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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-06 · Heft 1 (6.1.1899) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Thür befindet sich ein großes, dunkelroth angestrichenes Brett, am oberen Ende ein dicker Eisenhaken. Hieran wird das Thier mit seinem aufgeschlitzten Leibe, nachdem es auf offener Straße unter dem Beifall der zuschauenden Dorskinder kalt gemacht unb von seinen Borsten gereinigt worden ist, den gespaltenen Kopf nach unten, aufgehangen. Das heißt dann so viel, als wenn auf dem Brett mit Kreide geschrieben stände: „Schwenfliesch is verkieflich, un mörn gött's Wurschtsöppen." In diesem Orte war ich nun vier Wochen. Hatte ich auch fleißig zur Lösung der großen kommunalen Streitfrage zu thun, so gab es doch auch Tage und Stunden, wo ich nicht arbeiten konnte noch wollte. Was aber anfangen? Auch der Schulz, der Obermime des Ortes, und der Herr Pfarrer wurden mir manchmal langweilig, wenn mir erlaubt ist, diesen Ausdruck bei zwei geheiligten Personen der kirchlichen und staatlichen Institution zu gebrauchen; aus lauter Verzweiflung warf ich mich denn auf Alterthumskunde und studirte — Juden. Die frommen Juden sind die interessantesten Alterthümer der Gegenwart. In Trudelheim giebt es noch sehr fromme Juden. Weder mit der Entdeckung der Elektrizität noch mit den Commis Voyageurs noch mit Eduard von Hartmanns „Philosophie des Unbewußten" sind neue Ideen in die Mitte der altjüdischen Gemeinde eingezogen. Das ist alles noch ungefähr wie zu Jerusalems gepriesenen Zeiten, als Saul König war und David die Philister schlug. Mit einem Juden namens Isidor Saalfelder kam ich viel zusammen. In seiner Originalität und doch als hochinteressante Type nahm ich mir ihn und seine Familie zum Objekt meiner Beobachtungen. Dieses Leben - diese seltsamen Berhältniffe . . .! Dem Wirthshause fast gegenüber befindet sich das kleine, einstöckige Häuschen vom Metzger, Viehhändler und Handelsmann Isidor Saalfelder. Das Hänschen besteht aus Fachwerk und ist mit Ziegeln bedeckt. Zwei Stufen fuhren von der Straße an die Thür; die Thür ist neu, nierkt man; sie ist nicht angestrichen, aber sie ist schon sehr schmutzig. Neben der Thür hängt ebenfalls wie am Wirthshaus ein dunkelrothes Brett, das an seinem oberen Theile einen schweren Eisenhaken aufweist, und ebenfalls sieht man dieses Brett behängen, wenn Feiertage im Anzuge find. Auch in diesen! Hause wird zu den Festlichkeiten geschlachtet, aber keine Schweine, sondern Rinder. Hat man das Vieh geschlachtet, so wird ihm der Kopf abgeschnitten und an das Brett gehängt. Das ist kein schöner Anblick. Wie die Augen verglast und verdreht den Vorübergehenden anstarren ... die Leute denken sich nichts dabei, wenn sie vorübergehen, nur Pferde werden manchmal scheu. Die Feste der Christen und Juden sind meistens zu verschiedenen Zeiten, fallen sic aber zusammen, dann sieht man, wie wehmüthig der Ochsenkopf sich das Schwein betrachtet und mit einem unendlich mitleidigen Ausdruck in seinem mit blutigen Thränen gefüllten Blick sagt: „Jude und Christ, wenn es ans Bauchfüllen geht, dann sind sie gleich in ihrer Schlechtigkeit". Ob mit diesem Wort der Ochsenkopf nicht den Stab über den Antisemitismus gebrochen hat? Das kleine Hans mit dem Ochsenkopf hat auch eine Firma. Auf einem schwarzen Blech sieht man schlecht gezeichnet: Isidor Saalfelder. Tritt man durch die Hausthür in den mit rothen Backsteinen häßlich gepflasterten Hausflur hinein, so findet man links ein großes Fenster, vielleicht ->.t Meter im Quadrat, das einen Blick in den Laden gewährt. Hier liegen in ziemlichem Durcheinander Kurzwaaren und Schnittwaaren. Manche Regale sind übervoll, manche leer. Neben dem Fenster ist die Thür, diese schellt mittelst einer Klingel, an die die Thür stößt, wenn sie geöffnet wird. Das ist zur Kontrole, im Falle ein Käufer in den Laden will, ohne vorher mit dem Eisenklopfer Jemand aus der gegenüberliegenden Wohnung zu rufen. Klopft man, so erscheint gewöhnlich Babette — Babette wird im Dorfe nicht anders als die Tropfbawett genannt. Sie weiß das. kehrt sich aber nicht daran. Babette, ein schmutziges, häßliches, vielleicht 38 Jahre altes, fast schon grauhaariges Weib, eine ferne Verwandte Saalfelders, hat nämlich immer einen Tropfen an der Nase, aber nie ein Taschentuch. (Forts, folgt.) Spvechfaat. An die Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Judenthums. tnter Bezugnahme auf die in dem „Sprechsaal" der Nummer 51 Ihrer geschätzten Zeitung vom 23. Dezember 1898 veröffentlichte Zuschrift des Herrn Lehrers A. Brann gestatte ich mir, Ihnen in der Anlage Abschrift eines Schreibens zu überreichen, welches der Kammerherr von Normann im Aufträge Seiner Königlichen Hoheit des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm unter dem 17. März 1870 an meinen verstorbenen Vater gerichtet hat. Der Stein sowie das Original des Schreibens befinden sich in dem Besitz unserer Familie. Berlin, den 17. März 1870. Sehr geehrter Herr! Beifolgend beehre ich mich. Ihnen im Höchsten Aufträge Sr. Königlichen Hoheit des Kronprinzen ein kleines Geschenk zu übersenden, von welchem Höchstderselbe Ihnen mündlich bereits Mittheilung gemacht hat. Der kleine Stein, welcher sich auf der Mitte des Briefbeschwerers befindet, stammt, wie Ihnen bekannt, von heiliger Stätte. Seine Königliche Hoheit hat geglaubt. Ihnen gerade durch ein solches Andenken eine kleine Freude bereiten zu können. Leider ist die Ausführung des Ganzen sehr hinter den berechtigten Erwartungen Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen zurückgeblieben; Höchstderselbe fürchtet aber, daß ein nochmaliger Versuch — es ist dies bereits der zweite — kein besseres Resultat liefern wird, und hat mir deshalb befohlen. Ihnen den Stein in seiner gegenwärtigen Gestalt zu übersenden. Mit besonderer Hochachtung Ihr ergebenster gez. v. Normann. Hierdurch dürften die von Herrn Brann angeregten Zweifel beseitigt sein. Hochachtungsvoll Berlin, 31. Dezember 1898. Dr. Ernst Magnus. * Sehr geehrte Redaktion! der Nr. 51 Ihrer Zeitung nimmt Herr Alfred Geiger für den im Jahre 1883 gegründeten Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Frankfurt a. M. die Ehre in Anspruch, der erste derartige Verein in Deutschland zu sein. Dies entspricht, wie ich mir zu bemerken erlaube, nicht den Thatsachen. Das Statut des Vereins Glogau datirt vom 10. Dezember 1882, und soweit meine Kenntniß reicht, ist der Verein Bochum noch etwas älter. Der erste Verein aber dürfte der Mendelssohn-Verein in Frankfurt a. M. gewesen sein. Die Idee zur Gründung solcher Vereine gab ein Aufruf des sel. Jakob Nachod, zeit. Vorsitzenden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, zu Anfang 1861. Glogau, 23. Dezember. Eduard Mamlok, Vorsitzender des Vereins für jüd. Geschichte und Litteratur. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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