Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 „Wer ist Gott, daß Pharao ihn fürchten sollte?" Es rief zurück den Sturz und die Zerstörung des mächtigen Roms und gab die Antwort auf die stolze Frage: „Wer ist Gott, daß Rom ihn hören sollte?" Sie mahnte an die gefallenen Häupter unter der blutigen Guillotine auf dem Place de la Concorde, die antworten mußten auf die höhnische Frage des verderbten und gottlosen Frankreichs: „Wer ist Gott, daß Frankreich ihm gehorchen sollte?" Noch in einer anderen Hinsicht hat dieser Versuch der Insekten eine auffallende Aehnlichkeit mit der Geschichte des Atheismus. Die drei belagerten Lampen mit ihren verschiedenen Graden der Beleuchtung glichen den drei verschiedenen Stufen des bedrohten Gottesglaubens. In der fernen düsteren Vergangenheit verbreitete die wahre Erkenntniß Gottes nur ein mattes Licht und erleuchtete nur einen schmalen Raum, und doch, ungeachtet dieser Düsterkeit, gab es verhältnißmäßig Wenige, die versuchten, es ganz zu verlöschen. Im Mittelalter, wo die Gottesidee Heller und wärmer strahlte und weitere Räume beleuchtete, vermehrten sich ihre Feinde, und ihre Angriffe wurden grimmiger. In neueren Zeiten, wo die Erkenntniß Gottes am hellsten glänzt und leuchtet, ist die Zahl Derer, die sie verlöschen möchten, außerordentlich groß und vergrößert sich von Tag zu Tag; und obwohl das Feld bedeckt ist mit den Opfern der Gottlosigkeit, so finden sich doch immer wieder neue Schwärme, bereit, sich den Schädel zu zerschellen und die Flügel zu brechen im Ansturm gegen das unauslöschliche, das ewig beständige allgemeine Licht, gegen den unüberwindlichen Glauben an Gott. In dem grauen, düsteren Alterthum waren diese Angriffe nicht sehr bedeutend. Wohl gab es Bedenklichkeiten in Bezug auf das Wesen des Gottes, an den man glauben sollte, aber wenige leugneten die Wirklichkeit einer überragenden Macht aller Mächte. Man hört von ähnlichen schwachen Angriffen unter den alten Griechen und Römern, aber ihre Urheber waren keineswegs die Thoren oder Verderbten, sondern, im Gegentheil, die Philosophen ihrer Zeit. Es läßt sich sogar fragen, ob man sie zu den Atheisten rechnen darf. Sie konnten den homerischen Gottesbegriff nicht annehmen und kannten keinen anderen, und in ihrer Begierde, für die Schöpfung der Dinge Rechenschaft zu geben, behauptete der Eine, das Wasser sei der Ursprung und Erhalter aller Dinge, ein Anderer fand ihn in der Luft, ein Dritter im Feuer, ein Vierter in dem Stoff, ein Fünfter in der Macht, die alle Atome in Bewegung setzt. Diese philosophischen Forscher nach dem Urgrund aller Dinge wurden aber nach und nach durch grobe Materialisten ersetzt. Die Freude wurde vergöttert, und es ward ihr. gedient in den erniedrigendsten Ausschweifungen, in welchen das schöne klassische Griechenland und das mächtige Rom schließlich ihr bedauernswerthes Ende fanden. Auch unter den alten Chinesen stoßen wir auf einigen Widerstand gegen den Eottesglauben. Der höhere Gottesbegriff, den die Juden im Mittelalter, mit Hilfe des christlichen und des mohammedanische», durch das ganze Abendland verbreitet hatte», verstärkte das Licht, rief aber zu gleicher Zeit mehr Widerspruch hervor. Das dunkle Zeitalter war vorüber und mit ihm die Sklaverei der Menschheit. Der neuerweckte Geist fing an sich zu empören gegen die Tyrannei der Kirche und den Druck des Aberglaubens. Aber in seiner Begierde nach der Freiheit verwirrte und verwechselte er oft den Mißbrauch der Religion mit der Religion selbst und verwarf das Ganze — Gott, Pflicht, Zukunft, Rechenschaft. Die grausame Inquisition hemmte die allgemeine Annahme des Unglaubens, aber es zeigte sich im Laufe der Zeit, daß die Gesellschaft damit durchwebt war; und als der Tag endlich anbrach, wo die Gesinnung sich frei und offen zeigen durfte, da kam eine Fülle des Unglaubens ans Licht, die ebenso erstaunlich als entsetzlich war. Der Haß gegen die Religion war von einer Heftigkeit, die keinen Vergleich kannte. Dieser Haß war am wüthendsten in Frankreich. Nie hatten Kirchenväter so schwärmerisch für die Religion gestritten, als der Doktor La Mettrie und der Baron von Holbach dagegen stritten in der Mitte des letzten Jahrhunderts; jener in seinen Büchern „Histoiie naturelle de l’äme“ und „L’itomme-machine“, der Letztgenannte in seinem Buch „System de la nature“. Hitzig behaupten sie, die Welt könne nie glücklich werden, bis der Atheismus allgemein sei. Den Ursprung der Religion finden sie in der Furcht, in der Unwissenheit und im Leiden und verdammen sie als unvernünftig und schädlich. La Mettrie legt großen Nachdruck auf die starke thierische Natur des Menschen und beansprucht für ihn die Befriedigung aller seiner Neigungen und Wünsche. Der Mensch ist ganz und gar materiell; die Geistigkeit ist Unsinn. Es giebt keine Seele; was wir Seele heißen, ist eine Absonderung des Gehirns, so wie die Bosheit eine Absonderung der Galle ist.. Der Glaube an eine Zukunft ist eine Täuschung; das Grab ist das Ende des Menschen; wenn der Tod kommt, so fällt der Vorhang, und das Poffenspiel des menschlichen Lebens ist ausgespielt; der freie Wille ist eine Erdichtung; der Mensch ist gut oder schlecht durch Unvermeidlichkeit; das Laster ist entschuldigt, weil man es für eine organische Krankheit hält, die der Mensch nicht beherrschen, nicht bezwingen kann. Keinen Gott, keine Seele, keine Zukunft, keinen freien Willen, keine Rechenschaft für Laster und Verbrechen, das war das Evan- ’ gelium, welches diese neuen Apostel Frankreich brachten. Die Lehre! war neu und anziehend und gewann überall viele Anhänger; das! Gift drang bald durch alle Schichten der französischen Gesellschaft; und trug schließlich seine Früchte, die schrecklichsten, die je der Baum! der Civilisation getragen hat: Die Schreckensherrschaft, in der-man i Gott' absetzte und seinen Platz einer bemalten Courtisane einräumte; j der Gottesdienst ward verboten, die Tugend entheiligt, das Eigenthum geraubt, das Leben muthwilligerweise geopfert, Recht, Gesetz, Ordnung und Gerechtigkeit ohne Erbarmen unter die Füße getreten. In unserer eigenen Zeit finden wir, mittelst der erstaunlichen Erfindungen und Offenbarungen der Wissenschaft, den Gottesglauben in vollerem Glanze wie noch je zuvor. Noch nie war das Dasein eines Gottes so klar bewiesen, seine Allmacht und Allwissenheit so deutlich zu erkennen als in unserer Zeit, und doch, wie verkehrt und befremdend es auch scheint, war noch nie zuvor der Unglaube so weit verbreitet noch der Haß gegen den Glauben so giftig als gerade heute. Wahrlich, es ist die Geschichte des elektrischen Lichtes und der Insekten wüthendster Angriff darauf. Die Tempel sind angefüllt mit Denen, die, wie man annehmen darf, gekommen sind, Gott zu dienen und religiösen Unterricht zu erhalten. So weit verbreitet aber ist der heutige Unglaube, daß man vielleicht so viele Ungläubige wie Gläubige fände, könnte man in den Herzen Aller lesen, die dort versammelt sind. Für Jeden, der an dem Glauben festhält, auf welchen unsere Tempel gegründet sind, findet sich ein Anderer, der entweder im Zweifel steht oder die Existenz eines Gottes ganz frei und offen verleugnet. Für einen Jeden, der sich auf die Seite unserer Propheten, Gesetzgeber, Dichter und Lehrer stellt, treffen wir einen Anderen, ebenso bereit, den Lehren solcher Männer wie Feuerbach, Flourenz und Bradlaugh zu folgen, diese Apostel unseres heutigen Atheismus, die ohne alle Scheu behaupten, daß es klar und deutlich vorliege, daß es keinen Gott giebt, keinen geben kann, daß der gemeinhin angenommene Gott unser Feind und der Haß gegen ihn der Anfang der Weisheit sei; daß die Menschheit, um wahre Fortschritte zu machen, sich den Atheismus zur Grundlage nehmen müsse, daß die Religion eine Art Narrheit sei, unter der die Menschheit schon seit Jahrhunderten leide, und. deren einziges Heilmittel