Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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und mit ihm dem jüdischen Mittelalter einen Glanz verliehen zu habeil, dem sich die Weltlitteratur nicht mehr wird verschließen können. — Nitr eine Furcht beschleicht uns: sein Werk wird keinen würdigen Fortsetzer, Vollender finden. Denn David Kaufmann war der universellste, durchgebildetste und geistvollste Vertreter derjüdischen Gelehrsamkeit, und die Jahrhunderte beeilen sich nicht mit dem Hervorbrillgen gleichwerthigeu Nachwuchses. Er war ein hellenischer Jude. Schönheits- und Formensilln, sprühender Witz und hinreißende Begeisterung paarten sich in ihm mit jüdischer Innigkeit und tiefer Frömlnigkeit. Auf dem Sterbebette schmerzte es ihll, die Gebetriemell zuln Morgengebete nicht angelegt haben zu können. Die fehlerhafte, unkorrekte Herausgabe eines jüdischen Buches war in seinen Augen ein Verbrechell anl Judenthume, imb zlveifellos hätte sein Beispiel auf die litterarischen Erscheiuuugell der jüdischen Wissenschaft läuternd gewirkt, wie es ja thatsächlich auch jetzt schon selbst nach dieser Richtung segenbringend gelvesen ist. — Welt- und Salonmanil in edelstem und vornehmstem Sinne des Wortes, war er freundlich, entgegenkommend gegen Jedermann, ein Entzücken der Gesellschaft, in der er sich belvegte, mögen es strenge, oft formlose Gelehrte, oder Litteratur naschellde Damen sein. Alles all ihm athmete Kunstsinn lind gefühlvolles Elnpfinden. Sein Briefwechsel, der bis in die höchsten wissenschaftlichen, litterarischen und staatlichen Kreise hinaufreicht ulld dessen ausgewählte Sammlung ulld Herausgabe großen litterarischen Werth besäße, giebt feine volle Persönlichkeit wieder, und selbst bem geringsten seiner Junger versagte er nie ein verbindliches, aufmnnterndes, belebendes Wort. - Und wie unerreicht stand er als Lehrer da! Ohne jede Spur von geisttödtender Pedanterie bot er in einer Viertelstunde mehr Anregung, als Andere mit stundenlangen Vortrügen. Es war ein Labsal, ihm zu lauschen, lvie er mit leuchtenden Augen, mit strömender Beredtsamkeit sein Wissen seilleu Hörern nlittheilte, sie aneifernd, anspornend,- unvergessell bleibt Jedem, deni es gegebell war, zll seinen Füßell zu sitzen, dies strahlende Antlitz, über das Wissen Mld Geist ihr bezauberndes Licht gegossen haben. Das lvar David Kauflnann. Mit 47 Jahren, in vollendeter Blüthe, ist er zum unsagbaren Schmerze der jüdischen Wissenschaft uns entrissen lvorden. Möge sein Andenken nicht nur von Geschlecht zu Geschlecht weiter leben, solldern ein weithin leuchtendes Vorbild bleiben, das uns den Weg gezeigt, der jüdischen Wissenschaft in der Weltlitteratur die ihr gebührende volle Gleichberechtigung zu verschaffen. - Für den Begilln des neuen Jahrhunderts hat David Karrfmaulr der jüdischen Wissenschaft Zweck und Ziel vorgezeichllet. Antisemitismus im Studentenleben. f er Ansichten- und Gefühlskreis der Studenten ist für den Außenstehenden auch jetzt noch etwas völlig Unbekanntes. Der Zauberkreis, beit er einst unter geheimuißvollen Blicken und Formeln um sich gezogen hat, verhilldert ein eventuelles Eindringen in seill innerstes Wesen, und nur gewisse außergewöhnliche Ereignisse gestattell dann zuweilen einen kurzen Einblick. Wenn nämlich der Zülldstoff, welcher sich so in den Gemüthern innerhalb der Studentenschaft angesanunelt hat, durch irgend ein erregendes Moment zur Erplosion gebracht wird, dann erhellt der emporlohende Feuerschein für Augenblicke das ganze, sollst so sorgsam mit dem llächtlichen Schleier des Geheiuulisses Ulnzogene Gebiet. Und liun weist sich dem Beschauer ein Bild, welches der Wirklichkeit ullendlich llahe kommt; denn im Weine llicht llur, sondern auch in der Leidenschaft tritt die wahre Natur eines Mellschell in uuverhüllter Nacktheit zu Tage. Gerade im Kampfe läßt die Wahl der Mittel und die Art ihrer Verlvendullg sofort einen Schlllß allf dell Charakter der streitenden Parteien zu. Au: 8., 9., 11. lllld 12. Dezelllber fallden die Wahkell zum Direktorillm der akadeulischell Lesehalle in Berlin statt. Da die Berliner alma mater im Gegensätze zu fast allell anbeven deutschen Ulliversitäten einen Ausschuß der Studentenschaft llicht kennt, so hat sich dieses Direktorium zu einem provisorischen Ersätze dafür entwickelt. Daraus aber läßt sich leicht die Bedeutung erklären, welche diesen Wahlen im Allgemeinen beigemessen wird, illdem es sich bei ihnen darum handelt, welche Elemellte der studirelldeu Jugend hier die herrschenden sein sollell. Die Parteien, welche sich dabei seit jeher gegenüber gestallden haben, sind folgende: Alls der'einen Seite hat die Führung des V. d. St. (Verein deutscher^ Studenten), welcher ausgesprochen antisemitische Tendellzen verficht. Aus dem Troß, welcher ihm nachtrottet, vsrdienell vielleicht lloch der B. C. (bie färben* tragenden Turnerschaften), die Verbindullg Willgolf und der Nationale Verband wissenschaftlicher Vereine erwähnt zil werden, weil ihnerr nämlich für die artige Bereitlvilligkeit, mit lvelcher sie ihrenr Herren nnb Gebieter Gefolgschaft geleistet haben, je eill Sitz im Direktoriuur gewährt luovbeit ist. Ihnen gegenüber stehen auf der anderen Seite 'die F. W. B. (Freie wissenschaftliche Vereinigung) lllld der Sozialwissenschaftliche Studenteuvereill. Zu diesen beiden Parteien silld in diesem Jahre noch hiuzugekommen Kandidaten der orgallisirten Finkenschaft, d. h. der organisirten nichtinkorporirten Studelltenschaft und des Katholischen Studentenvereins „Askania". Zu bemerken lväre noch, daß zwei andere Nichtinkorporirte sich rurter die Dienerschaft des Verbandes deutscher Studenten genlischt haben. Als Erster auf dem Kampfplatze erschien der Verband deutscher Studenten mit einem Flugblatte, welches mit theatralischem Pathos die alte Parole: „Hie national — hie antinational" in die Welt hinausposannte. Die sonstige Haltung dieses Flugblattes kann lllan aus der ihm auf denl Filße folgenden Bekamltmachung des Rektors ersehen, welcher darauf aufulerksam macht, „daß die öffentliche Verbreitung von Wahlflugblätteril studentischer Sitte nicht entspricht und mit der akademischen Ordnung unvereillbar ist, um so welliger, wenn in s ol ch en Flugbl ätte rn Angriffe gegen Kommilitonen enthalten sind, welche den akademischen Friedell in unserer Studentenschaft stören und gefährden." Da die öffentliche Verbreitung von Wahlflugblütterll zugleich überhaupt bei Strafe verboten wurde, so war es den Gegnerll damit unmöglich gelllacht, korporativ den gegen sie gerichteten Angriffell entgegen zir treten. Infolgedessen erließ Herr Dr. Willy Pleßner, ein ehernaliges Mitglied des Direktoriums, im Aufträge der Alten Herren der „Freien Wissenschaftlichen Vereinigung" einen Aufruf an alle Kommilitonen, welches das veraltete, aus der Rumpelkammer hervorgeholte, lächerliche Schlagwort „hie national, hie alitinational" ihrer gesulldell, nüchternen Kritik überläßt. — Bedeutungsvoller jedoch ist die Antwort des „Sozialwissenschaftlichen Studelltellvereins", insofern nämlich, als die darauf erfolgende Erklärung der sich *) lies: teutscher.