Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Slonim 1× ep/1000502
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8 üdis ch en Mitbürgers in Dankbarkeit anerkannt und dadurch indirekt allsgesprochen, daß sie bereit sind, ohne Rücksicht auf die Konfession, jedem Menschen die höchsten Ehren zu erweisen, wenn er sich derselben würdig macht. TieElltdeckullg des hiesigen mächtigen Steins alz lagers ist ausschließlich das Verdienst Michael Levhs. Zu einer Zeit, wo kein Sterblicher noch an das Vorhandensein eines Steinsalzlagers dachte, behauptete er apodiktisch, der Boden Jnowrazlaws müsse einen Reichthum voll Salz iit sich bergen, und er ließ Jahre lang au allen Ecken ulld Enden der Stadt auf seine Kosten bohren, scheute lveder Mühen noch Geldopfer, bis endlich fein Streben, seiner Vaterstadt eine Quelle reichen Segens zu erschließen, von glücklichstein Erfolge gekrollt nlld das Steinsalzlager entdeckt wurde. Als die Regierung ihn für seine Mühen ulld Kosten entschüdigell wollte, lehnte er jeden Dank ab nlld begllügte sich mit dem Bewußtsein, sich seiner Vaterstadt Jnowrazlaw füralle Zeitell nützlich gemacht zil haben. Die Straße aber, in der das Steinsalzlager in ben Tiefen der Erde rrlht, heißt ans Beschluß des Magistrats irnd der Stadtverordneten für ewige Zeiten „Michael Levy-Straße". Wellll Sie noch fragen, wer ltlrd loas Blich ael Levp war. so muß ich antworten: Irr erster Reihe ein Talnlid Chachanr, ein Mann der Wissenschaft, ein jüdischer Gelehrter voll hervorragender Bedeutung. Er war fetneni Berufe nach allerdings Großkailßilallll, in seillem Kollltor wurden große Geschäfte gelllacht; was war nlld galt ihlll aber das Geschäft gegenüber der Wissenschaft! Er steckte fortwährend iu seiner großartigen Bibliothek, für die er Tausellde ulld Tausende voil Thalern geopfert, stlldirte fortwährend Bibel, Talulud, Midrasch wie die moderne deutsche und frall.zösische Litteratur auf j ü d is ch e m Gebiete, korrespolldirte mit den grössten Gelehrten Europas, veröffelltlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, unterstützte unbemittelte hilfsbedürftige Gelehrte in ben verschiedensten Orten und Städten ulld ward so Kraft seines Scharssillns, seilles Gedüchtllisses, feiner allßerordentlicherl geistigen Begabung einer* der hervorragendstell Förderer der Wissenschaft unserer Zeit. Dieser seiner ungewöhnlichen Intelligenz verdallkt Jnowraztaw seinen Aufschwung, feine Jlldustrie, feinen Ullgelvöhnlich großen Verkehr, und loas lllehr ist, als alles, feine große vielverheißende Zukunft. Nicht nur das Salzlager, auch der Bau der Eisenbahnstrecke Thorn-Jnowrazlaw-Posen, auch die Schiffbarmachung der Netze ist sein Werk, und so erfüllte sich au diesem Gottbegnadeten, von aller Welt aufrichtig verehrteil Manne jene göttliche Verheißung : „Sei und lverde ein Segen der Menschheit". Herr KolNlllerzieilrath Julirrs Levh ist der würdige Sohll seilles Vaters. Die ^lemier, die dieser Sohn in Provinz, Stadt uild Gemeinde bekleidet, zeugen genügend für das große Ansehen, dessen sich dieser hochgebildete llnd durch mib durch bescheidene Manu in allen Kreisen erfreut. Herr Kommerzienrath Levh ist Stadtverordnetellvorsteher, Vorsitzellder des Repräsentantenkollegiuuls, Mitglied des Provinziallandtages iit Posen, Vorstandsmitglied der Handelskammer in Brom*- berg, Mitglied des Kreistages, Vorsteher des vaterländischen Frauenvereills u. s. w. Ihlll gegenüber schlvilidet jeder Antisenlitismus, jeder Nativnalitätsdünkel und jedes Borurtheil. Alltiselilitell, Polerl und Deutsche, Alle fiub stolz dararrf, Julius Levh als Vertreter der Stadt oder Provirrz lvählen zrl köllnen, trotzdem sie Alle wissen, daß er ben Glauben seiner Väter, das Judenthum, hoch und heilig hält. Wenn ich lloch hinzufüge, daß in diesem Hause, in dem — nebenbei bemerkt — der Erbprinz von Meinirrgen, der Schwager des Kaisers, auf seiner Generalstabsreise vor zwei Jahren mehrere Tage gewohnt und gespeist, daß in diesem Hause die Schleusen der Wohlthätigkeit stets geöffllet unb demselben unablässig reicher Segeil entströmt, daß Frau Kommerzieurath Levh als Vorsitzende des jüdischen Frallenvereins, als hervorragendes Vorstandsmitglied des vaterländischen Franenvereins eine großartige allumfassellde Thätigkeit auf dem Gebiete der Nächstenliebe entfaltet, habe ich zur Genüge allgedeutet, daß dem Harlse Levh auch in unseren Tagen „Priester im Heiligthum der Menschheit" entsprießen, die bem Judenthum wie der Menschheit zur Ehre gereichell. Der Maggid von Keim. f er Kellner Maggid ist nicht lllehr! Der weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus befauiit, ja populär irnd berühmt gewordene Wanderllnd Wunderprediger voll Kellll hat ill stiller Zurückgezogenheit in Lida lGouverllenlellt Wilna) feinen frömmelt Geist ausgeharlcht. Bioses Isaak, der Prediger voll Kellll, wurde ill einem kleinen Städtchen bei Slolliln illl Jahre 1827 als Sohn eines armen jüdischell MelanlUled (.Kinderlehrers) geboren; er besuchte die Jeschibah zu Slonim, eignete sich dortselbst durch allfopfernden Fleiß und schätzenswerthe Energie - selbst ill ben ärmlichsten Verhältnissen lebend eine derartige grülldtiche Kenntlliß der hebräischen Religionswissenschaft an, daß er kurz nach seiner Verheirathung, llachdem er eill gegründetes Gewürz- Ulld Koloniallvaarengeschäst aufgeben nlußte, zllnr Rabbinatsassessor unb Btaggid lPredigerder Gemeillde Nowi Musch sGouverueulent Millsk) gewählt lvurde; später siedelte er nach Säger über, wo er mehrere Jahre denlselben Berufe allgehörte. Dallll kaul er nach Kelnl. Aber allch hier fand er nicht die Befriedigullg in bem Berufe eines Stadtpredigers. Voll überreligiösell Ideen geleitet, drängte es den frommell Eiferer des Glaubells, bereits nach drei Jahren seiner Thätigkeit diese Stellung aufzugeben llnd zur Besserung der „sündigell Mitloelt" Warlderreiserl zrr unterllehlllen. Von Stadt zu Stadt, von Geilieillde zll ©emeinbe zog der mlernlüdliche Wanderprediger, und überall geißelte er ulit redegewandter Zullge wie mit einem zweischneidigen Schwert das Laster llnd die Ulnnoral der Zeitgenossen. Vor feinen strafelldell Wortell gillg llichts ullschuldig hervor. Die Jungfrau erschierl ihm'unkeusch, die auch nur im harmlosen Tanz männliche Berührullg erduldete, die Frall, die zllr Hochzeit ihren Haarschmuck sich nicht rauben ließ, mtb der Malln, der sich mit anderer als religiöser Litteratur — selbst mit hebräischen Werken — befaßte, erschiellell ihm gleich verdarnnlenswerth. Es ist sehr schwer, ein Charakterbild dieses wllnderlicheu Menschell zu entrollen. Seine Redekunst, die Art ulld Weise seines Vortrages haben die Gestalt dieses Mannes in Rußland und Galizien volksthümlicher gemacht, als wohl jenlals die Meister der Redekullft ill Delltschland Popularität erlangen koniltell. Alle Die, welche jemals seine feurigen eigenartigen Predigten mit angehört haben, werden den Redner sicherlich nicht vergessen haben und Delljenigeil, dellen ^es glicht