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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-06 · Heft 1 (6.1.1899) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 halten, wenn man mit offenen Augen sich umsieht und mit geschlossenen eine innere Betrachtung ansteüt. Ziehe dich zurück von der Welt und von allem Aeußeren, wenn auch nur eine kurze Stunde, und besprich dich mit deinem inneren befferen Selbst über das Woher, Wohin und Warum, über die Wunder der Wiege und die Geheimniffe des Grabes, woher das Flüstern des Gewiffens, das Sehnen der Seele, und du wirst finden, daß du an Glauben gewonnen hast. Morgen fragst du immer noch: „Wer ist Gott, daß ich ihn hören sollte?" aber vielleicht doch mit schwächerer, unsicherer Stimme. Lasse hinter dir, eines schönen Sabbath-Morgens, die enge», drückenden Räume, die Wege und Stege der Stadt, und begieb dich hinaus in den herrlichen, unbeschränkten Tempel der Natur; durchstreife Feld und Wald, Berg und Thal, und sieh mit offenen Augen, was da ausgebreitet ist, und höre mit offenen Ohren, was da gelehret wird, und stelle deine Fragen frei und offen und ohne Scheu. Frage die Erde, wer ihren Grund gelegt, den Fluß, wer sein Bett gegraben, den Wald, wer seinen Boden bereitet, das Weizenfeld, woher die geheimnißvolle Macht des Wachsthums, die Blumen, wer sie so bunt gekleidet und ihnen ihren duftenden Wohlgeruch geschenkt hat. Frage den Tag, wer ihm befohlen, anzufangen und zu enden, die Jahreszeit, wer sie gelehrt, zu kömmen und zu gehen. Frage die Ameise, wo sie Weisheit gelernt, die Biene, woher ihr Trieb zum Fleiß, und den Zugvogel, wer ihm seinen Pfad anweist. Stelle an einem Sabbathtage diese und ähnliche Fragen, und es ist glaubhaft, daß du am folgenden Sabbath noch mehrere stellst und seltener fragst: „Wer ist Gott, daß ich ihn hören sollte?" Schwing dich hinauf, an einem sternerhellten Abend, auf den leichten Flügeln der Phantasie, in den unermeßlichen Weltenraum weit jenseits der Sonne, jenseits der Bahn Neptuns, weiter noch, bis das ganze solarische System hinter dir verschwindet wie ein matter Lichtschimmer, immer weiter, bis du die Milchstraße erreicht und die Entdeckung gemacht hast, daß sie aus zahllosen Welten und Systemen von Welten besteht, noch weiter, bis ferne, kaum sichtbare Lichtschimmer erreicht und als mächtige Sonnen zurückgelaffen sind, weiter, immer weiter, bis die Ewigkeit der Zeit, die Unermeßlichkeit des Raumes und die Unendlichkeit der Welten dich zwingt, zurückzukehren. Frage sie dann, ihre Entfernungen, ihre Umfänge, ihre Zahlen und Kreise, frage sie, wer sie angezündet, wer ihnen ihre Gesetze gab, wer sie aufrecht hält, ihnen ihre Richtung gegeben und ihre Schranken gesetzt hat. Wenn du die Antwort gehört und wohl erwogen hast, so liegt die Wahrscheinlichkeit vor, daß du nicht länger fragst: „Wer ist Gott, daß ich ihn hören sollte?" sondern daß du andächtig die Hände faltest und mit den Worten des begeisterten Dichters auf den Lippen die Augen ehrfurchtsvoll zum Himmel erhebst: O, du Ewiger, dessen Gegenwart Allen Raum erfüllt, allen Antrieb lenkt; Du unveränderlich ewiges Licht Und einziger Gott! Einen Anderen giebt es nicht! Du höchstes Wesen! Allmächtiger, Den Keiner fassen noch erforschen kann. Alles, was ist, besteht in dir allein: Allumfassend, unterstützend, regierend, Wesen, das wir Gott nennen — und verstummen. UILLETON Indische Dorfbewohner. Bilder aus dem Leben von Bernstein-Sawersky. <7^ch will den Ort Trudelheim nennen, wohin mich zur Erledi- M gung einer kommunalen Erbschaflsangelegenheit meine Advokatenpraxis geführt hat — Trudelheim im Herzogthum S. R. Vier Wochen mußte ich mit kleiner Unterbrechung in diesem Flecken weilen — man denke — ich, ein arabischer Vollblutgroßstädter — die Tage von vier langen Wochen, ungeachtet der langweiligen Nächte, und in einem Orte, der nur eine Straße hat. Trudelheim hat nur eine Straße, und ist man am Anfang, so ist man auch gleich am Ende. Genau genommen ist man überall am Anfang, und es giebt noch gar kein Ende. Man hat immer das Gefühl, das Ende fehlt noch und muß noch an den Ort gebaut werden. Der nur um 200 Seelen größere Nachbarmarktflecken Mankowitz spottet immer gern über Trudelheim und sagt wie von Reuß jüngerer Linie: „In Trudelhausen — eh' man noch drinnen, ist man schon draußen!" Trudelheim hat auch eine Schenke „Zum Apfelbaum." Ein Schild, vom Raphael des Dorfes gemalt, den man mit seinem nom de guerre „Bastion" nennt, zeigt im grellen Farbenschmutz einen Reiter, welcher sich ein Glas Bier von einem Apfelbaum nimmt. Ein Mankowitzer nieinte einmal gar nicht übel, statt des Reiters und des alten Schimmels könnten es eigentlich Adam und Eva sein, die sich an dem Bier labten, denn das Bier schmecke so scheußlich, daß es polizeilich zu den verbotenen Früchten gerechnet werden müßte. Der Wirth ist übrigens ein origineller Kauz. Eduard Nußmann, der Zipfelmützenapfelbaumwirth, hat sich im Umkreis einen Namen geschaffen, und zwar dadurch, daß er Sommer und Winter stets in Hemdärmeln ohne Joppe herumläuft. So erzählt man sich auch die amüsante Geschichte, daß einmal der Fürst des Landes dieses Wirthshaus infolge irgend einer Feierlichkeit besucht hatte. Vorher, als die Ankunft des Fürsten bekannt geworden war, sagten die Leute zu Nußmann: „Ewer Nußma, nu müßt I Ewer Häbitchen anlössen, bann der Förschte kimmt!" worauf Nußmann entgegnete: „Effreile!" Und wirklich, als der Fürst, der sich sehr gern einmal in den ärmeren Hütten des Landes umsah, erschien, bediente der dicke Nußmann gestiefelt und gespornt, salonmäßig, das heißt, er hatte seine Zipfelmütze abgenommen und seinen Rock angezogen. So kurze Zeit aber der Fürst auch nur weilte, so ungemüthlich dünkte es dem Apfelbaumwirth in seinem Kostüm, und bald lief er wie blödsinnig im Zimmer hin und her. Der Fürst dachte, einer seiner Unterthanen hätte in seiner Gegenwart die Ungehörigkeit besessen und den Verstand verloren, und fragte, was los wäre. „Web bei mei Ins wir," antwortete der Wirth, dem der Schweiß triefend von der Stirne lief, „hei söll's wessen, Förscht, he he —" Nußbaum lachte und hielt sich seinen Bauch — „he he, i freu mei, daß Förschte bei ine senn — ewer mei ganzer Gespaß is mei verdorb'n, bann mei 's Häbitchen anlössen möß." Und der Fürst erfuhr von seiner Gewohnheit und ließ ihn den Rock ausziehen. In Trudelheim wird auch jedes Jahr ein- oder zweimal geschlachtet, wenn eine Festlichkeit im Dorf oder wenn ein Fest ist, dann schlachtet Nußmann ein Schwein. Am Wirthshaus neben der

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