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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-01-05 · Heft 1 (5.1.1900) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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erhclltung des in der Generalversammkllng gefaßten Beschlusses ein. Die Mißstände aus diesem Gebiete seien seit der Zeit schon wesentlich gemildert lvorden. Vogelstein bedauert ebenfalls die Weigerung der beiden Anstalten. Er habe die Empfindung gehabt, als ob einige Herren, die dem vorjährigen Beschluß zngestimmt hätten, später anderen Sinnes geworden seien. Auch für die Breslauer- Anstalt habe die Prüfung aller Kandidaten etwas Mißliches. Es sei als selbstverständlich erachtet worden. daß mehrere Kommissionen ernannt würden, und er halte auch diesen Beschluß nicht für unausführbar. Es sei doch nicht zu leugneil, daß an den Anstalten einige Kandidaten die Prüfung nicht vornehmen lassen könnten, bei denen ganz private Gründe, z. B. langjährige Abwesenheit vom Institut, vorlägen. Auf keinen Fall dürfe der Plärr auf Einsetzung voll Kommissionen fallen gelassen lverdell. Horovih bringt in Erinnerung, daß er sich entschieden gegen die Konnnissiouen ausgesprochen hätte und daß es mit zunl Theil seine Schuld sei. daß die Koiilmissionen nicht zu Staude gekommen seien. Dr. Mahbaum niacht geltend, daß luan aus dem Dilemrna herauskonnnen müsse, nicht weil der Beschluß zur Zeit gefaßt lvorden, soildern lveit es durchans nothwendig sei. .H or ovitz ist der Allsicht, daß die llächste Generalversammlung das nachholen müsse, was die vorjährige versäulnt hatte, llämlich die Wahl der Komniissioueu. die der Eentralallsschuß llicht berechtigt lväre, vorzunehmen. Die Frage müsse also vorläufig bis zur nächsten Generalversammlung vertagt lverdell. Werde sich bis dahill ein Ausweg finden lassen, so sei es lwl so erfreulicher. Werner giebt zu, daß Horovitz formell Recht habe, doch müsse man vor die Generalversattlnllllllg mit einem definitiven Beschluß tretell. Dieser Beschluß könne nur darin bestehen, der Generalversammlung vorznschlagell, zlvei Komillissiollell, aus je drei Mitgliedern bestehelld. mit dem Rechte der Kooptation zu ernenuen. H o r o v i tz hebt hervor, daß sich mit diesem Vorschläge erst die llächstjährige Sitzung des Centralausschusses zll befassen hätte, welche die Tagesordnllilg für die Generalversammlung sestsetzell niüsse. Kopfstein bittet, zur Frage dahill Stellung zll nehmen, daß Horovitz bereits heute erkläre, ob er eitler solchen Kommissioll angehören wolle oder nicht. Sei die Frage ungelöst, so liege die große Gefahr vor. daß sie voll Nenem in der Generalversammlung angeschnitten lvürde. Guttmanll sllcht dahill zu vernlitteln, die Frage bis zunl llächsten Jahre zu verschiebeil. vielleicht ergebe sich bis dahill eille andere Lösllllg derselben. Erkläre Horovitz bereits heute, daß er einen Komlllissionssitz annehme, so könlle mall zufrieden sein. Es scheille ihnl in dieser Frage ein Konflikt zll drohen, aber die Schaffung einer Instanz für die Prüsmlgell sei durchaus wünschenswerth. Der Verballd föime sich jedenfalls mii freuen, den Beschluß damals herbeigeführt zu habell. Vögelst ein vermuthet doch lloch, daß eillige Grüllde gegell die Eillsetzuug der Komulissiollen llicht in der Gelleralversanlmlulig bekanllt gegebell seien. Horovitz erklärt sich außer Stande, 311 dieser Frage Stellung zu nehnlen, ohne vorher nlit Dr. Anerbach-Halberstadt eille Vereillbarung getroffell zu haben, May b äum hält es für sehr gut, daß die Tragweite dieses Beschlusses schon hellte erkanllt lvorden sei. Damit schließt die Debatte; die Versammlung erklärt sich damit eillverstallden, daß dieser Puilkt aus die Tagesordllung der llüchstell Centralausschußsitzullg gestellt lverde. — Der Bericht des Herrn Dr. Horovitz über eine an die Gemeirldevorstände und an -pen Deutsch-israelitischen Gemeindebund zll richtellde Petition betreffs der Stellung der Rabbiner ist sehr kurz und beschränkt sich auf die Empfehlung, den Elltlvurf llach denl Vorschläge der Kommissiou auszuarbeiten. Nach langer Debatte rvird eine Einigung dahin erzielt, in einem kurzen Schreibell unter Hinweis aus die in der Generalversammlung bezüglich der Stellllng der Rabbiner gefaßten Resolutiollen die Gemeiildevorställde aufzuforderll, zll der nom D.-J. G.-B. eillzuberufellden Versalumlung einen Vertreter zll elltsendeil. — Zum letzten Punkte der Tagesordilung wird beschlossen, der Anregung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zur Frage der Kommunalsteuer der preußischen Rabbiner statistisches Material zu sammeln, nicht Folge zu geben. Allseitig wllrde geltend geniacht, daß eille Umfrage deshalb llicht allgebracht sei, weil ill einigen Genieinden lloch Steuerfreiheit beställde. Doch lvllrde allgenleill betont, die Absendung einer Petition in dieser Angelegenheit an den Landtag im Auge zu behalten. Der Beschluß der Versammlung geht dahin, die Allgelegenheit dem Vorstande zur weiteren Erwägnllg zu überweisen. Eine Erinnerung. Bo» Dr. I. Ziegler-Karlsbad. (D^I/wch zittert meine ganze Seele, denkeich an jenen grauen- {gst vollen Tag. Hoffnungslos verließ ich am Abend aus Anrathen des Arztes den Sterbenden, und als ich am frühen Morgen nach schlaflos verbrachter Nacht wieder hineilte, lag der mächtige Körper leblos vor mir, der rastlose Geist David Kaufmanns war entflohen. — Der 7. Juli 1899 ist ein Tag des Unglücks für das Judenthum geworden. Das 19. Jahrhundert hat seinen blendenden Glanz auch in jenen verborgenen Winkel, in den das Judenthum znsammengekanert sich zurückgezogen hatte, strahlend geworfen: auch uns war die Auferstehung beschieden. Wie beinahe jede Nation geivaltige Kräfte hervorbrachte, die ihre Gesammtheit bis zu schwindelnder Höhe erhoben, so hat auch die Jndenheit ihre genialsten Männer diesem Jahrhundert zn danken. Nicht nur politisch, sozial und religiös, auch in der Wissenschaft wollte das Judenthum seine Gleichberechtigung erlangen, die jüdische Litteratur wollte als gleichiverthiges Erzengniß des europäischen Mittelalters in die Reihe der verschiedenen Nationallitteratnren anfgenomineii worden. Doch die Herren der Wissenschaft sind die exclnsivsten, unduldsamsten Geister. Alle Pforten öffneten sich uns' bereitwilliger als die der wissenschastlichen Welt, die des jüdischen Geistes Ertrag nicht als gleichberechtigt betrachten wollte. Um die Thore der Wissenschaft dein Judenthume und seiner Vergangenheit zu öffnen, bedurfte es eines Mannes, der mit allen Waffen des modernen Geistes ausgerüstet, gleichsam mit elementarer Gewalt den Gelehrtendünkel- und Gelehrtenstolz zu brechen im Stande war. Nicht Zunzens profunde Gelehrsamkeit, nicht Geigers kritischer Scharfsinn, nicht Grätz' Begeisterung vermochten es, David Kaufmann war dazu berufen. Daß die jüdische Litteratur für das Verständniß des Mittelalters ein unentbehrlicher Behelf ist, das; die Inden im Mittelalter nicht nur Schacherer und Wucherer waren, sondern mit an dem Rade des Weltgetriebes standen, das mit flannnenden Worten zu schildern, mit unwiderlegbaren Zeugnissen zu beweisen, mit unwiderstehlicher Ueberzeugungskraft darzustellen, war David Kaufmanns Lebenszweck. Ob er tu Israel Connegliano den jüdischen Staatsmann, in Samson Wertheimer den alten jüdischen Familienadel, in der Glücket von Hameln die Memoiren schreibende Jüdin uns vor Augen führt, überall verfolgt sein Riesengeist den einen großen Zweck: die Gleichberechtigung der jüdischen Wissenschast zu dvkuiuentiren. Der Tragweite seines Bestrebens voll bewußt, war der große Mann auf unermüdlicher Suche nach jeneiu Mittel, das endlich selbst den Blinden die Augen öffnen, selbst dem verknöchertsten Gelehrten den Werth der jüdischen Litteratur erkennen lassen sollte. Daß er, als es ihm endlich gelnitgen war, sein Lebenswerk zn finden, das seinem Gemüthe, seiner Geistesart so ivunderbar entsprach, vom Tode erfaßt wurde, ist die Tragik seines Lebens, das Unglück des Judenthums. Die klassische Abhandlltng Kaufmanns über die jüdischen Miniaturen in dem von Müller und Schlosser mit vollendeter Pracht und Akribie herausgegebenen Werke „Die Haggadah von Sarajevo" ist sein Denkmal, sein Bermächtniß für die Nachwelt. Eine Geschichte der jüdischen Kunst zu schreiben, war des Verewigten Plan! Wer noch vor zehn Jahren das Wort „jüdisch-mittelalterliche Knifft" ausgesprochen hätte, wäre ausgelacht worden; es ist Kaufmanns unsterbliches Verdienst, dem Worte einen vollen Klang gegeben

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