Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Soden, Warmbrunn, Colberg, Teplitz u. s. w. bestehen. Bei denjenigen Patienten aber, die einen Landaufenthalt nahmen, konnte nur in den seltensten Fällen eine nennenswerthe Besserung festgestellt werden. Dieselben gingen meist zu Verwandten, die selbst in dürftigen Verhältnissen lebten, oder fie mußten mit der geringen Summe, die ihnen gewährt werden konnte, sehr eingeschränkt an einem fremden Orte leben. Um in diesen Verhältnissen Wandel zu schaffen und den erholungsbedürftigen, nicht begüterten Glaubensgenossen eine wirksamere Sommerpflege zu beschaffen, trat ein aus Mitgliedern der Vorstände der genannten Institute bestehendes Komitee zu Beginn dieses Jahres behufs Einrichtung eines eigenen, zunächst provisorischen Genesungsheims zusammen. Es fand in Briese bei Birkenwerder (an der Nordbahn) ein südlich dicht am Walde gelegenes, zweistöckiges, sehr geeignetes Häuschen mit ca. 25 Zimmern und hat dieses zu dem Preise von 1300 Mark für den vergangenen Sommer gemiethet. Die Waldpartien sind an dieser Stelle besonders schön durch den alten, herrlichen Baumbestand und die hügelige Beschaffenheit des Bodens. Die Lage ist eine sehr geschützte, und der Boden, trotz der Nähe eines kleinen Flüßchens, nicht feucht. Durch die Betheiligung edler Wohlthäter war das Komitee bald über die finanziellen Schwierigkeiten hinweggetangt und konnte aus eigenen Mitteln die Zimmer mit einfachen Möbeln ausstatten, um fie für die Aufnahme von 22—24 Patienten wohnlich herzurichten. Ein größeres Zimmer wurde für die gemeinschaftlichen Mahlzeiten und ein kleinerer Raum für die Badeeinrichtung freigehalten. Es gelang, für die Leitung und Einrichtung der Anstalt in Frau Rosa Meyer eine tüchtige Kraft zu gewinnen, die in uneigennützigster Weise ihr Amt vortrefflich erfüllt hat; auch erfreute sich das Komitee der Mithilfe des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, welcher durch jeweilige Entsendung einer Schwester in das Heim die Versorgung der Patienten aufs Beste förderte. Es wurden im Ganzen in 3112 Verpflegungstagen 105 Personen vom 28. April bis 4. Oktober verpflegt, von denen nur 3 kürzere Zeit als 14 Tage dort blieben, die meisten 4 volle Wochen, eine Anzahl aber auch 6 und sogar 6 Wochen. Leider konnten in diesem Sommer nur Frauen und Mädchen ausgenommen werden, da die Beschaffenheit des Hauses ein gleichzeitiges Verweilen für beide Geschlechter ausschloß; auch lagen nur wenige Gesuche von Männern vor. Als untere Altersgrenze wurden 16 Jahre angenommen, da es nicht richtig erschien, Kinder mit Erwachsenen zusammen unterzubringen, und man außerdem die Gefahr der bei Kindern häufiger auftretenden Infektionskrankheiten vermieden sehen wollte. Dem Komitee trat alsbald eine Anzahl auf dem Gebiete der Wohlthätigkeitspflege bewährter Ehrendamen hinzu, welche abwechselnd durch häufige Besuche des Heims unsere Arbeiten in dankenswerther Weise förderten. Das Ziel istdiedefinitive Einrichtung eines Genesungsheims für unsere leidenden, bedürftigen Glaubensgenossen, welchen durch einen zeitweisen Aufenthalt in guter Lust und durch zweckmäßige Behandlung die Möglichkeit gegeben werden soll, als mitschaffende und miterwerbende Glieder in ihre Familien zurückzukehren. Wir hegen die Hoffnung, daß das reiche Wohlwollen, welches das Werk bei seinem bescheidenen Anfang in diesem Jahre begleitet hat, auch bei der Fortsetzung nicht fehlen wird. Das Komitee für das Genesungsheim besieht aus den Herren: Martin Simon, Vorfltzender. Sanitätsrath Dr. Maretzki, Louis Sachs, stellvertretende Borfitzende. N. Alexander. Siegfried Brünn. Dr. med. L. Feilchenfeld. Julius Grünwald. Hugo Heilmann. M. Metzenberg. Emil Pincus. Oscar Rathenau. Ehrendamen find die Frauen: Dr. L. Feilchenfeld. Rosa Meyer. Sanitätsrath Mühsam. Erna Packscher. Hermine Rathenau. Rosa Sachs. Stadtrath Weigert. Dr. Wiesenthal. 8s. Breslau, 31. Dezember. Auf Veranlassung des Herrn Rabbiner Dr. Finkel cirkulirte hier vor einiger Zeit ein Aufruf zur Einrichtung hebräischer Sprachkurse, der die Unterschriften der angesehensten Mitglieder unserer Gemeinde trug. Der Erfolg war überraschend. Ueber 120 Herren und Damen haben stch bereits zur Theilnahme gemeldet, eine Zahl, die alle Erwartungen übertraf. Die Gemeindekörperschaften haben zum Unterricht bereitwilligst die Räume der Religions-Unterrichtsanstalt II zur Verfügung gestellt, und seit etwa vier Wochen findet der Unterricht statt, den vier Herren vom jüdischtheologischen Seminar ertheilen. Die Theilung in vier verschiedene Kurse genügte nicht; zwei Kurse mußten wegen der zu großen Mitgliederzahl noch einmal zerlegt werden. Man muß die Mühewaltung, mit der sich die Lehrer ihrer Aufgabe unterziehen, ebenso anerkennen wie die Energie, mit der Herr Rabbiner Dr. Finkel seine Idee verwirklicht hat. Ueber die Erfolge und die Erfahrungen, die mit dem neuen eigenartigen Unternehmen gemacht werden, kann erst am Ende des Winters berichtet werden, aber wir hoffen, daß die hiesigen hebräischen Sprachkurse für viele Gemeinden vorbildlich sein werden und sich ebenso einbürgern und ebenso viel beitragen zur Förderung der Liebe zum Judenthum, zu besserem Verständniß unseres Schriftthums und darum zu größerer Selbstachtung wie die Litteratur- und Geschichtsvereine, die fie nur ergänzen wollen. Mit Freuden konstatiren wir, daß Herren und Damen aller Parteien an dem Unterricht theilnehmen. Nicht minder wohlthuend ist der stetig wachsende Zuspruch, dessen stch die neugegründete „Jüdische Lesehalle" zu erfreuen hat, so daß auch diese vorzügliche Institution dauernd gesichert erscheint. — Dem „Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder", der am 8. Dezember eine großartige Wohlthätigkeits-Soiree veranstaltete, find, wie wir hören, vom Magistrat 200 M. bewilligt worden. 7. Eisenach, 2. Januar. Einen schweren Verlust hat die hiesige Religionsgemeinde durch den Tod des hier allseits geachteten und beliebten Gustav Steinberger (großherzoglich sächsischer Hoflieferant) erlitten. Seit mehr denn 16 Jahren gehörte er der Gemeindevertretung als Kultusdeputirter an; in den letzten Jahren war er stellvertretender Vorsitzender der hiesigen Gemeinde. Die ganze Gemeinde betrauert den frühzeitigen Tod dieses braven Mannes. Sein reicher Geist, sein edles, jederzeit zur Hilfe bereites Herz machten ihn zu einem Anwalt der Armen und Bedürftigen. Aber nicht allein die hiesige Religionsgemeinde, sondern auch unsere Vaterstadt hat durch seinen Tod einen herben Verlust erlitten. Herr Prediger Meyer entwarf in seiner tief empfundenden Gedächtnißrede ein Bild des Entschlafenen, dem er die Worte der Anerkennung und des Dankes der Gemeinde, seiner vielen Freunde und all Derer, die ihn kannten nachrief. Nach einem Gesang des Synagogenchores sprach der erste Vorsitzende, Herr Kuh, Namens der Gemeinde und dann Herr S. Weinstein als Freund Worte des Dankes und des Abschiedes. Viel verliert namentlich unser „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur", dessen I. Vorsitzender der Entschlafene war. Seine Verdienste um den Verein hob der II. Vorsitzende, Prediger Meyer, in der nächsten Vereins - fitzung rühmend hervor. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde, vor allem aber im Litteraturverein, ein gesegnetes bleiben! M. Brakel, 2. Januar. Am 22. v. M. verschied in Nizza der in Fachkreisen rühmlichst bekannte Professor Dr. G. Glu ge. (Bergl. die Korr. Brüssel.) Derselbe war ein Sohn unseres Städtchens. Zu Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts war sein Vater „Rebbe Mathes", der 1608 den Namen Mathias Gluge annahm, Kantor bei der hiesigen Gemeinde. Gluge hat unserem Städtchen — wie wir wissen — bis in seine letzten Lebenstage hinein stets ein dankbares Andenken bewahrt, obwohl er seit dem Tode seiner von ihm mit der größten Zärtlichkeit verehrten, im Jahre 1861 verstorbenen Mutter Minke Gluge, dasselbe nicht mehr besucht hat. Die Kunde von seinem Tode hat bei den hiesigen Familien, die stch seiner noch erinnern, aufrichtiges Mitgefühl hervorgerufen. — Mit dem heutigen Tage tritt der verdienstvolle Lehrer und Kultusbeamte Herr M. Katzenstein in Nieheim in den wohlverdienten Ruhestand. Nachdem die königliche Regierung zu Minden seine Entlassung bereits vom 1. November v. I. ab genehmigt hatte, hat Katzenstein bisher die Schulftelle noch kommissarisch verwaltet, weil sein Nachfolger im Amte, H. Buchdahl, seither Lehrer an der Privatschule zu Horn i. W., erst mit dem heutigen Tage die Stelle in Nieheim übernehmen konnte. Katzenstein erfreut stch der besonderen Werthschätzung aller Lehrer, sowohl der christlichen wie der jüdischen, im ganzen Bezirke. Auch in Nieheim erfreut er sich großer Beliebtheit besonders in nichtjüdischen Kreisen. Mit dem vor einigen Jahren daselbst verstorbenen Dichter von „Dreizehnlinden", Dr. Weber, verband ihn innige Freundschaft, und manchen schönen Beweis wahret Liebe und Freundschaft hat der wackere Emeritus von Nieheims größtem Manne in Händen. Die jüdischen Lehrer der ganzen Gegend bedauern lebhaft das Scheiden Katzensteins aus dem Amte. Er war ihnen allen jederzeit ein väterlicher Berather; sein biederer Charakter, sein offenes, ungeschmeicheltes Wesen hat anregend auf Alle gewirkt, die wir gern mit ihm verkehrten. Möge dem wackeren Manne ein heiterer Lebensabend beschieden sein! -t München, 1. Januar. Die üblichen Auszeichnungen durch Verleihung von Orden und Titeln, welche der Beginn des bürgerlichen