Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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83. Jahrgang« lllr. 52. ^ß"0$( 1^ fr Ot^4 Lerlin, 29. Dezember 1899 'Nerkage zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenlhums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 24. Dezember. Die letzte Sitzullg der Repräseutanten-Versammlung vor der Jahrhundertwende nahm noch einen recht interessantem Verlauf. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende dem verstorbenen Herrn Albert Philipp Meyer Worte ehrenden Gedenkens. Zum geschäftlichen Theil berichtet Herr Sachs, daß die durch den Tod erledigten Vakanzen in den Kommissionen erst in der Januarsitznng besetzt werden sollen. All Stelle des Herrn Meyer sei Herr Willibald Löwenthal in die Versammlung eingetreten. Der Vorstand des Vereins selbständiger jüdischer Handwerker habe in einem Schreiben die Bitte wiederholt, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, und eine Mitgliederliste beigesngt. Er schlage vor, die Liste an den Vorstand zur Ueberweisung an die Bankommisston weiter zu geben. Herr Maurermeister Fräntel opponirt dagegen und bittet, die Liste auf dem Gememdebüreau auslegen zu lassen. Herr I. Jacob y theilt, mit. das; sämmtlichen Verwaltungen der Berliner Gemeinde die Liste überwiesen lvorden sei. — Es folgt dann die Berathung des Antrages von Prof. Lewin, den Vorstand zu ersuchen, im kommenden Jahre in jeder der stehenden Synagogell 200 Plätze und je 100 Plätze in den übrigen Gotteshäusern nicht zu vermiethen, sondern den Gemeindenntgliedern unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Als Referent ist Herr- Leonhard Sachs bestellt. Er hebt hervor, daß diese Frage bereits vor Kurzem gestreift worden sei und daß wohl Alle den Eindruck gehabt hätten, daß der geäußerte Wullsch sowohl in der Versammlung. tute auch im Vorstand rege sei. Wenn für alle ein vollständig unentgeltlicher Gottesdienst durchführbar feilt sollte, so würden lveder die Schätze der Berliner Gemeinde. noch wahrscheinlich die vieler anderer großen Gemeinden hierzu ausreichen. Deshalb seien die Zahlen von dem Antragsteller- Wohl nur herausgegriffen, da das Bedürflliß nach jeder Richtung hin nicht zu befriedigen sei. Er persönlich sei der Ansicht, daß der Antrag für die Gemeinde nicht acceptabel sei. Aus seiner Erfahrung könne er berichten, daß unausgesetzt die größten Schwierigkeiten beständell, den Wünschen der Steuerzahler Rechnung zu tragen und il)nen Plätze anzuweisen. Man hätte die schwersten Mühen, auch llur einen Theil der Eingaben zu erledigen. Jetzt solle zu dem traurigen Zlrstand ein noch viel traurigerer hinzugesügt werden. Man »vürde ca. 17—1800 Plätze Denen fortnehmen, die sie bis jetzt inne hätten, und nicht ersetzen können. Man müsse Mittel und Wege finden, die das, was Alle wollten, bewirkten; auf dem vorgeschlagenen Wege werde man es nimals erreichen können. Es wäre zunächst zu berücksichtigen, ob man nicht bei einem Neubau, der demnächst für den Nord osten und wahrscheinlich auch für den N ord westen geplant sei. dein Prinzip Rechnung tragen könne, ob nran nicht hier nur die Hälfte der Plätze vermiethen sollte. Von großem Werthe sei es auch, bereits jetzt in den verschiedenell Stadttheilen Gottesdienste einzurichten, die von vornherein vollständig unentgeltlich wären. Dies würde mit der Zeit dahin führen, einem überwiegenden Theil der Gemeinde einen unentgeltlichen Gottesdiellst gewähren zu könllen. Die Konsequenz des Lewin'schen Antrages würde genau das Bild ergebeil. das sich stets bei der Beerdigung hervorragender Männer wiederhole. Die Plätze würdell voll Denjenigen eitiQenoimnen werden, die früher an Ort und Stelle gewesen seien. Man werde mit denl Alltrage nicht das erreichen, was man erreichen wolle und müsse. Deshalb sei er in dieser Form abzulehuen. Professor Le will ist der Ansicht, daß der Alltrag eigentlich keiner Begründung bedürfe. Die geäußerten Gegengrüttde seien aus verschiedenen Gesichtspunkten sehr fadenscheinig. Für die Freigabe der Plätze könnten eine Reihe von Momenten angeführt werden; nicht das kleinste sei, daß es eine soziale Pflicht der Gemeinde sei, Plätze für Diejenigen frei zu lassen, beueu die Bezahlung schwer lvürde. Dieser ele»uentarell Pflicht köllne mall sich nicht entziehen, auch auf allderen Gebiete» werde die Last den schlvachen Schultern abgenonunell. Nichts von alledeni in der jüdischen Gemeinde. Wenn die Plätze in den Synagogen ohnehin nicht ausreichten. so läge doch kein Grund vor, die geforderten Plätze nicht frei zu lassell. Weder die Uebersülluilg noch die Bezahlung hätte mit seilrem Anträge zu thun, eine technische uild eine Verwaltungsschwierigkeit werde sich itt keiner Weise daraus ergebeil könilell. Den Ausfall könlle die Berliner Gemeillde tragen. In dem Alrtrage läge auch ein ethisches und ein religiöses Moment. Welche Abnormität, daß der liur seinem Gotte dienen könlle, der vorher seinen Obvlns entrichtet hätte! Bei Muhammedaueru, Protestanten oder Katholiken solle mall sllchen, ob eine derartige Abnormität vorkärne. Es finde sich in der That ein Weg, um zum Ziele zu kommen. Wenn die Synagoge voll sei, so werde die Thür geschlossen. Wer zuerst da sei, sei eben da. Das Pnblikunl werde fein schlechteres werden. Ein Unterschied zwischen gutem und schlechtem Publikum tu der Synagoge könne nicht konstruirt werden. Es sei llicht angängig, wieder bis zum Neubau einer Synagoge zu wartell. Derselbe Wunsch hätte Vorgelegen, als die Lützowstraßen-Synagoge gebaut worden sei. Die jetzige Verabsolgnng von Freiplätzen stelle nicht den Kern seines Antrages dar. Wenn nicht so viel Plätze vorhandell seien als Bedarf, wie komme es dann, daß tu der Lützowstraße eine große Zahl uuvermiethet geblieben sei. Justizrath Meyer glaubt, daß Diejenigen, welche die hohen Steuerbeiträge zahlten, mehr Rücksicht verdienen müßten als Diejenigen, die von der Armenkommissioll ullterstützt würden. Die vorgeschlagene Maßregel sei vollkommen unzureichend. Er halte speziell die Erneuerung der Synagogeuplätze für ein großes Unrecht, da die Plätze inimer in derselben Halld blieben. So lange dies llicht abgeschafft würde, werde man lllinlöglich 200 Menschen expropriiren können. Die Plätze, die in der Lützowstraße llnvermiethet geblieben feien, befänden sich in den erstell Reihen und seien seiner Ansicht nach auch viel zu hoch normirt. Er bedauere die ganze Sachlage und er hoffe es noch zu erleben, daß die Getneillde das Prinzip der Wiedervermiethung der Plätze nicht auf ewige Zeiten haben werde. Es lägen jetzt bereits milldestens 100 Meldungen zunl nächsten Jahre vor. Er sei der Meinung, daß wir noch zu wenig Synagogen hätten. Mau müsse sich auf den Boden der Thatsachen stellen und hätte Rücksichten zu nehmeil gegen die anständigen Menschen. Mail könne nicht 200 Plätze expropriiren, um 200 Schnorrern die Plätze frei ztl »lachen. Herr Löwellthal niacht auf die entstehenden Unannehmlichkeiten aufmerksanl und weist speziell auf die Uebersüllung der Bethäuser Hill, sobald die jüdischen mit beit christlichen Feiertageil zusammenfieletl. Wenn erst so viel Gotteshäuser hergestellt wärell, daß effektiv Jeder uuierfouiineit könne, erst dann könne mall dem Anträge näher treten, aber auch bann müsse man verlangen, daß Jeder seine Plätze hätte. Herr Dr. Minden hält es auch für unmöglich, an den großen Feiertagen die Synagogell so weit zu öffnen, daß Jeder aus dem Volke hineinkommen könne. Gerade die Kranken und Schwachen, die am lueisten Rücksicht verdieilteu, würden dann nicht dazu kommen, ihrem Schöpfer zll danken. Er glaube gar llicht, und lallgjährige Erfahrungen ans der Nefornlgemeinde ständen ihm hier zur Seite, daß die Gemeilldemitglieder das Bedürfniß hätterl, unentgeltlich in die Synagoge zu kommen. Der Wunsch llach Freiplätzen sei ein äußerst geringer, das Bedürfniß gehe nur dahin, billigere Plätze zll erhalten. Er bitte, bett Antrag abzulehnen. da derselbe in der gestellten Form unausführbar sei. Auch Herr Jacoby spricht gegen den Antrag und ist ebenfalls der Ansicht, daß die Gemeindemitglieder llicht ihre Plätze geschellkt habell lvollterl. Die jüdischen Verhältnisse ließen sich mit denen in anderen Konfessionell gar nicht vergleichen, iveil in den jüdischen Gottesdiensten weit rnehr geboten würde. Hier wird — es ist Schlag 12 Uhr die Debatte durch den Vorsitzenden lluterbrochen, um die Einführnllg des lieu gewähltetl Vorstandsmitgliedes Herrn Heinrich E i s u e v zu vollziehen. Herr L o u i s Sachs drückt bei der Vereidigung die Ueberzengnng aus, daß die Erfahrungen, die der Gewählte in der Leitung seines großen Welt-