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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-06 · Heft 1 (6.1.1899) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 darin bestehe, daß man alle Kirchen schließe, allen Predigern Stillschweigen gebiete, alle Bücher, die von Gott, Seele, Zukunft, Gewissen oder Bibel lehren, meide und abschaffe. Wer aber leidet dadurch? Gott gewiß nicht. So wie das elektrische Licht fortdauernd leuchtet, ungeachtet der Angriffe der Insekten, so wie die Sonne sich ungestört und glänzend in ihrem Kreise dreht, obwohl Wolken und Nebel sie oft dem Auge verbergen, so waltet unaufhörlich die leuchtende und erwärmende Wohlthat Gottes über das Weltall, wenn auch einige verblendete menschliche Insekten die Verwegenheit haben, ihm die Stirn zu bieten und sich zu nahe zu wagen der leuchtenden Macht, die kein Sterblicher berühren kann, ohne sich die wohlverdiente Strafe znzuziehen. Nein, es ist nicht Gott, sondern die Menschheit, die leidet und hart leidet. Wo man auch nur den Ruf vernimmt: „Wer ist Gott, daß ich ihn hören sollte?" dort findet man die Trümmer des Schiffbruchs der menschlichen Rechtlichkeit. Man mag andere Ursachen bezeichnen für politische und gesellschaftliche Verdorbenheit, für die Unredlichkeit und Tyrannei in Gewerbs- und Handelskreisen, man mag es der Goldgier zurechnen, dem Durst nach Ehre, Ruhm oder Vergnügen, aber es ist ein Jrrthum, man nimmt den Erfolg für die Ursache, und diese ist: kein Glaube an, kein Gehorsam gegen und keine Furcht vor Gott. Gottes Dasein einmal verneint, so giebt es kein Auge mehr, das die geheime Sünde sieht; Gottes Macht widerlegt, und kein anklagendes Gewissen ist mehr zu befürchten; Gottes Vergeltung verhöhnt, und die Selbstsucht und die Raubgier kennen keine Schranken mehr. Aus allen Theilen der civilisirten Welt kommt der beunruhigende Beweis eines abnehmenden Gotlesglaubens und einer zunehmenden Gottlosigkeit. Deutschland beklagt seine leeren Kirchen and angefüllten Schenken; Frankreich seine verfallenden Gotteshäuser und den Wohlstand seiner Cabarets; England,seine verlaffenen Kapellen und angefüllten Musikhallen; Amerika seine Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen und sein gespanntes Interesse an allem, was den Appetit und die Habsucht befriedigt. Die Religion ist in tausenden von Familien ganz bei Seite .gesetzt, und den Namen Gottes hört man dort nur im Scherz oder im Mißbrauch. An das Tischgebet wird nicht gedacht; das Abendgebet der Kleinen hört man nur selten noch, und dann nur in leichtfertiger Weise. Es kann den Kindern sich nicht in die Herzen senken, denn die Lippen der Eltern, die es lehren, und die Ohren der Eltern, die es hören, glauben nicht daran. Ja, unsere Häuser sind geräumig genug, aber in vielen findet sich kein Platz für Gott. Der kleine Knabe, der in eines Freundes Hause einem Tischgebet beiwohnte und sehr darüber erstaunte, und an den man die Frage stellte, ob er daheim nicht auch zu Gott bete, hatte nicht Unrecht, wenn er antwortete: „Wir haben zu Hause keinen Gott!" Unsere Gebetbücher enthalten Gebete für Neuverlobte und Verheirathete, für Eltern, denen ein junges Wesen anvertrant und geschenkt ist, für Die, die von einer Krankheit genesen oder einer Gefahr entgangen sind, und für besonders Beglückte. Aber diese Gebete verlangt man nicht. Nur ein Gebet wird oft begehrt, das für die gefährlich Kranken. Wenn der Schmerz den Leidenden foltert, und Schrecke» die hilflosen Pfleger ergreift, wenn der Tod mit gezogenem Schwert auf der Schwelle steht, und die dunkle Nacht der Trauer und der Scelenangst sich auf alle Häupter niedersenkt, wenn Freude, Gut, Ruhm und Name im Verschwinden sind, dann wird Gott erkannt, dann wird nicht gefragt: „Wer ist Gott, daß ich an ihn glauben, ihm gehorchen und ihn fürchten sollte?" Sogar auf der Kanzel ist die Gegenwart Gottes nicht mehr willkommen; viele Prediger, die es wissen, beeilen sich, das Thema der Religion durch andere, witzige, Aufsehen erregende zu ersetzen die desto mehr Gefallen finden, je weiter sie von der Religion entfernt sind. Die Folgen sind klar: der Betrug treibt öffentlich sein Spiel in politischen und Handelskreisen. Das Laster hat Zutritt in die Boudoirs unserer sogenannten besten Gesellschaft. — Möchte man weiteren Aufschluß über diesen Zustand haben, so lese man die erstaunliche Statistik des Rev. Dr. Parkhurst von New-Iork. Noch nie waren die Ehescheidungen so zahlreich, die Gefängnisse so voll, die Irrenanstalten so gedrängt. Unser Verbrecherregister zeigt eine Zunahme von 700 Prozent in den letzten zehn Jahren und nimmt immer zu. Fruchtlos ist die Mühe der Llumoipal Leagues und Citizens Unions für politische Verbesserung. Gott ist nicht in ihrem Anfang und ist nicht ihr Ziel. Vergebens ist das Streben unserer Frauenvereine für gesellschaftliche Tugend und Reinheit, das nicht mit Gott anfängt und in ihm aufhört. Das Laster ist zu weich gebettet, zu fest eingewurzelt und zu sehr zufrieden mit seinen Siegen, um sich in die Flucht schlagen zu lassen von künstlich bereiteten Aufsätzen, obwohl dieselben mit Bändern verziert, mit Wohlgeruch durchduftet und mit reizender Grazie vorgetragen sind; auch läßt es sich nicht vertreiben von scharf aufgesetzten Verordnungen zu seiner Vernichtung, noch von Arisbrüchen hysterischer Thränen. Zwecklos sind sogar alle Lehranstalten, die nicht mit Gott ihren Anfang und ihr Ende haben. Wann waren Schulen je so zahlreich und so fleißig besucht? Wann waren Bibliotheken je so vielfach und so wohlwollend unterstützt? Aber ach! Wann hat je der Unglaube so überhand genommen? Schlagt euere Geschichteir auf, und sie werden euch Hinweisen auf die Zeit; ihr werdet finden, daß der Unglaube ebenso überhand nahm während und nach dem goldenen Zeitalter der Litteratur, in den Zeiten der verderbten Könige von Israel, der verderbten römischen Kaiser tinb mediceischen Prinzen, der niederträchtigen Tutors und Bourbons, und aus den eben angeführten, historischen Beispielen läßt sich leicht schließen, was folgt. Nach dem goldenen Zeitalter des Königs Salomo kam die Zertheilung des Reiches, die Zerstörung des einen Theils und der Bann des anderen. Nach dem goldenen Zeitalter des Augustus kam der Verfall und der Sturz Roms. Nach dem goldenen Zeitalter der Medici kam der Verfall und die Zerstörung Italiens. Nach dem goldenen Zeitalter Elisabeths kam die Zeit der Tyrannei, der Ausschweifung und des Aufruhrs. Nach dem goldenen Zeitalter des Louis Quatorze kam die französische Revolution. Was wird unserem / eigenen goldenen Zeitalter wohl folgen? Auf diese Frage giebt es nur eine vernünftige Antwort: Der nämliche Verfall, das nämliche Verderben und der Sturz. Die gleiche Tyrannei und Ausschweifung, der Aufruhr und die Revolution, die den vorhergegangenen goldenen Zeitaltern folgten, wenn nicht bald eine Veränderung, auf rechten Wegen, statlfindet. Die Verbesserung, die uns so nothwendig ist, kann nicht durch gesetzliche Verordnungen und dergleichen Maßregeln erreicht werden. Man muß tiefer, viel tiefer, bis auf die Wurzel eindringen, und dann neu und mit Gott ans Werk gehen. Um göttlich leben zu können, muß man einen lebenden Gott zum Vorbild haben, und das Volk kann nur dann seine verschwindende Redlichkeit wieder erlangen und sich seinem drohenden Schicksal entziehen, wenn es seinen verlorenen Gott wieder sucht und findet. Und wie diesen Gottesglauben wiederfinden? Die Frage ist eine treffende und nicht leicht zu beantworten am Ende einer ausgedehnten Untersuchung. Aber man kann viel Auskunft darüber er

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