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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-06 · Heft 1 (6.1.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Pathologen und gehörte zu den Ersten, die sich daran machten, mit Hilfe des Mikroskops krankhafte Vorgänge zu studiren, in der Absicht, für die richtige Deutung dieser Prozesse objektive Unterlagen zu gewinnen. Um die Bedeutung dieser Studien richtig zu schätzen, muß man sich vergegenwärtigen, daß sie noch in eine Zeit fallen — es ist die Mitte der dreißiger Jahre —, in der die Naturphilosophie in Deutschland noch in voller Blüthe stand. Gluge, 1812 zu Brakel in Westfalen geboren, hatte seine Schulbildung in Detmold und Minden erhalten und war 1831 nach Berlin gekommen, um Medizin zu studiren. 1835 promovirte Gluge in Berlin zum Doktor. Dann ließ er sich in Minden als ausübender Arzt nieder. Neben der ärztlichen Praxis widmete er seine Arbeit fortdauernd der Wissenschaft. Mit Empfehlungen des stets hilfsbereiten Alexander v. Humboldt ausgestattet, ging Gluge, da er als Jude in Deutschland damals keine Anstellung bekommen konnte, nach Paris. Mittlerweile war eine von der Berliner medizinischen Fakultät' preisgekrönte Arbeit von ihm erschienen, eine historisch-pathologische Abhandlung über die Influenza. Diese wissenschaftlichen Arbeiten veranlaßten die belgische Unterrichtsverwaltung, Gluge 1838 die Professur der Physiologie an der Universität Brüssel zu übertragen. Seine wissenschaftliche Arbeit theilte Gluge zwischen Physiologie, Pathologie und praktischer Medizin. Seine Schriften aus diesen Gebieten sind sämmtlich von großer Bedeutung. Seit 1876 lebte Gluge im Ruhe-. stände. Seit 1843 war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Brüssel und vom König mit hohen Orden dekorirt. Er war auch eine lange Zeit Leibarzt der Königin von Belgien. Dem Judenthum blieb er sein ganzes Leben hindurch ein treuer Anhänger. Ehre seinem Andenken! Großbritannien. 8. London, 1. Januar. Der verstorbene Baron Ferdinand Rothschild hat, wie zu erwarten war, eine große Anzahl von Legaten hinterlassen, von denen erst ein Theil bekannt geworden ist. Darunter befindet sich eine Stiftung von 2 Millionen Mark für das Evelina de Rothschild-Hospital in London und 400000 Mark für verschiedene Seemannsinstitute. Von jüdischen Anstalten ist bisher nur eine bedacht worden, der Jewish Board of Guardian hat 100000 Mark erhalten. Der Parlamentssitz, der durch den Tod des Baron Ferdinand Rothschild frei geworden ist, wurde zuerst Leopold Rothschild angeboten, von diesem aber abgelehnt, und ist jetzt Walter Rothschild, der älteste Sohn des Lord Rothschild, der Kandidat der liberalen Unionisten in diesem Wahlkreis Mid - Buckinghamshire. Seine Wahl dürfte fast sicher sein, umsomehr, als bisher noch kein Gegenkandidat nominirt worden ift.j Nirmiinie«. a. Bukarest, im Januar. Außerordentlich viel Aufsehen hat hier bei Juden und Christen der Fall des Dr. K. Lippe in Jassy erregt. Im Monat Juli war Dr. Lippe, der sich trotz seiner 74 Jahre noch einer großen ärztlichen Praxis erfreut, beschuldigt worden, eine ungesetzliche Operation mit tödtlichem Ausgang vorgenommen zu haben. Es fand eine Untersuchung statt, die Gutachten der Aerzte und Chemiker lauteten aber übereinstimmend mit der Erklärung Dr. Lippes dahin, daß eine solche Operation überhaupt nicht vorgekommen sei. Man erwartete daher allgemein die sofortige Freisprechung Dr. Lippes, und die Sache kam in Vergessenheit. Plötzlich wurde Dr. Lippe am 24. November verhaftet, und man erfuhr, daß auf eine Beschwerde des Generalstaatsanwalts Mandru eine neue Untersuchung angeordnet wurde, und die Angelegenheit vor den Kassationshof kommen würde. Dr Lippe wurde in außerordentlich strenger Haft behalten, aber im Publikum, auch im nichtjüdischen, war die Sympathie für Dr. Lippe allgemein. Als die Angelegenheit im Kassationshof zur Verhandlung kam, plädirte selbst der Generalstaatsanwalt sehr warm für die Freisprechung, die auch sofort erfolgte, und das Gericht verfügte die sofortige Freilassung des Beschuldigten. Die Rückkehr Dr. Lippes in sein Haus gestaltete sich zu einem förmlichen Triumphzug. Griechenland. B. Athen, 14. Dezember. In der vorigen Woche hätten wir hier beinahe arge Judenexzesse gehabt. Im Piräus diente eine Christin in einer christlichen Familie, die mit ihrer Behandlung unzufrieden war. Sie ging schließlich mit einem jüdischen Hausirer, Namens Joseph, durch und war einige Tage verschwunden. Sofort ging unter dem Pöbel das Blutgespenst um, und sogar Polizeibeamte bestärkten denselben in seinem Wahn, daß das Christenmädchen entführt worden sei, weil die Inden ihr Blut haben wollten. Indessen nach einigen Tagen wurden die Ausreißer gefaßt und vor Gericht gebracht. Dort erklärte aber das Mädchen, sie sei bereit, zum Judenthum überzutreten, um ihren Joseph zu heirathen, und der Richter sprach sie daher frei. Die Zeitungen haben sich der Sache bemächtigt und führen Beschwerde darüber, daß die Regierung jene hetzerischen Polizisten, die eigentlichen Rädelsführer, unbestraft läßt. Von Nah und Fern. -- Das Kammergericht hat die Bestrafung eines Juden, der am. Sonnabend aus religiösen Gründen der Spritzenprobe fernblieb, gutgeheißen. Man wird den Wortlaut der Entscheidung abwarten müssen, um diese zu besprechen. — Herr Oberlehrer Dr. S. Blaschke hat den Titel „Professor" erhalten. — Am 2. d. M. ist hier der k. Oberstabsarzt Dr. I. Ehrlich aus Straßburg i E. plötzlich gestorben. — Am 28. v. M. ist hier der Oberstlieutenant a. D. Moritz v. Egidy gestorben. Derselbe war ein Vorkämpfer der Humanität und Toleranz, demzufolge auch ein entschiedener Gegner des Antisemitismus, den er stets bekämpft hat. Ehre seinem Andenken! — Am 27. v. M. feierten in der Altersversorgungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde die Joseph Oppen heim'schen Eheleute das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Die Einsegnung fand in der Anstalts-Synagoge durch den Rabbiner Dr. Rosenzweig statt in Gegenwart des gesammten Vorstandes und der Ehrendamen. Hieran schloß sich ein festliches Mittagessen für die Insassen des Hauses. Dem Jubelpaare wurde der Sitzungssaal eingeräumt, wo für dessen Kinder, Enkel und Enkelkinder servirt wurde. — Die Hilfslehrer C. Samuel und Dr. Engländer sind zu Oberlehrern an der städtischen zehnten Oberrealschule ernannt worden. — In Greisenderg ist am 21. v. M. die Gattin des dortigen Predigers, Frau Baleska Gallandt, im 37. Lebensjahre gestorben. Dieselbe war wegen ihres edlen Charakters, ihrer Wohlthätigkeit nnd ihres reichen Gemüths allgemein beliebt, wie das zahlreiche Trauergefolge bei dem Leichenbegängniß bewiesen hat. — Professor Dr. Julius Bernstein in Halle a. S. wurde zum Geheimen Medizinalrath ernannt. — Die Wochenschrift „Der jüdische Kantor", in Bromberg von Kantor A. Blaustein seit 20 Jahren herausgegeben, hat zu erscheinen aufgehört. — Am 1. Januar feierte der Lehrer Spies der öffentlichen Schule zu Großkrotzenburg fein 25jähriges Dienstjubiläum. In Anerkennung seines segensreichen Wirkens find ihm von allen Seiten Zeichen der Liebe zu Theil geworden. — Die Landesverbindung der französischen Handlungsreisenden, deren Ehrenvorsitzender der frühere Minister Brisson bisher war. erklärte ihn in ihrer letzten Jahresversammlung dieses Ehrenamtes für verlustig, weil er im Aufträge der Juden das Wiederaufnahmeverfahren eingeleitet habe. Dagegen hat die französische Akademie der Wissenschaften Professor Maurice Levy vom College de France einstimmig zu ihrem Vizepräsidenten erwählt. — Baron Edmund v. Rothschild hat sich am 25. v. M. in seiner Jacht „Athena" von Marseille aus eingeschifft und beabsichtigt, auf feiner Reise einige der Kolonien im heiligen Lande zu besuchen. — Baron Georg Montefiore, der Großneffe des verewigten Sir Moses Montefiore, verlobte sich in Paris mit Fräulein Lonja Antokolski, Tochter des berühmten russischen Bildhauers. — Das Vermögen des in London verstorbenen Barons Ferdinand v. Rothschild fällt nach dessen letzten Willen, mit Ausnahme der dem britischen Staate gemachten Kunstschenkung, gänzlich an dessen Schwester Miß Atix v. Rothschild.—Die steigende Auswanderung der Juden aus Rußland hat die Aufmerksamkeit der Regierung neuerdings erregt, und sind die Gouverneure der Südprovinzen angewiesen, eine Statistik über diesen Gegenstand anzufertigen, nach deren Ausfall eventuelle Maßnahmen zu bestimmen sind. — Der Oberrabbiner von Tunis, Elie Bourgel, ist in hohem Alter verschieden. Er war Oberrabbiner fämmtlicher tunesischer Gemeinden und zugleich Oberrichter aller Juden in Tunis. Druck und Verlag von R u v o l f M o s s e in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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