Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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2 Es würde zu weit führen, wollten wir die Geschichte dieser Verfolgungen hier im Einzelnen darlegen. Es genügt, die Thatsache zu konstatiren, daß die 400 000 Inden, die in Rumänien leben, die dort geboren ititb erzogen sind, gegenwärtig als „Fremde" gellen und unter Ausnahmegesetze gestellt sind. Um wenigstens den Schein zu wahren, knüpfte man zunächst die Naturalisirung von Juden all die Bedingung des tadellos abgeleisteteu Militärdienstes. Da aber auf diese Weise immerhin einer Anzahl Juden das Bürgerrecht hätte gewährt lverden müssen, bestimmte ein neues Gesetz, daß die Juden nicht mehr Soldaten werden und dafür eine Militärsteuer entrichten sollten. Wo möglich noch schlimuier sind die Gesetze, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, um die Juden aus den Schulen des Landes zu entfernen. Und als diese nun beu Versuch machten, eigene Schüler: zu begründen, wurden sie hierbei von der Regierung in jeder möglichen Weise gehindert. Nun sollte man meinen, daß Runränierl mirrdestens wie Rußland die Auswanderurrg dieser Elemente, denen es so feindlich gesinnt ist, begünstigen oder doch mindestens dulden würde. Weit gefehlt! Die Auswanderung roird durch offene und geheime Maßregeln geradezu verhindert, denn man weiß sehr genau, daß man ihre Steuerkraft nicht errtbehren kann. Wohirr dieses Treiben führt, das haben in den beiden letzten Jahren die Judenhetzen in Bukarest und in Jassy — bei den ersteren ist die Mitschuld der Regierung sogar gerichtlich festgestellt - hinlänglich bewiesen. So ist die Lage der Juden in Ruuränierr eine überaus traurige. Aber ruan darf nicht etwa glauben, daß die rumänischen Juderr selbst irgend welche Schuld au diesem Verhängnis; tragen. Seit Jahrzehnten haben sie sich bestrebt, gute Bürger, des Landes zu werden, Schulen zu errichten, Bildung zrl ver- . breiten. Mit Gut und Blut haben sie dem Vaterlande gedient, das sie unaufhörlich verfolgt. Auf allen Gebieter: der Kunst und Wissenschaft wie des öffentlichen Lebens haben sie sich ausgezeichnet. Ein Jude hat das beste rumänische Wörterbuch verfaßt. Juden Haber: an der Entwickelung und Verbreitung _ der rumänischen Litteratur einen hervorragenden A::theil genommen. Bedeute::de Aerzte sind aus ihrer Mitte hervorgegangen. Rumänien, welches sich trotz großer Schwierigkeiten eine feste Stellung in: Osten erobert hat, befindet sich augenblicklich in einer traurigen ökonomischen Lage. Vergeblich sucht mau überall nach den Ursachen dieses wirthschastlichen Niederganges, ohne zu der Erkenntuiß zu gelangen, daß die Unterdrückung der Juden mit einer der wichtigsten Faktoren ist, die diesen Mißstand hervorgerufen haben. So sieht es in den: Laude aus, auf das die Antisemiten von ganz Europa mit schlecht verhehlter Bew:mderu::g blicken. Was wird nun werden? Es ist kaum auz:u:ehn:en, daß eine der Signatarmächte des Berliner Vertrages sich imter den jetzigen Verhältnissen der Lage der Juden in Rumänien anuehmen dürfte, :venn sie nicht hierzu durch die öffentliche Meinung gedrängt lverden wird. Die öffentliche Meinung ist heute das Gewissen aller Kulturvölker. Unsere Aufgabe muß es bleiben, iuuner und immer an diese öffentliche Meinung zu Gunsten jener Unglücklichen zu appelliren. Nie Woche. Berlin, 3. Januar. uch nicht eiruual die kurze Ruhepause des Jahreswechsels, in der doch „Friede auf Erden" herrschen sollte, haben unsere Geg::er vorüberziehen lassen, ohne ihr Gift gegen Juden und Judenthum zu verspritzen. Sei es! Wir wissen nur zu gut, daß es keine Zeit giebt der Ruhe oder der endgiltigen Befriedigung in: Leben der Völker wie der Menschen, so::dern daß wir kämpfe:: und streiten müssen bis zum letzten Athemzuge. Und wären auch die alten Aufgaben gelöst, so harren tausend neue der Lösung. Denn das Leben will seine Rechte, und die Geschicke der Me::schheit harren ihrer werkthätigen Diener. Große und schwere Ausgaben wird auch das konunende Jahrhundert an uns stellen. Möge es ein Geschlecht finden, das diesen Aufgaben Kraft und Verständniß entgegenbringt. v Die antisemitische Hetze gegen die jüdischen Armeelieferanten hat eine merkwürdige Kundgebung zur Folge gehabt. Ein „aktiver Offizier" hat den „Deutsch-sozialen Blättern" Liebermauns v. Sonnenberg die folgende Erklärung zugeschickt: „In zwei Städten der Provinz Posen war ich mehrere Jahre das Mitglied der Menagekonunission meiner Truppe, das die Lieferanten der Mannschafts- und Unteroffizierknchen in erster Linie zn überwachen und ton Abschluß der Verträge mit diesen vorzubereiten hat. Sowohl nach meinem ersten Eintritt in dies A:nt, als später vor Neuvergebung der Lieferungen Jahr für Jahr, benü'ihte ich mich, die jüdischen oder in der einen Garnison diese und die polnischen Lieferanten auszuschließen, und fand dafür bei meinen Vorgesetzten stets größtes Entgegenkommen. Aber zuni Schluß wurde nur ganz mit Recht immer wieder gesagt: „Was Sie wollen, wollten wir längst, aber es geht nicht!" Und thatsächlich geht es nicht, meist lveil die Deutschen zu faul sind, oder gelinder ausgedrückt, die größere Arbeit scheuen, die die strengen Kontraktsbedingungen der Militärbehörden ihnen verursachen; denn was sie zn ihrer Entschuldigung anführeu, ihre geringe Kapitalkraft, die ihnen nicht erlaubt, das angebliche Risiko zu übernehmen, hat ans derartige kleinere Lieferungen, die Tag für Tag oder Woche für Woche dieselben sind, bei Führung nur guter Waare keinen Einfluß. Dem Deutschen, sei er Kaufmann, sei er Handwerker, paßt es eben nicht, genau aus die Minute nach den Abnahmebedingungen beste Waare für kleinen Preis, bei also anscheinend kleinem Nutzen — den Verdienst bringt wohl erst die Regelmäßigkeit und die große Zahl der Lieferungen — liefern zu müssen. Er antwortet, wenn man bittet — wie ich es öfters that — die Lieferung zu übernehmen: „Es lohnt sich für mich die viele Schererei nicht." Ganz anders i st der Jude und Pole. Sie drängen sich nicht nur zu dem Geschäft, sondern sie liefern auch meist so gut und den scharfen Bedingungen entsprechend — (z. B. .wird jede Eßwaare, besonders Fleisch, vor und nach der Zubereitung von einem Offizier, Assistenzarzt und Roßarzt tagtäglich untersucht und kann der Lieferant ohne Weiteres von der Kommission zur Nachlieferung oder Straszahlung verurtheilt werden, auch wenn sich erst nach der Zubereitung herausstellt, daß die Prozente der nahrhaften Substanzen in der betreffenden Lieferung nicht genügen) — daß fast nie Ausstellungen zu machen sind. Und wenn, wie ich es einmal bei einen: jüdischen Großschlächter fand, der Versuch gemacht wird, nnvorschriftsmäßige Waare der Küchenverwaltung anzudrehen, so kann solcher Lieferant so getriezt lverden. daß er bald Uebergewicht und bessere Qualität liefert, als er es braucht, um die noch schärfere Einhaltung des Wortlauts des Kontrakts künftig los zu werden. Also, kurz gesagt, im Kleinen (bei Lieferlingen an die Truppe direkt) sucht die Militärbehörde fast stets zuerst Deutschen den Verdienst zuzuschieben; es gelingt fast nie, und sie muß mit Juden sich einlassen, die aber dabei nur reell verdienen können, weil die Kontrole — und Sie können es mir glaube,: — neuerdings nicht