Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 als klassischer Zeuge bescheinigt haben sollte. Es ist merkwürdig, daß nicht auch Stosch deffen von ihm angeklagt wurde; mit der Kaiserin Augusta müßte es schon schwerer geworden sein." * Für Täuflinge und Solche, die es werden wollen, eine hübsche Notiz ins Stammbuch: Universitätsprofeffor Dr. Theob. Ziegler schreibt in seinem neuen Buche: Die geistigen und sozialen Strömungen des "9. Jahrhunderts. Berlin. Bondi. 1899. Seite 556 Folgendes: „Heute ist der Uebertritt eines Juden zum Christenthum keine indifferente, sondern — ganz besondere Fälle abgerechnet — eine recht verächtliche Sache." Notabene: Ziegler ist durchaus nicht judenfreundlich, setzt aber die Schäden der Jude», die er sehr hervorhebt (S. 554), auf Kosten der nichtjüdischen Unduldsamkeit und Ausschließlichkeit. Bei dieser Gelegenheit woüen wir übrigens noch ein anderes Buch nennen, das gleichfalls die Bilanz des scheidenden Jahrhunderts zu ziehen sucht, das Buch von Profesior Ludwig Büchner in Darmstadt: Am Sterbelager des Jahrhunderts. Auch in diesen; Werke findet sich eine sehr scharfe Abfertigung des Antisemitismus als einer der widerlichsten Erscheinungen des neunzehnten Jahrhunderts. * Wiederholt haben wir schon über die peinliche Lage gesprochen, in die die Juden von Thessalien durch die veränderten Machtverhältniffe gerathen sind. Der Bericht, den einer ihrer Korrespondenten der Alliance Israelite Universelle ans jener Provinz zuschickt, giebt ein getreues Bild dieser verwickelten Lage. Es heißt daselbst: Sie wissen durch unsere Mittheilungen der letzten Monate, daß unsere Glaubensgenossen in Larissa seit der erneuten Besetzung Thessaliens durch die Griechen tausend Aergernissen ausgesetzt waren. Dank der Intervention des Präsidenten des Appellationsgerichts hörten die Gewaltthätigkeiten und das Plündern der jüdischen Läden für kurze Zeit auf; die Israeliten konnten die Straßen betreten und ihre Läden wieder aufmachen. Es war leider nur ein kurzer Waffenstillstand, gerade so viel Zeit für unsere Verfolger, um eine neue Taktik zu organisiren. Ohne jenes Mittel zu rechnen, das darin besteht, eine jede Familie, die nicht vor dem Feinde geflohen, mittelst falscher Zeugen anzuklagen, die christlichen Häuser, welche von ihren Besitzern verlassen worden, geplündert zu haben, ohne jene Anklagen zu rechnen, die gegen die armen israelitischen Kaufleute erhoben worden, die zum Unglück dieselben Verkaufsartikel führten wie ihre christlichen Konkurrenten, sich die Maaren dieser Letzteren angeeignet zu haben, ist seit einiger Zeit eine neue Frage aufgeworfen worden, die den guten Namen und die Interessen der Israeliten bedeutend schädigt. Sie werden sich erinnern, daß zur Zeit der bekannten Panik von Larissa die Bewohner dieser Stadt, Männer, Frauen und Kinder, vor den Türken flohen, alles im Stich lassend. Die Behörden, darunter der Schatzmeister von Larissa, fanden sich in der Unmöglichkeit, die Archive, die Register, die Stempel und Werthsachen, die ihnen anvertraut waren, mitzunehmen, so daß ein großer Vorrath von Stempelbogen in die Hände der Feinde fiel. Sobald diese Thatsache zur Kenntniß der Regierung kam, wurde der Befehl ertheilt, auf alle vorhandenen Stempelbogen einen zweiten Stempel zu setzen, und alle jene Bogen, welche den zweiten Stempel nicht ausweisen, für werthlos zu erklären. Während der iS Monate der türkischen Besetzung Thessaliens hatte sich das Gerücht verbreitet, daß mehrere Leute, darunter einige Israeliten, thessalische Stempelbogen in Händen gehabt hätten, und daß einige unter ihnen mit den hohen Beamten der Hauptstadt im Einvernehmen gestanden hätten, um den zweiten Stempel daraufsetzen zu lassen, besagtes Papier zu verkaufen und den Nutzen zu theilen. Indessen war dies nur ein . Gerede, daß Niemand zu kontroliren vermochte. Plötzlich erfahren wir, daß der Untersuchungsrichter in Larissa dort und in Bolo zahlreiche Festnahmen, sowohl unter Juden wie Christen, vornehmen ließ, und daß die Aussage irgend eines Individuums der Polizei genüge, um einen Menschen, namentlich einen Juden, festzunehmen. Der Gerichtshof von Lariffa versuchte die Schande fast lediglich auf die Juden zu wälzen, indem Vermuthungen ausgesprochen wurden, die sich auf nichts stützten. Was die Israeliten Thessaliens mit Sorge erfüllt, ist, daß die Richter von Lariffa die nämlichen sind wie vor dem Kriege, und da sie wie die übrige Bevölkerung vor dem Feinde geflohen sind, ist man berechtigt zu der Befürchtung, daß sie bezüglich deS Plünderns die Borurtheile der Menge theilen. Wie es der Verfasser eines in der Times kürzlich erschienenen Artikels sagt, kann zur Zeit die Gerechtigkeit in Thessalien nicht gerecht sein, so sehr sind gerade jetzt alle Leidenschaften entfesselt. Während eines Prozesses rief der Staatsanwalt am Tribunal zu Larissa aus: „5000 israelitische Freiwillige sind den türkischen Truppen gefolgt und haben Thessalien überschwemmt; sicherlich war ihr Ziel nicht der Ruhm, sondern nur das Plündern. Der Angeschuldigte aus Salonichi muß zu diesen Freiwilligen gehört haben." Dies war das Hauptargument und der große Schuldbeweis. So war die Lage der Israeliten in Theffalien Ende Oktober; ein kürzlich dem Centralkomitee zugegangener Brief zeigt die Dinge in einem etwas besseren Licht. Die Anklagekammer hat in der That eine große Anzahl Juden als nichtschuldig mtlassen. Bei Einzelnen von ihnen hat die Untersuchung entdeckt, daß nicht allein ihr Verhalten während der Okkupation alles Lob verdiente, sondern daß sie auch durch ihren Einfluß das Hab und Gut vieler Familien geschützt und mehrere Landsleute den Gewaltthätigkeiten der türkischen Polizei entzogen haben. Man fängt an zu hoffen, daß die gerichtlichen Behörden zu der Einsicht gekommen sind, daß sie sich mit den angeordneten Festnahmen übereilt haben, und daß es bald wieder möglich sein wird, wie ehedem in Ruhe zu leben. * In Amerika hat das Council of the Union of American Hebrew Congregations, also der amerikanisch-jüdische Gemeindebund, seine Jahresversammlung abgehalten, und zwar in Richmond. Es gehören diesem Bunde gegenwärtig 94 Gemeinden der Union an. Seine wichtigste Schöpfung ist das Hebrew Union College in Cincinnati, das Während der Zeit seines Bestehens von 225 Hörern besucht wurde und 61 Rabbiner graduirt hat. Die Errichtung von Präparandien für das College in verschiedenen Theilen des Landes, die Mittel und Wege, dem Institut ein genügendes Grundkapital zu sichern, waren Hanptgegenstand der Berathung. Für das laufende Jahr bewilligte die Versammlung dem College 22000 Doll., obwohl die gesicherten Einkünfte des Bundes nicht die Hälfte dieser Summe übersteigen. Das ist ein wahrhaft nachahmenswerthes Beispiel. Von besonderem Interesse war die Debatte über den Zionismus. Der Vorschlag, die Resolution der Rabbiner von Montreal anzuuehmen, wurde abgelehnt, dagegen wurde folgende Resolution angenommen: „Wir sind unabänderliche Gegner deS politischen Zionismus. Die Juden sind keine Nation, sondern eine religiöse Gemeinschaft. Zion war ein kostbares Besttzthum der Vergangenheit — die einstige Heimath unseres Glaubens — wo unsere Propheten ihre weltbezwingenden Gedanken aussprachen, und unsere Psalmisten ihre weltentzückenden Hymnen sangen. Als solches ist es eine heilige Erinnerung, aber keine Hoffnung für die Zukunft. Amerika ist unser Zion. Hier in der Heimath der Religionsfreiheit haben wir mitbegründen helfen dieses neue Zion, dessen Keime schon im alten lagen. Die Mission d'cs Judenthums ist eine geistige, keine politische. Ihr Zweck ist nicht, einen Staat zu gründen, sondern vielmehr die Wahrheiten der Religion und der Humanität durch die ganze Welt zu verbreiten." In einem Zusatz wurde der warmen Sympathie für die verfolgten Juden im Osten Ausdruck gegeben. Es ist intereffant, daß zu gleicher Zeit von verschiedenen Seiten die Mahnung zur Einigung aller Juden Amerikas erfolgt, da ja die religiösen Differenzen dort lange nicht so große seien, wie in Europa.