Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Erster Aelegirtentag des „Uerbandes der jüdischen Lehrervereine rm Aentschen Reiche". 8. Berlin, 28. Dezember. Der erste Verbandstag fand gestern und heute in dem Verwaltungsgebäude der hiesigen jüdischen Gemeinde unter zahlreicher Betheiligung von Delegirten und Gästen statt. Bon Ersteren waren 24 Herren erschienen, welche folgende Lehrervereine vertraten: Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hannover, Hessen-Kassel, Hessen- Nassau, Hessen-Darmstadt, Mitteldeutschland, Oberschlesien, Ostpreußen, Ostprovinzen, Pommern, Rheinland und Westfalen, Schlesien-Posen, Südwestdeutschland, Westfalen und Rheinprovinz und Westpreußen. Die Tagesordnung war eine sehr reichhaltige und setzte sich aus 15 Punkten zusammen, von denen nur zwei abgesetzt wurden. Die Berathung der übrigen nahm die geraume Zeit von fast 14 Stunden für beide Tage in Anspruch. Der Verbandstag wurde durch den zeitigen Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Rektor Dr. Adler-Berlin, nach Ausbringung des Kaisertoastes, in den die Versammlung lebhaft einstimmte, mit einigen herzlichen Begrüßungsworten eröffnet, in denen er ausführte, daß der materielle Zug der Zeit das Bestreben der Lehrer nach sozialer Hebung ihres Standes angefacht habe. Im Namen der jüdischen Gemeinde Berlin ergriff sodann Herr Geheimer Sanitätsrath Dr. Boas das Wort und führte aus, daß der Gemeindevorstand die Arbeiten des Lehrerverbandes vom ersten Tage an mit lebhaftem Interesse begleitet habe, und daß es ihm als eine Ehrenpflicht erscheine, an allen Bestrebungen Theil zu nehmen, die das Ziel im Auge hätten, dem Judenthum im Allgemeinen und seinen Kulturaufgaben im Besonderen zu dienen. Alsdann richtete noch' herzliche Worte der Begrüßung an den Verband Herr Prof. Dr. Philippson Namens des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Der D.-J. G.-B. habe von jeher die Hebung der Schule zu seiner Hauptaufgabe gemacht, weil die Zukunft des Judenthums hauptsächlich auf Lehrerstand und Schule beruhe. Nur in diesem Sinne habe sich der Gemeindebund an der Schöpfung des Verbandes betheiligt und denselben nach Maßgabe seiner Kräfte zu unterstützen und zu fördern gesucht, nicht um irgendwie eine leitende Stellung innerhalb des Verbandes einzunehmen. Niemals habe sich der Gemeindebund in die inneren Angelegenheiten des Lehrerstandes, in seine Beschlüsse und Willensmeinungen irgendwie eingemengt. Noch thörichter sei die Meinung, daß der D.-J. G.-B. in irgend einer Weise eine religiöse Parteibestrebung innerhalb des Judenthums begünstige oder eine andere bekämpfe. Auch der Ausschuß des Bundes, der aus den Anhängern der verschiedensten Parteien zusammengesetzt sei, bleibe sich sehr wohl bewußt, keine andere Aufgabe zu haben, als den Interessen der gesammten Judenheit zu dienen. Er wünsche den schönsten Erfolg und die reichste Wirksamkeit für die Berathungen des Berbandstages. Beide offiziellen Begrüßungsreden wurden mit lebhaftem Beifall begleitet, und die Versammlung gab ihrem Danke durch Erheben von den Plätzen Ausdruck. Hierauf wurde in die Tagesordnung eingetreten. Da kein Widerspruch erfolgte, konstituirte sich der zeitige Vorstand des Verbandes als Vorstand des Verbandstages. Als Schriftführer werden die Herren Lehrer Amram-Borken und Steinhardt-Magdeburg kooptirt. Die Berichterstattung des Verbands- Vorstandes über die Verwaltungsperiode 1896—98 erledigt sich dadurch, daß der Bericht gedruckt vorliegt. * Als Schatzmeister giebt sodann zu Punkt 3 der Tagesordnung Herr Seminarlehrer Gulkind-Kassel den Bericht über die Kasse. Es betrugen im Jahre 1896 die Einnahmen 1502,25 Mk., Ausgaben 1625,90 Mk., i. 1.1897 Einnahmen 1983,50 Mk., Ausgaben 2034.50 Mk., i. I. 1898 Einnahmen 2109 Mk., Ausgaben (ohne die Kosten des Verbandstages) 1646,05 Mk., so daß ein Kassenbestand von ca. 463 Mark verbleibt. Zu Kassenrevisoren werden die Herren Prof. Badt-Breslau, Mittelschullehrer Feiner-Hamburg und Wertheimer-Heldenbergen ernannt. Der Vorsitzende dankt bei dieser Gelegenheit dem Vorstand der Gemeinde Berlin für die zum Verbandstag bewilligte Subvention in Höhe von 1000 Mk. und berichtet über die Eingänge von Drucksachen. Gegenüber einer Anregung des Herrn Predigers Liepmannssohn-Minden, in einer Resolution zu den gegen die weiblichen Lehrpersonen an den Berliner Gemeindeschulen gerichteten Maßnahmen Stellung zu nehmen, weist der Vorsitzende darauf hin, daß die Angelegenheit in ein neues Stadium getreten sei, da der Kultusminister eine Konferenz mit den Kommissarien der Schuldeputation zur Regelung dieser Angelegenheit zusammenberufen habe. Der Antragsteller zieht darauf seinen Antrag zurück, hofft aber, daß der Verbandsvorstand, sobald die Angelegenheit in nicht befriedigender Weise geregelt werde, von dem Berbandstage autorifirt werde, eine diesbezügliche Resolution einzureichen. Zu Punkt 4: „Beschlußfassung über die Satzungen' der Pensions-, Wittwen-und Waisenkasse des Verbandes", erhebt sich eine sehr eingehende Debatte. Referent ist der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Adler. An der Hand der gedruckt vorliegenden und in dieser Form bereits unter dem 10. November 1898 vom Staatsministerium genehmigten Satzungen giebt der Referent ein sehr ausführliches und klares Bild zunächst über den äußeren Gang der Angelegenheit, dann über die Einrichtung der Kasse selbst. Eine eigene Kasse einzurichten, sei ausgeschlossen gewesen, da, um nur fünfzig Lehrer zu versichern, bereits ein Grundfonds von 1 260 000 Mark nothwendig sei. Der zweite Weg, einer Kasse gewisse Prämien zu zahlen, wogegen dieselbe die Leistungen an die Lehrer übernehme, sei ebenfalls nicht gangbar, weil die Prämien zu hoch ausfallen und der Verband in dauernder Abhängigkeit von der Kasse bleiben würde. Es sei nur der Mittelweg offen geblieben, eine Kasse zu gründen im Anschluß an einen Vertrag mit einer Versicherungsgesellschaft. Die neu zu begründende Kasse garantire bei Eintritt dauernder Dienstunfähigkeit oder Vollendung des 65. Lebensjahres dem Lehrer eine Pension von 600 Mark jährlich, den Wittwen verstorbener Mitglieder eine Jahresrente von 300 Mk. und den Vollwaisen bis zum vollendeten 16. Lebensjahr eine Rente von jährlich 30Ö Mk. Die bereits bestehenden Unterstützungs- Kassen würden durch die Centralkasse durchaus nicht vernichtet werden, sondern gelangen im Gegentheil erst voll zur Wirksamkeit. Die Vereine würden zu dem von der Centralkasse Geleisteten dasjenige hinzufügen, was nothwendig ist, um die Wittwen und Waisen standesgemäß zu unterhalten. Der Verband erhoffe und erstrebe eine möglichst weitere Ausgestaltung der bereits bestehenden Kassen, wozu er satzungsgemäß nach 8 9 verpflichtet sei. Was die Centralkasse leisten werde, sei nur ein Existenzminimum für den Lehrer, die Wittwe und die Waisen. Auf diesem Wege würde es aber möglich sein, im Laufe der Jahre eine eigene Kasse zu gründen, da die Loslösung von der Versicherungsgesellschaft jeden Augenblick erfolgen könne. Der Weg, der hier beschritten werden soll, sei analog demjenigen des Vereins deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen, welche dieselben Etappen mit ihrer Kasse durchgemacht hätten und jetzt über eine eigene Kasse mit einem Grundkapital von 8 Millionen Mk. verfügten. Die von der Centralkasse erforderten Beiträge seien verhältnißmäßig hohe, in Prozenten des nachgewiesenen Diensteinkommens 5-10 pCt. im Alter von 25—40 Jahren. Der Lehrer werde auf 25 Jahre mit 6000 Mk. zu einem Tarife versichert, der mit 10 pCt. Invalidität ausgestattet sei. Der Passus, wonach die Gemeinden 2/3, die Lehrer nur */3 als Beitrag zur Kasse zu zahlen hätten, sei vom Minister gestrichen worden, weil eine solche generelle Verfügung regierungsseitig nicht zugelassen werden könne. Die Theilung sei nur abhängig zu machen von den Kontrakten, welche die einzelnen Lehrer mit ihrer Gemeinde abfchließen müßten. Nach Genehmigung der Satzungen durch den Berbandstag müsse erst als zweite schwierige Arbeit ein Vertrag mit einer Versicherungsgesellschaft abgeschlossen werden. Rednergeht dann noch auf ein an die Oeffentlichkeit gelangtes Schreiben des ostpreußischen Vereins ein, der ebenfalls eine Vernichtung der Hilfskasse befürchtet und eine Vertagung der Angelegenheit wünscht, damit die Hilfskaffen und ihre Vertreter erst Gelegenheit hätten, sich über diesen Punkt auszusprechen. Der Referent schließt mit der Bitte, die Statuten zu genehmigen, wofür noch Kindeskinder -dankbar sein werden. . Herr Sturmann- Osterode als Vorsitzender des ostpreußischen Vereins vertritt das genannte Schreiben und vermißt in den Satzungen die Bestimmung, daß die neu zu begründende Kasse die Provinzialkassen unterstützen werde. Ebenso befürchtet der Vertreter der Unterstützungskaffe für Rheinland und Westfalen, Herr Prediger Liepmannssohn-Minden, eine arge Schädigung ihrer Interessen. Er sei allerdings beruhigt, wenn er höre, daß sich die Centralkasse bei ihren Bemühungen um Zuwendungen an die Kasse auf die großen Gemeinden wie Berlin, Frankfurt a. M. u. s. w. beschränken wolle. Die mittleren und die kleinen Gemeinden werden sicherlich mit 90 Prozent ein ablehnendes Votum geben und auf die provinziellen Hilfskassen verweisen. Er begrüße die Idee im Interesse aller Derer, die nicht einer Provinzialkasse beigetreten seien. Die große Menge von Lehrern, die an kleinen Orten wohnen, werden von der Centralkasse keinen Nutzen haben. Auf Antrag Amram wird für die