jemals wohl allch nur beu Raulen voll Dante gehört zll haben — denll er war ein Finsterling tu des Wortes wahrster Bedelltullg, und jedes Wissen, jede Bildung, sobald sie llicht talmildisch-religiösen Inhalt hatte, lvar ihnl verpönt — zeichilete dieser Meister mit Vorliebe die Wonnen des Paradieses, die Schrecknisse der Hölle ill den grellsten Farben. Die Zuhörer glaubten alsdann mit ihm die schaumenden, tosenden Fluthell des Flllsses Sambatiou oder des Flllsses Dinor zll gewahren, die aus der Unterlvelt emporbrachen, brausend ulld stürnlelld in denl nratten Bette au die Fesseln der Ufer anschlagend und zur Hölle führelld. Sie sahen die alu Eillgaug derselben als Wachen ausgestellten schwarzen, zählleftetschellden Hullde mit den geflochtenen Schwänzen imb den feurigen Angell, voll Zeit zll Zeit gierig die langen rothell Zllngell hervorstreckend, sie saheil das ganze Höltenpanorama mit allell seinen Allsulld Eingängen, feinen Vorhallell lllld Kammern, Feuerkesselll und Ofenbrällden lt. s. lv., saheil Schwefel ulld Pech aus seinem Munde auf die voll ernten Werkell elltbtößtell Menschenseelen herniedertränfeln. Das lvar das liebste Theula seiner Moralpredigteil. Anl schärfsten geißelte er die „Profanen" wissellschaftkichell Bücher. Sie erschielrell ihlll verderbenbringend für die Menschheit, indenl sie die Religion untergraben uub dem Zweifel Thür und Thor öffllen. Es giebt fast keine Stadt ill Rllßland lllld Galizien, ill der der Wanderredner llicht einmal wenigstens eine Moralpredigt gehalten Hütte, und überall wo er erschien, zeigtell sich bald die Spurell und Eindrücke seiner das Bolksgemüth tief ergreifenden Moralreden. Im Jahre 1870 ließ er sich ill Millsk häuslich nieder. Später siedelte er nach Mlawa über, 1888 folgte der Maggid einer Einladung des Chiefrabbi Dr. Adler, der deil seltsalnen Manll kellnen lernell lvollte, nach London. Voll dort zurückgekehrt, zog er vor .zehn Jahren alt lllld schwach nach Lida, wo er im Hanse seines Sohnes gastliche Aufnahlile nnb Pflege falld. Vor zlvei Jahren erschien fein Werk: Thochachat Cliajim „Moral des Lebens." Hier zeigte der Maggid, daß er auch ein feder-gewandter Hebrüist war. Jedoch erreichte er mit seinem Werke auch nicht annähernd den Erfolg, ben er durch seine Predigtell Überall gefunden hatte. Zum Schluffe nur zwei Anekdoten zur Charakteristik dieser Redekllllst. Einst begann er eine Mußar- (Moral-) Predigt mit folgeildeil Worten: „Ei, Juden, .Inden, Inden, .... wie lange noch werdet ihr sein Jndell.im Golus (im Exile)?" Ein anderes Mal verglich er die Juden mit Pferden. „Gute Pferde gehorchen dem Willke ihres Herrn. Schlechte Pferde dagegeil feien selbst durch Peitschenhiebe nicht zum Gehorsam zu bringen. Die Frommen, die llur auf eine Andeutung jedes religiöse Gebet erfüllen, das feien gute Pferde. Die Frevler, die selbst durch Züchtigungen nicht zll bekehren ftnb . . seien gar keine Pferde." Immerhin — abgesehen von seinen farlatisch-religiösen Anschauungen --darfman die Verdienste dieses Wanderpredigers für seinen Kreis nicht unterschätzen, lllld es lohnte sich wohl, ihm diesen kllrzen Nachruf zll widmen. Er starb im Alter voll 72 Jahren. .). Frg. Aie Frmrenfrage an der Wende des Iahrchnnderts. Voll Reg i na Nei fser. Z^x-in Appell an unsere Frauen, mehr und inehr die Erkellntniß zll gewinnen, daß die Frallellfrage ill llnseren Tagen zu einer der brennendsten Fragen gelvordell ist, kalln llienlats schadell; es berührt nur sonderbar, meint die Verfasserin des Artikels „Roch etwas über die Frallellfrage" in Nlllnnler 50 dieses Blattes vermeint, bamit eine neue Anregung zil geben oder Propaganda für die Frallellfrage an dieser Stelle zll nlachell. Als ich hellte biefen Aufsah las, fragte ich lllich kopfschüttelnd: „Lebt die Dame ill der Welt? Liest sie dieses Blatt?" Am 7. Juli 1898 bin ich ill Nr. 27 dieses Blattes lebhaft unter dem Titel: „Wie sorgen wir am bestell für llllsere Töchter, lvenll dieselben nicht heirathen?" für die Erziehung und Heranbildung der jüdischell Töchter zu Lebenstüchtigkeit lllld Erwerbsfähigkeit eingetreten, nild vor lllld liach mir ist dies von berufener Seite geschehen! Die Frallellfrage hat nichts Konfessionelles an sich, sie ist 311m Brennpunkt des Interesses der gesanllllten Frauellwett in beiden Welttheilen geworden. Dank der verschiedenartigstell Anregungen, die ill bicfem Blatte schon gegeben wordell silld, sieht llicht nur ein geringer Brnchtheil der jüdischen Frauellwett, wie die Dallle allnimlnt, sondern zum Glück der größte Theil derselben die hohe Wichtigkeit ulld große Tragweite der Frauenfrage sehr wohl ein. llnd nicht nur dies! Als vor mehr als dreißig Jahren die Frauelibewegung ill Deutschland ihren Ansallg nahul, als hochgesinnte Frauen, erfennenb, daß eine Reform ill der Erziehung und Ausbildung urrserer Töchter zlrr höchstell Nothweildigkeit gelvordell, zusarumentraten, da standen neben der verewigten Frall Luise Otto-Peters und Fräulein Auguste Schlllidt, lvelch letztere noch mit aufopferndster Hingebung ihres Allltes lvaltet, jüdische Frauen all der Spitze, die llvch unter ben Lebenden weilen, imb die mv mit Stolz zu den Führerinnen ulld Trägerillnen der deiltschell Frauenbewegung zählen, Frau Lina Morgensterll, Frau Dr. Hellriette Goldschmidt llnd Frt. Jenny Hirsch. Die Saat, welche^diese ebleit und tapferell Vorkämpferinnen der deutschen Franenbewegllng allsgestreut habell, hat auch ill den lveitesten Kreisen der jüdischen Frauenwelt die schönsten Blüthen und Früchte gezeitigt, und selbst die heftigsten Gegneriilllen der Frauenbewegung sind ihr allmätig gewonnen worden. Ich frage noch einmal: Hat die Verfasserin die herrliche Lebensskizz.e gelesen, die Ailgnste Schlllidt ihrer edlen Gesimlungsgenossill Frau Dr. Goldschrnidt anläßlich ihres 70. Geburtstages an dieser Stelle widmete?

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