Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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institlltes sich erworben hätte, für die Gemeindeverwaltung, die sich ja hauptsächlich mit der Lösung praktischer Fragen zu beschäftigen hätte, sehr gut verwerthet werden können. Der Gewählte sei auch bekannt als ein Mann des Friedens in religiösen Fragen; man wisse, daß er einem vernünftigen Fortschritt huldige, ohne Althergebrachtes zu stören. So 'werde er ein Versöhnnngsglied zwischen Vorstand und Nepräseutantenversammlung und seine Thätigkeit hoffentlich eine gluck» bringende sein. Herr Eisuer dankt für die freundlichen Worte und beschränkt sich auf die Versicherung, daß er das aufrichtige Bestreben hätte, für das Interesse und das Wohl der Gemeinde mitzuwirken. Die unterbrochene Debatte wird nunmehr durch Herrn Leonhard Sachs wieder ausgenommen, der darauf hinweist, daß, so viel er wisse, in allen Gemeinden die Bezahlung der Plätze üblich sei. Die Gemeiudeverlvaltung habe selbstverständlich eine Verpflichtung denjenigen Steuerzahlern gegenüber, die die schweren Lasten trügen. Es drehe sich bei dem Anträge wesentlich um die Unterbringung' derjenigen Leute, die sonst für 1.50 Mark in anderen Gottesdiensten placirt würden. Und diese Leute werden auch lieber in die große Syllagoge gehen wollen, als in einem kleineren Gottesdienste einen Kandidaten zu hören. Es seien zum diesmaligen Fest 1000 Freiplätze vergeben worden. in den Hauptsynagogen allein 300 an würdige, nach jeder Richtung hin zu beachtende Männer und Frauen. Die Höhe der Preise in der Lützowstraße für die Plätze, die leer geblieben seien, könne geändert werden. Er halte seinen Vermittelungsvorschlag für acceptabel. Wenn erst einmal ein Gottesdienst für die Feiertage gänzlich frei gegeben würde, werde mail ein Bild erhalten, wie die Angelegenheit sich entwickeln werde. Herr Hermann Landsberger ist der Meinung, daß alles, was erstrebenswerth sei. nicht gleich ausführbar sei. Die in dem Antrag geforderten Zahlen seien ohne Prüfung herausgegriffen. Für ihn wäre es ein idealer Zustand, und er hätte diesen Plan bereits vor 25 Jahren an derselben Stelle vertreten, wenn die Thore der Synagoge stets geöffnet sein würden. Betreffs der Erneuerung der Plätze sei die Gemeinde mcftt in der Lage, den Inhabern der Plätze das erworbene Eigenthnmsrecht zu nehmen. Sollte dies geändert werden, so lvürde man dadurch scholl dem geäußerten Wunsche näher kommen. Er müsse sich absolut gegen ein Gotteshaus anssprechen, das für die Armen bestimnlt sei. Die Gemeinde hätte die Pflicht, der Angelegenheit näher zu treten, lverln später einmal der Antrag gestellt würde, ob nicht Plätze für Diejenigen geschaffen werden müßten, die zu zahlen nicht in der Lage seien. Ein Schlußantrag lvurde daraus angenommell und Herrn Professor Lew in das Schlußwort verstattet. Er hätte ans den ganzen Auseinandersetzungen entnommen, daß Alle die Zustände für verfehlte ulld unhaltbare ansähen. Sämmtliche Redner hätten die Unaussührbarkeit des Planes betont. Vor hundert Jahren hätte man auch noch nicht den Gotthardtunnel durchbrechell könneil, und das sei doch wohl etwas schwerer. Bei einem bischen gntell Willeil, den er übrigens bei Allen voraussetze, ließe sich der Gedanke schon durchführen. Es handle sich gar nicht lim die Expropriirullg Derer, welche die Plätze gekauft oder genliethet hätten, sondern es handle sich um den ersten Schritt, der dazu führen solle, um die Synagogen überhaupt frei zu geben. Eine Armensynagoge werde man uienrals kollftrnireu, lveil sie .niemals so gedacht sei. Vor Gott gebe es keine Armen und keine Neichen, und es ließe sich vielleicht Nachweisen, daß die Gemeinde gar nicht das Recht hätte, Elntrittsgeld zu verlangen. Er könne mit dem Erfolg der Debatte vollkommen zufrieden sein. Er habe die Ueberzengullg. daß sich Rienland geiliren werde, unentgeltlich in die Synagoge zu gehen. Dieses Empfinden sei ja durch die Bezahlung der Plätze erst großgezogen worden. Ein inzwischen eingebrachter Antrag Oppenheim, die Angelegenheit dem Ausschuß III zur nochmaligen Durchberathung zu überweisen, wurde mit Stimmenmehrheit angenommen. Der Rest der Tagesordnung fanb eine schnelle Erledigung. An Stelle des ans der Bibliothekskommission ausgeschiedenen Herrn Prof. L e w i n wird Herr Geheimrath Blumenthal gewählt. Herr Oppenheim berichtet alsdann über die Revision des G em e i n d ed epo sitor ium s. In demselben sind nach den vorgenommeuen Stichproben vorhanden au Staatspapieren 10375 656,78 M. und in Hypotheken 7 521 000 M., im Ganzen 17 896 656,78 M. Herr Löwen thal referirt über die Vermiethuug der Plätze in der Alten Synagoge und Synagoge Kaiserstraße. In der ersteren waren Plätze vermiethet für 11770 M., uuvermiethet blieben zwei Plätze, Freiplätze waren 85. In der Kaiserstraße waren sämmtliche Plätze vermiethet im Betrage von 16 681 Mark, Freiplätze waren 27. Die Versammlunghat" von dieser Vorlage nur Kenntniß zu nehmen. — Ueber die Verwaltung der Stiftung Erez Israel berichtet Herr Geheimrath Blnmenthal. Der Rechnungsabschluß der Gemeindehanplkasse pro 1898,99 ergiebt, daß die Finanzverhältnisse der Gemeinde als günstige zu bezeichneil sind. Vermnthlich werde mall m der Lage sein, die Steuerquote auch fernerhin nicht zll erhöhen, Glicht allein für die llächstell zwei, sorldern lvahrscheinlich auch nicht tu den nächsten fünf Jahren, vorausgesetzt, daß feine besonderen Ereignisse eintreten,. die wesentliche Ausgabell veranlassen würden. Vereinnähmt find 1409 232.89 M.. verausgabt 1 338 562.63 M. Ans das Zinsenkonto silld eingegallgell 44 668 M., als Erlös aus dem Verkauf der Erbbegräbnisse 48 470 M. Die gegen deil Voranschlag von 30 000 M. entstandene Mehreinnahme der letzten Position kolnmt dem Amortisationsfonds zu Gute, der 257 300 Mark in Hypotheken und 19 805 M. in baar enthalt. An Stellern sind eingegangen 1066 967,25 M. gegen den Voranschlag von 1 025372,23 M. Die Zahl der Censiten betrug am 1. Avril 1899 21201 gegen 20 582 am 1. April des Vorjahres. Vom 1. April bis jetzt ist die Zahl derselben bereits auf 23 000 gestiegen ulld so die Finanzlage lloch wesentlich günstiger gewordell. Die für einige Positioilen noch ausstehenden Nachbewilligungen werden von der Versammlung allsgesprochen und dem Vorstand alsdann Decharge ertheilt. Hieran schloß sich eine geheime Sitzung. £2 Berlin, 22. Dezember. Von den „Mittheilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" ist soeben die Nummer 52 erschienen. Sie enthält zullächst den Bericht über die gedeihliche Wirksanlkeit der Bezirks-, Provinzialulld Landesverbände, sodalln verschiedene Mittheilullgeil über die Stellung des preußischen Kultusministeriums zum jüdischen Schulwesen, über die Ergebnisse eines vom Gemeilldebuild llnterllvmmellell Preisausschreibens, über die Verlegung von Märkten auf die jüdischen Feiertage, über die Lehrerpensionskasse, die Bekämpfnug des Wanderbettels dllrch Verbesserung der Armenpflege, das statistische Jahrbuch u. s. w., endlich einem sehr warmen Nachruf aus das Mitglied des Ausschusses, Kommerzienrath Julius Jsaac. Den Schluß bildet die Mittheilung, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Frallkfurt a. M. deir Betrag von 1000 Mark zur Förderuilg des Religionsunterrichts auf weitere drei Jahre bewilligt hat, ein nachahmenswerthes Beispiel, dessen Motivirnng Jeder unterschreiben lvird, der die Thätigkeit des Bundes auf diesem Gebiete aufmerksam verfolgt hat: „Wir bitten Sie, in dieser Bewilligung ein Zeichen unserer Anerkennung für das zu sehen, was der Bund bisher auf diesem wichtigen Gebiet geleistet hat. und würden uns freuen, wenn andere Gemeinden hierdurch zu einer Erhöhung ihrer Leistnngell sich veranlaßt sähen." 8. E. Berlin, 26. Dezember. Die JsraelitischeSynagogen- Genleillde l^äasslisroöl) hat gestern eine Rabbinerwahl vollzogen. All Stelle ihres verewigten Rabbiners, Dr. Israel Hildesheimer, der, wie allbekannt, mit seiner tiefen Gelehrsamkeit auch eine ungewöhilliche Arbeitskraft vereinigte, lvurde beschlossen, nunmehr .zwei Rabbiner anzustellen. Schon .in den letzten Lebensjahren des Dahiugeschiedenen waren mit seiner Vertretullg sein Sohn, Dr. Meier Hildesheimer und sein Schüler, Dr. E. Biberfeld, betraut worden. Nachdem der Letztere sein Amt niedergelegt hat. ist gestern mit großer Begeisterung der Vorschlag der Verwaltungsbehörden, den Rabbiner Dr. E. Munk in Königsberg i. Pr. zum Rabbiner unserer Adaß-JisroM-Gemeiude zu berufen, von der Generalversammlung angeilomnlen worden. Dr. Esra Mruck hat seine rabbinisch theologische Ausbildung am hiesigen Rabbiiler-Seminar genossen und in seiner sechsjährigen rabbillischen Thätigkeit gezeigt, daß er würdig lnld befähigt ist. tu Gemeinschaft mit Dr. Meier Hildesheimer das Werk ihres großen Lehrers und Meisters fortzuftthrell. n. Berlin, 24. Dezenlber. Am 10. d. M. lvurde eine Versammlung ehemaliger Schüler der Knabenschule der Indischen G e nr e i n d e durch Herrn Michael Kahn nach Cassels Hotel zur Gründung eines Vereins einberufen. Es erschienen ca. 70 Herreli, darlinter einige in ihren Berufen hochsteherlde Persollen. Herr Kahn eröffnete die Sitzung mit einem Referat, in welchem, er darauf hinwies, daß die Noth unter den ehemaligen Schülern sehr groß sei Ulld ersuchte die Versammlung, den armen bedrängten Kameraden, welche theils Familienväter oder Ernährer von Mutter und einer Anzahl nlinorenner Geschwister feien, beizustehen, und zwar durch Beschaffullg von Arbeit und Stellung. Die Versalllmlung be-