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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-06 · Heft 1 (6.1.1899) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 lichen, die für sich auf mildernde Umstände plädiren: die Geistlichkeit habe die Wahrheit nicht erfahren können oder sei absichtlich getäuscht worden. Aber man muß fragen: Durch wen getäuscht? Doch durch die klerikalen Zeitungen, die so schöne Namen wie „Univers" und „Croix" und den noch schöneren Namen „Veritö" tragen; alle diese Zeitungen haben Fühlung mit dem hohen Klerus und werden zum Theil direkt durch die Bischöfe geleitet. Die Verantwortung fällt also immer wieder auf den Klerus. Es ist begreiflich, daß jetzt, wo der Feldzug mißglückt und die Revision gesichert ist, an verschiedenen Stellen die Erkenntniß auftaucht, daß man, wenn nicht gerechter, so doch klüger hätte sein sollen, und so wundert es uns gar nicht, daß heute ein englisches Blatt die Meldung bringt, daß der Papst nach Einvernehmen mit dem Erzbischof von Reims und dem Erzbischof von Bourges beschlossen habe, demnächst eine Encyclica zu veröffentlichen, in welcher die antisemitischen Agitationen in Algier scharf verurtheilt werden sollen. Der Papst werde aber bei dieser Gelegenheit auch die Dreyfus-Angelegenheit erwähnen. Die Kammer hat mit überwältigender Majorität in Uebereinstimmung mit der Regierung sowohl die Exzesse in Algier wie den Antisemitismus gebrandmarkt. Mit den Ruhestörern in Algier wird die Regierung wohl fertig werden, und sie entfaltet auch bereits eine bemerkenswerte Energie. Aber die Bekämpfung des antisemitischen Geistes ist eine viel schwerere Arbeit. Vorläufig rüstet man sich in Algier zu offener Auflehnung gegen das Gesetz, und die schönen Reden der Minister und Gouverneure haben so gut wie nichts gefruchtet. In Paris hat man aber kürzlich einen frommen katholischen Pfarrer, der von Juden abstammte, in der Kirche förmlich verhöhnt. Und in Algier plant Generalgouverneur Lafferriöre die Aufhebung des Ediktes von Cremieux. Die Regierung wird nun endlich zeigen müffen, daß sie die Situation beherrscht und nicht von ihr hin und her gezerrt wird. Man berichtet aus Paris, daß die Neujahrsbetrachtungen der Blätter äußerst düster seien. „Temps" nennt 1898 das traurige Jahr. Alle stellen den Niedergang Frankreichs, die tiefe Zerrüttung der Verhältniffe, den unversöhnlichen Haß zwischen den Angehörigen desselben Volkes fest. Aber die „Libre Parole" macht selbstverständlich für diese Lage die Juden verantwortlich. So lange nicht die Franzosen zur Selbsterkenntniß kommen, wird es in ihrem schönen Lande auch nicht besser werden. Me Woche. Berlin, 4. Januar. fte Verhandlungen der Berliner Stadtverordnetenversammlung vom 29. v. M. über das Töchterschulwesen im Westen der Residenz und über die Ausschließung jüdischer Schülerinnen von höheren Privat-Töchterschulen beanspruchen ein allgenieines Interesse. Die Thatsache, daß in dieser Weise aus konfessionellen Gesichtspunkten über die Aufnahmefähigkeit von Schülerinnen entschieden wird, und daß keine greifbare gesetzliche Bestimmung besteht, wodurch die Vorsteherinnen von Privatschulen gezwungen werden können, auch solche Schülerinnen aufzunehmen, die ihnen nicht paffen, hatte schon früher einen Antrag auf Errichtung einer zweiten städtischen höheren Mädchenschule im Westen hervorgerufen. In dem Ausschuffe ist die Handlungsweise derjenigen Privat-Schulvorsteherinnen, die aus konfessionellen Rücksichten jüdische Schülerinnen zurückweisen, scharf gemißbilligt worden, und diese Kritik fand ihren lauten Widerhall in der öffentlichen Erörterung, wobei nur der einzige Vertreter der Bürgerpartei, Herr Pretzel, einige antisemitische Gedanken zum.Vortrag brachte. Stadtverordneter Singer bezeichnete es als ein Glück, daß die Vertretung solcher mittelalterlichen Anschauungen in dieser Versammlung nur noch von einem einzigen Mitgliede ausgeübt werden könne. Der Ausschuß war aber gleichwohl nicht der Ansicht, daß durch das ihm vorgelegte statistische Material die Nothwendigkeit der Errichtung einer zweiten höheren Mädchenschule im Westen erwiesen sei. Er empfahl deshalb die Ablehnung des dahingehenden Antrages von Rechtsanwalt Hugo Sachs, wünschte aber betont zu sehen, daß das gerügte Verhalten der Schulvorsteherinnen mit der geltenden Rechtsordnung unvereinbar sei. Nach dem Anträge des Ausschusses soll der Magistrat aufgefordert werden,, diese Rechtsordnung bei den Aufsichtsbehörden mit allem Nachdruck zur Geltung zu bringen und neue Privatschulen nur unter der Bedingung, daß die Konfession der Schüler kein Hinderniß für die Aufnahme bilden dürfe, zu konzessioniren. Schließlich soll der Magistrat ersucht werden, entweder mit den Schulvorsteherinnen, die keine solche konfessionelle Scheidegrenze errichten, wegen Erweiterung ihrer Schulen in Verbindung zu treten oder aber eine zweite höhere Mädchenschule ohne Unterstufe zu errichten, so daß die Schülerinnen, die in ihr Aufnahme finden, die Unterstufe anderweitig durchgemacht haben müßten. In der eingehenderen Erörterung wurde mehrfach das Bedauern darüber ausgedrückt, daß die Aufsichtsbehörde, also das Provinzial-Schnlkollegium, dem tadelnswerthen Verhalten der betreffenden Schulvorsteherin ihre Zustimmung zu schenken scheine. Die Ausschußanträge wurden schließlich angenommen. Aus der Verhandlung selbst möchten wir aber nur eine Bemerkung hervorheben, mit der einer der Herren Stadtväter uns so recht aus der Seele gesprochen hat, indem er bemerkte: „Wenn gesagt worden sei, daß eine ganze Zahl jüdischer Eltern nur deshalb ihre Erlebnisse nicht an die große Glocke gebracht haben, weil sie sich schämen, so habe er für solche Leute gar kein Mitleid, im Gegentheil, er mache den Bewohnern des Westens den Borwurf, daß sie nicht freimüthig mit der Sprache herauskommen, und daß diejenigen jüdischen Eltern, die die Zurückweisung von Kindern erlebt haben, nicht sich für verpflichtet erachtet haben, sofort ihre sämmtlichen Kinder von solchen Anstalten herauszunehmen, in welchen eine solche Gesinnung herrsche. (Sehr richtig!)" In dieses „Sehr richtig" müffen auch wir einstimmen, denn hier ist der Krebsschaden angedeutet, an dem unsere großstädtischen Verhältnisse seit Jahrzehnten leiden. * In der interessanten Artikelserie „Bismarck postbumus", die Ludwig Bamberger in der „Nation" seit einigen Wochen veröffentlicht, kommt er auch ans die Stellung des verstorbenen Reichskanzlers zum Antisemitismus zu sprechen. Die betreffende Stelle lautet: „Wie die Franzosen ihn für ihren Gegner aus Stimmung hielten, so haben ihn vielfach auch die Juden für einen Antisemiten gehalten, ebenfalls meines Erachtens irrthümlich, aus oben geschilderten allgemeinen Gründen. An dem Aufkommen des Antisemitismus der Stöcker und Treitschke war er unbetheiligt. Aber es gehörte zu seiner Methode, ein Geschoß, das ihm Andere geschmiedet, nicht von der Hand zu weism, es für vorkommende Fälle in seinem Arsenale niederzulegen, es bald zur Einschüchterung, bald zur Herabsetzung eines Gegners zu verwerthen. Als Friedenthal sich vom landwirthschastlichen Ministerium zurückzog, weil er den mit den Getreidezöllen eingeleiteten agrarischen Feldzug nicht mitmachen wollte, nannte er ihn, wie man sich im Foyer des Reichstages erzählte, im vertraute« Kreise einen semitischen. Busch thut sein Möglichstes, um Bismarck als einen Antisemiten seinesgleichen hinzustellen. Aber es gelingt ihm nicht, so oft er auch versucht, ihn dazu zu bekehren; nämlich: Busch selbst trieft von Antisemitismus. Es wäre auch schade und unbegreiflich, wenn dieser edlen Seele ein so ganz zu ihr stimmender Charakterzug gefehlt hätte. Wo es gilt» Einen bei seinem Herrn schlecht zu machen, ist immer das Erste, daß er meint, derselbe sei wohl ein Jude, z. B. Rickert, von dem rS sogar Bleichröder

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