Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Jahres mit sich zu bringen pflegt, sind für uns von großem Interesse, weil sie den Beweis liefern, wie thatsächlich die Angehörigkeit zu einem Religionsbekenntnisse bei Berufung zu öffentlichen Aemtern und Verleihung von Ehren, mit welchen der Landesherr seine Unterthanen auszuzeichnen für gut findet, einfach nicht in Betracht kommt, keine Benachtheiligung, keine Bevorzugung. Von den in Bayern dienenden israelitischen Beamten ist dieses Mal keiner daran gekommen, einfach, weil keiner der verhältnißmäßig wenigen israelitischen Beamten an der Reihe zur Verleihung einer Auszeichnung gewesen ist. Dagegen find drei Rechtsanwälte zu Justizräthen ernannt worden: Dr. Isaak Harburger in München, als juristischer Schriftsteller in bayerischen Kreisen nicht unbekannt, I. Herz selber in Augsburg, ein bekannter belletristischer Schriftsteller, und M e r zb a ch er in Nürnberg, eine ebenfalls als juristischer Schriftsteller und durch Antheilnahme am öffentlichen Leben bekannte Persönlichkeit. Zu Kommerzienräthen sind ebenfalls drei Israeliten ernannt worden: Theodor Löwensohn in Fürth, der meines Wissens eine von seinem Vater, einem Lithographen, schon vor vielleicht 50 Jahren in kleinen Anfängen begründete Bilderbücherfabrik in einem sehr großen Umfange betreibt, weiter in Nürnberg ein als für gemeinnützige Zwecke freigebiger Wohlthäter bekannter Kaufmann Wilhelm Gerngros und der Magistratsrath Michael Kohn, meines Wissens von Haus aus ein Gerber, der eine große Gerberei, jetzt Leder- und Riemenfabrik genannt, betreibt und als Ledergroßhändler im amtlichen Berichte bezeichnet ist, während er wahrscheinlich mit Recht das Verdienst für sich in Anspruch nimmt, ebenso wie Löwensohn ein großer Industrieller zu sein. Oesterreich - Ungar«. □ Wien, 2. Januar. An den Gesammtvorstand der israelitischen Kultus gemein de ist folgendes Schreiben gelangt: „Im allerhöchsten Aufträge gebe ich der israelitischen Kultusgemeinde in Wien für die Sr. k. und k. Apostolischen Majestät aus Anlaß des allerhöchsten Regierungs- Jubiläums dargebrachten loyalen Huldigungen den allerhöchsten Dank hiermit bekannt. Wien, am 26. Dezember 1998. Kielmansegg in. p." — Die österreichisch-galizischen Jsraelitengemeinden in Palästina widmeten aus Anlaß des Regierungsjubiläums eine Huldigungsadresse. Die Ueberreichung derselben erfolgte vor einigen Tagen durch eine Deputation mit dem Führer der konservativen Juden in Galizien und dem Kurator der österreichischen Jsraelitengemeinden in Palästina, Herrn Ignaz L. Schreiber in Drohobycz und Rabbiner S. Fürst, an der Spitze. Der Ministerprästdent Graf Thun empfing die Deputation in sehr liebenswürdiger Weise. Er gab seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß der Kaiser sich über diesen Beweis der Loyalität der so weit vom Heimathlande entfernten israelitischen Unterthanen freuen werde, ließ sich den Inhalt der hebräischen Adresse und die Bedeutung der Reliefs erklären und entließ die Deputation mit der Zusage, die Adresse dem Kaiser zu unterbreiten. — Am 29. Dezember fand in Drohobycz in Galizien die Uebergabe und Eröffnung des von Moses Gartenberg anläßlich des Regierungsjubiläums des Kaisers gestifteten Kaiser Franz- Josephs-Spitales statt. Zugegen waren die Spitzen der Staats- und der autonomen Behörden, der israelitischen Kultusgemeinde und eine Anzahl hervorragender Persönlichkeiten der Stadt. Das Spital ist ein stattlicher Bau, der mit seinen schönen Eckthürmen von allen Stadttheilen aus gesehen wird und eine Zierde unserer Stadt bildet. Herr Gartenberg, der auch zum vierzigjährigen Regierungsjubiläum des Kaisers ein mit hunderttausend Gulden dotirtes Altersversorgungshaus gestiftet hat, wurde vorige Woche vom Gemeinderath in Anerkennung seines gemeinnützigen wohlthätigen Wirkens zum Ehrenbürger der Stadt Drohobycz ernannt. — Der Ingenieur im Eisenbahnministerium Siegmund Kulka wurde vom Eisenbahnminister zum Oberingenieur, und der Jngenieuradjunkt Heinrich Ritter von Kuh zum Ingenieur ernannt. — Eine interessante Debatte gab es neulich in unserem Gemeindeparlament. Es handelte sich nämlich um die Forderungen acht kleinerer Tempelvereine, die nichts mehr und nichts weniger verlangen, als zu „Bezirkssynagogen" erhoben zu werden, eine eigene Matrikenführung haben und die obligate Verpflichtung für sämmtliche jüdische Bewohner eines Bezirks, Trauungen und Leichenbegängnisse wie in den Bezirkssynagogen durch die angestellten Funktionäre vollziehen zu lassen. Der Antrag wurde nach reiflicher Debatte abgelehnt. — Der Vorstand hat übrigens im abgelaufenen Berwaltungsjahr 199 Sitzungen abgehalten. erledigte 10 000 Stücke nebst 1300 Gesuchen, erstattete 62 Referate und brachte 62 Stiftungen mit einem Zinsenbetrage von 33 000 fl. zur Vertheilung. —Die Prag er „Politik", deren häßliche Tendenz es ist, gegen den gottlob feststehenden Dreibund fortwährend zu intriguiren, wußte kürzlich folgendes Ausweisungsgeschichtchen zu erzählen: Kürzlich erhielt ein österreichischer Reserveoffizier, ein Israelit, welcher in Schlesien bei einem großen Unternehmen angestellt ist, wie alle seine Glaubensgenossen einen Ausweisungsbefehl. Er reiste nach Wien, erbat sich eine Audienz beim Kriegsminister und ersuchte denselben, ein ehrenräthliches Verfahren gegen ihn einzuleiten. Dies geschah auch mit möglichster Beschleunigung, und mit dem Attest des militärischen Ehrengerichts, daß absolut kein Anlaß, an der vollständigen Ehrenhaftigkeit des Betreffenden zu zweifeln, begab dieser sich nach Berlin. Dort war sein Fall bereits der österreichisch-ungarischen Botschaft zur Kenntniß gebracht worden, und mit der Empfehlung Szögyenys versehen, begab sich der Offizier zum Minister v. d. Recke. Dieser ließ sich den Sachverhalt darlegen und gab seinem Erstaunen Ausdruck, daß in diesem Falle der Bismarck'sche Erlaß zur Anwendung gebracht worden sei. Der Minister fragte: „Welcher Konfession gehören Sie eigentlich an?" worauf der Reserveoffizier erwiederte: „Der mosaischen." „Ah, das erklärt alles!" lautete die Antwort des preußischen Ministers. Die Ausweisung wurde aber doch rückgängig gemacht, und das ist die Hauptsache. — Gelegentlich der 25. Jahreswende der Bereinigung der Schwesterstädte Pest, Ofen und Altofen wurde der Stadtrepräsentant Dr. M. Stiller durch Verleihung des Eisernen Kronenordens III. Klaffe, und der Repräsentant Paul Tencer durch Verleihung des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet. 8. Budapest, 29. Dezember. Mit einem für die im nordöstlichen Theile des Landes ansässigen Juden bedeutsamen Plane befaßt sich die Verwaltung des anläßlich der Tausendjahrfeier ins Leben gerufenen jüdischen Landesfonds. Es sollen nämlich in diesem Landestheile, wo die konfessionellen und kulturellen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen ein recht trauriges Bild bieten, Volksschulen errichtet werden, die außer ihrer kulturellen Mission auch noch eine wirthschaftliche zu erfüllen haben werden, indem sie auch zur Verbesserung der Erwerbsverhältnisse der jüdischen Einwohner beitragen sollen. Die erste dieser Schulen wird schon in der nächsten Zukunft in Szlatina bei M. Sziget eröffnet werden. In Verbindung mit der Volksschule, die in erster Reihe den staatlichen Anforderungen entsprechen wird, wird eine Talmud- Thoraschule für den Religionsunterricht, eine Gartenbauschule und schließlich eine den Landesverhältnissen entsprechende Gewerbeschule niederen Grades errichtet werden. Aehnliche Schulen werden dann in rascher Aufeinanderfolge in anderen Orten dieses Landestheils ins Leben gerufen werden, wenn sich die Hoffnungen, die an die erwähnte Anstalt geknüpft werden, auch verwirklichen. Hoffentlich wird es dem nimmermüden Sekretär Dr. Franz Mezey gelingen, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen und die Voreingenommenheit der chassidischen Bevölkerung zu zerstreuen. Eine nicht minder wichtige Angelegenheit wird die Verwaltung des jüdischen Landesfonds schon in nächster Zukunft beschäftigen. Der Vorstand des sechsten Gemeindedistrikts richtete nämlich an dieselbe die Aufforderung, zur Errichtung einer jüdischen Lehrerinnen-Präparandie, für die die Pester Kultusgemeinde, der jüdische Frauenverein und die Allerweltswohlthäterin Baronin Hirsch Opfer zu bringen sich bereit erklärt haben, einen größeren Unterstützungsbeitrag in Aussicht zu stellen. Es ist überflüssig, zu bemerken, daß die Verwaltung sich dieser Bitte umsoweniger verschließen wird, als die Errichtung dieser Anstalt ein dringendes Bedürfniß ist. — Der Ausschuß des Landesstipendiumsvereins hielt vor Kurzem seine Hauptversammlung unter dem Vorsitz des Magnatenhausmitgliedes Karl Soäb ab. Dem Berichte, der vorgelegt wurde, entnehmen wir folgende bemerkenswerthe Daten: Der Verein zählt 251 Mitglieder und verfügt über ein Vermögen von mehr als 200 000 Kronen, 36 auf Namen lautende Stipendienstiftungen mit eingerechnet. Im abgelaufenen Schuljahr wurden nahezu 10 000 Kronen an Budapester Hochschüler vertheilt. Im letzten vierjährigen Cyklus rsurden 11 neue Stiftungen errichtet. Belgien. so. Brüssel, 31. Dezember. Hier ist am 22. d. Mts. der rühmlichst bekannte Professor Dr. Gottlieb Gluge im Alter von 86 Jahren gestorben. Er war einer der angesehensten Physiologen und