Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Sabbath nicht arbeiten, nunmehr gezwungen sein, wegen der religiösen Ueberzeugungen ihres Prinzipals am Sonntag länger arbeiten zu müssen.J) 3. Es ist geltend gemacht worden, die Sonntagsruhe des Gesetzes sei keine religiöse, sondern ein» soziale Forderung. Ich halte die Behauptung in dieser Form für unrichtig; schon der Umstand, daß das Gesetz bei Festsetzung der Arbeitszeit „die Berücksichtigung der für den öffentlichen Gottesdienst bestimmten Zeit" vorschreibt, spricht entschieden dagegen. Aber selbst angenommen, sie wäre richtig, so würde die Petition darum umsoweniger gerechtfertigt sein; denn alsdann hätten eben religiöse Gesichtspunkte überhaupt mit den hier zu entscheidenden Fragen nichts zu thun, und die Sonntagsruhe ist aus sozialpolitischen Gründen ganz allgemein, also auch für alle Diejenigen festgestellt worden, welche den Sonntag als Feiertag ihrerseits nicht halten. Denn eben als sozialen Ruhetag hat das Gesetz gerade den Sonntag bestimmt. 4. Ein innerer Grund für das Verlangen der Petenten läge nur dann vielleicht vor, wenn die Sonntagsruhe vollständig durchgeführt, nicht bloß die Arbeitszeit beschränkt werben sollte. D«n Prinzipalen selbst ist ja das Arbeiten in ihren Geschäften nicht im Mindesten untersagt, und die geringfügigen, sehr eiligen Sachen können sie daher sehr wohl in der freien Zeit, oder persönlich außerhalb derselben erledigen. Diesen für die sachliche Entscheidung wichtigsten Punkt möchte ich, als außerhalb des Rahmens dieses Blattes liegend, nur der Vollständigkeit wegen andeuten. 5. Daß die Petition keinen praktischen Erfolg im Sinne der Antragsteller haben wird, kann einem Zweifel nicht unterliegen. Ich befürchte aber einen anderen, allerdings nicht von den Petenten beabsichtigten Erfolg, und um diesen, soweit es an mit liegt, zu verhindern, hatte ich sofort in der Frankfurter Stadtverordneten-Versammlung meine Stimme erhoben, und darum wende ich mich heute an die Oeffentlichkeit, an meine Glaubensgenoffen, an alle Die, welche für Juden und Judenthum noch Sinn und Herz haben. Die Petition will, indem sie scheinbar eine Gleichstellung herbeizuführen beabsichtigt, in Wahrheit eine Sonderstellung der Juden gesetzlich festlegen. Und dagegen müssen meines Erachtens gerade die Juden, und zwar alle Juden, ohne alle Rücksicht auf ihre religiösen Anschaungen in gleicher Weise Protest erheben. Nie waren wir, seitdem die Emanzipation der Inden gesetzlich festgelegt, von deren praktischer Durchführung weiter entfernt als gerade jetzt. Der Antisemitismus erhebt allen bestehenden Gesetzen zum Trotz sein Haupt. Die Juden müffen alles thun, um ihre Rechte wenigstens theoretisch aufrecht zu erhalten. Und mm sollen wir, dir Juden selbst, beantragen, gesetzlich uns zu isoliren? Wiffen die Antragsteller nicht, daß dieses von ihnen zur Ausgleichung angestrebte'Mittel doch nur dazu dienen müßte, die so „Bevorzugten" in der Oeffentlichkeit als „Juden" zu dokumentiren. Sollen wir selbst dazu Mitwirken, wieder durch einen gelben Fleck auf dem Kleid in moderner Form den Juden erkennbar zu machen? Jeder Vernünftige wird ja wohl ohne Weiteres zugeben, daß, wie ich oben dargethan, diese sogenannte Ausgleichung eine Benachtheiligung der Juden im Gefolge haben würde, aber sie wird nach außen hin den Anschein erwecken müssen, als ob die Juden wegen ihrer Religion eine Ausnahmestellung und Bevorzugung für sich in ') Die im § 105 a Gew.-O. vorgeschriebene Unzulässigkeit der Verpflichtung zur Sonntagsarbeit ist thatsächlich illusorisch; so weit nicht das Gesetz selbst die Arbeit geradezu untersagt, können die Gehilfen und Arbeiter sich dem ausgesprochenen „Wunsch" des Prinzipals thatsächlich nicht wohl entziehen. Anspruch nehmen. Welchen Eindruck wird es nach außen machen, wenn auf Grund eines Gesetzes die anderen Geschäfte geschloffen bleiben müffen, diejenigen der Juden — aller Welt als solche offiziell erkenntlich — offen bleiben dürfen? Welche billige und günstige Gelegenheit für unsere Antisemiten zu bequemen Demonstrationen im Namen des Christenthums! Wer es wirklich mit dem Judenthum, mit seinem berechtigten Anspruch auf volle Gleichberechtigung ernst meint, der muß alles aufbieten, llm derartige Jsolirungsbestrebungen energisch von Anbeginn an zurückzuweisen. Wenn das religiöse Bedürfniß unsere orthodoxen Glaubensgenossen zwingt, den Sabbath in strenger Weise zu feiern, so müssen sie auch die Konsequenzen ziehen und Opfer bringen; sie dürfen aber nicht wegen ihrer religiösen Anschauungen die soziale und rechtliche Stellung aller Juden gefährden. „Wer ist Gott, daß ich ihn Horen solltet" Von Rev. Dr. Joses Krauskopf in Philadelphia. MLm letzten Sommer machte ich eines Abends eine Beobachtung, X3? die gewiß Niemandem fremd geblieben ist, und deren Werth nur in den Gedanken liegt, die sie in mir erweckte. Die Vorhalle meines Hauses war von einer Oellampe beleuchtet. Das Trottoir war mit einem hellbrennenden Gaslicht versehen, und an der Straßenecke, wo ein elektrisches Licht brannte, war es hell wie am Tag. Unter diesem Lichte, überall umhergestreut, bemerkte ich eine zahllose Menge Insekten aller Art, groß und klein, die Mehrzahl todt, viele im Sterben, und andere versuchten vergebens, zu kriechen mit gebrochenen Beinen oder sich emporzuheben mit versengten Flügeln. Oben summten Schwärme kleiner beflügelter Geschöpfe um das Licht herum, stießen und stürzten sich auf das Glas und sielen, wie so viele andere, todt, sterbend oder verwundet zu Boden. Ich bemerkte einen ähnlichen Anfall auf die Gaslampe und ein ähnliches Schlachtfeld uni sie herum, nur in verhältnißmäßig geringeren Zahlen; in der Vorhalle, um und unter der Laterne, fand ich ganz daffelbe Schauspiel, nur natürlich wieder verhältnißmäßig vermindert. Als ich etwas später unter einem Baum saß, und mein Blick den sternerhellten Himmel durchstreifte, nachsinnend über seine Wunder und seine Geheimniffe, da kehrten meine Gedanken zu dem fruchtlosen Kampf der Insekten zurück, und es kam mir vor, als hätte ich an diesem Abend kein gewöhnliches Ercigniß beobachtet, sondern eine Darstellung der wüthenden, aber fruchtlosen Angriffe des Atheismus auf den leuchtenden Gottesglauben. Das Summen der Insekten um Laterne, Lampe und Licht, das trotzig zu sagen schien: „Was ist das Licht, daß ich es fürchten sollte?" rief mir in den Sinn des Atheisten höhnische Frage: „Wer ist Gott, daß ich an ihn glauben, ihn fürchten und ihm gehorchen sollte?" Der große Pharao hat diese Frage zuerst gestellt am Ufer des Nils, und ihr Widerhall ertönt seitdem zu allen Zeiten und in allen Landen. In jedem todten, sterbenden oder verstümmelten Insekt, das den gewagten Versuch, das Licht mit seinen schwachen Flügeln auszulöschen, so schwer gebüßt hatte, sah ich die Erklärung des Schicksals der Atheisten, die es gewagt haben und immer noch wagen, ^Gott, das Licht der Welt, mit schwachem Munde und schwächeren! Verstände auszulöschen. Die Schlacht der Insekten rief ins Gedächtniß den Schauplatz am Ufer des Rothen Meeres, wo die Todtenlund! Ertrinkenden antworteten auf des ägyptischen Königs spöttischen Ruf: