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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-06 · Heft 1 (6.1.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 1. Berlin. 6. Januar 1899. eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 13*. Ludwig Philtppson-Gonrr. Verlags-Crpedrtwn: töertm, Lerufalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrr: Gustav Karpeles. IAlle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Der französische Antisemitismus. — Die Woche. — Erster Delegirtentag des „Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche". — Sabbathheiligung und Sonntagsruhe. Von Justizrath Dr. Berthold Geiger.— „Wer ist Gott, daß ich ihn hören sollte"? Von Rev. Dr. Josef Krauskopf. — Feuilleton; Jüdische Dorfbewohner. Von Dr. Bernstein-Sawersky. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Breslau, Eisenach, Brakel, München, Wien, Budapest, Brüssel, London, Bukarest, Athen. — Bon Nah und Fern. — Prolog znr Channkah-Feier. Von Jacob Platz. Der französische Antisemitismus. Berlin, 3. Januar. ie viel auch schon über die antisemitische Bewegung in Frankreich gesprochen und geschrieben worden, die Erscheinung selbst ruft doch immer bei jeder neuen Gelegenheit umsomehr unser Erstaunen hervor, je weniger wir gerade in jenem Lande einen Ausbruch mittelalterlicher Leidenschaften erwartet hatten. Es haben da unzweifelhaft Faktoren mitgewirkt, deren Wirken noch nicht genügend an das Tageslicht gezogen worden ist, und Strömungen, deren Quelle noch nicht bekannt ist. Es ist eine nicht zu bezweifelnde Thatsache, daß der Antisemitismus in Frankreich gegenwärtig dem Kampf gegen die liberale und soziale Ausgestaltung der Republik dient, ja gegen diese selbst, an deren Stelle irgend ein Prätendent oder ein General gesetzt werden soll, der gegen die „Intellektuellen", d. h. gegen die Leute, die noch denken und auf geistige Selbständigkeit sowie auf eigenes Urtheil Werth legen, wenn nicht mit Feuer und Schwert, so doch mit Gesängniß und Degradation Vorgehen soll. In dieser Tendenz wirken Kirche und Armee einträchtig zusammen. Aber noch nirgends haben wir die Triebfedern dieser Wühlarbeit so klar und durchsichtig, mit so vielen neuen Thatsachen, erörtert und bloßgelegt gefunden als in den sachgemäßen Erörterungen eines großen süddeutschen Blattes über die letzte Kaminerdebatte in Sachen des algerischen Antisemitismus. Die Affäre Dreyfus ist den Antisemiten in Frankreich höchst willkommen gewesen, so heißt es in dem betreffenden Artikel; ja sie ist von ihnen recht eigentlich erfunden und in Szene gesetzt worden. Wir wiffen heute, daß der wirkliche Verräther den entstandenen Verdacht für die im Generalstab bemerkten „faites“ auf den jüdischen Offizier Dreyfus ablenkte und diesen als Schuldigen, unter Mitwirkung seiner Kollegen und Vorgesetzten, zur Verurtheilung und zur Deportation brachte. Wir wiffen auch, daß der Kriegsminister General Mercier das Belastungsmaterial sehr ungenügend fand und von einer weiteren Verfolgung abstehen wollte, daß er aber von der antisemitischen Presse daran gehindert wurde. . Diese Preffe war es, die zuerst die Nachricht von der Verhaftung eines Offiziers wegen Hochvcrraths an die Oeffentlichkeit brachte; dann folgte die Mittheilung, daß es ein jüdischer Offizier sei, und endlich, daß er Dreyfus heiße. An diese Nachrichten knüpften sich Drohungen gegen den Kriegsminister, wenn er es wagen sollte, den „Verräther" — denn das war er für die Antisemiten bereits, obgleich er weder überführt, noch verurtheilt war — ungestraft lassen sollte. Die Drohungen und Beschimpfungen der antisemitischen Blätter wirkten; der Kriegsminister, der vom Madagaskar-Feldzug her sehr viel auf dem Kerbholz hatte, wurde eingeschüchtert und machte endlich mit Hilfe von Gesetzesverletzungen den Antisemiten die große Freude, daß sie in der ganzen Welt mit einem „jüdischen Verräther" hausiren gehen und mit ihm namentlich in Frankreich ihre Sache' mächtig fördern konnten. Hinter den Führern des Feldzuges gegen Dreyfus und die Juden rangirte sich Alles, was reaktionär gesinnt war, der Adel, die Generalität, die Reste des Boulangismus und vor allem die Kirche. Die „Libre Parole" selbst ist ein Organ der Jesuiten; sie wurde 1892 gegründet, und ihr erster Verwaltungsrathsprüsident war Odelin, der von 1882 bis 1890 Verwalter der Etablissements der Jesuiten in Paris gewesen war. Man weiß, daß bei dem hohen und niederen Klerus Schritte unternommen worden sind, um ihn von seiner feindseligen Haltung zurückzubringen; es war umsonst. Man weiß, daß Frau Dreyfus, als schon die Unschuld ihres Gatten klar am Tage lag, für Jeden, der sehen wollte, einen rührenden Brief an den Papst schrieb, uni ihn zu bestimmen, daß er ein Wort für die Revision des Prozesses, für die Befreiung des unschuldig Verurtheilten sprechen sollte; es war ebenfalls umsonst. Man hat später durch den in der Regel gut unterrichteten vatikanischen Korrespondenten der „Jndep. .beige" erfahren, daß im Vatikan die Frage, ob ein Schritt für Dreyfus geschehen solle, erörtert'wurde; es gab eine Partei, die dafür war, Rampolla aber war von Anfang an entschieden dagegen. Der Papst selbst habe geschwankt, Rampolla aber habe ihn auf seine Seite gezogen, indem er sagte: „Die Leute sollen ihr Jndengezänk unter sich allein ausfechten!" Da der Papst eine Abneigung gegen alles habe, was nur nah oder fern das Judeuthum angehe, so habe dieses Wort Rampollas genügt, um das Schreiben der Frau Dreyfus ohne Antwort in die Archive des Vatikans zu befördern. Die klerikale Hetze gegen Dreyfus und die Juden nahm daher munter ihren Fortgang. Keine geistliche Stimme, keine hohe und keine niedere, erhob sich zu Gunsten der Gerechtigkeit und der Wahrheit. Selbst die Centrumspreffe in Deutschland war darüber empört und warnte die französischen Katholiken wiederholt vor dieser Allianz mit den schlechtesten Elementen der Boulange. Erst in der neuesten Zeit, seit es nach dem Selbstmord Henrys und dem Revisionsbeschlusse der Regierung auch in den düstersten Gehirnen zu dämmern beginnt, veröffentlichen die revisionistischen Zeitungen Zuschriften von Geist

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