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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 Schein auf die Gesichter der Umstehenden und zeichnet Phantastische Schatten an die Mauer der Synagoge. Vom Himmel blickt die Mondsichel durch einen blassen Nebelring. Zu dieser Stunde, bei dieser Beleuchtung wirkt der Anblick dieses tausendjährigen Ceremoniells mit einer Tragik, die Dein Herz mit Thränen füllt. Du siehst dieses vieltausendjährige Volk eiugesargt in seine vieltausendjährigen Bräuche, Du siehst ein Elend, das beinahe ebenso alt ist wie dieses Volk selbst. Du fragst: „Wie kommt es, daß sie leben, immer wieder leben in dieser doppelten Gruft: dem Elend und der Geisteserstarrnng?" Ihre große Hoffnung ist es! Welche? Ihre H offnung auf das Heil, das aus den Wolken niedersteigen soll. Ich sehe Dich blaß vor Ergriffenheit, und aus dem Herzen steigt Dir die Thräne ins Ange. „Wenn man sie in den Kreis des Lebens zöge," meinst Du. „wenn man sie lehrte, daß ewiges Heil allein, in ewiger Entwickelung, im ewigen Fluß der Dinge liegt?" Du weißt wohl, daß sie Dich dafür steinigen würden, wenigstens mit Worten. „Aber sollten wir deshalb unterlassen, sie dem Leben wiederzugewinnen?" fragen Deine Augen. „Liegt hier vielleicht eine Aufgabe?" Die Menge hat sich zerstreut, die Straßen sind still geworden, nur vor den Fenstern des Hochzeitssaales drängen sich die Jungen und blicken auf die Schmausenden. Du suchst herausznkommen aus den Häusern, die Dich einengen, aus der Traurigkeit, die auf Dir lastet. Du suchst den Ausblick auf die weite Ebene, der das Herz befreit. Da liegt sie schlafend vor Dir, in silberne Schleier gehüllt, aus denen nur matt die dunklen Umrisse ihres Riesenleibes hervorschimmern. Das Mondlicht ist so hell. Du siehst kaum die Sterne. Das Rollen Deines Wagens hallt wieder vom Waldrand, und ans der Ferne.tönt der verlorene Schreieines Kiebitzes, der zum Nest eilt. Originale aus dem Osten. Von H. Fr. v. Offen. II. Der Rekognoszir-Meyer. Eine Erinnerung an meine Referendariatszeit. achdem ich in reizvoller Abwechselung die traurigsten Nester der Provinz Posen mit meiner werthen Person . begtüeft und ihnen meine juridische Weisheit zu Heil und Frommen hatte angedeihen lassen, versetzte mich ein gütiges Geschick nach K. K. ist ein Städtchen mit zwei geraden und diverfeil schiefen, winkeligen Straßen, ganz hübschen Häusern, einem Amts- und Landgericht, etwas Militär, und seine Einwohnerschaft beziffert sich heut wohl auf 10000. Zu damaliger Zeit'hatte es jedoch diese stattliche Zahl von Bürger und Bürgerinnen noch nicht aufzuweisen, man kann sich daher einen Begriff von den Orten machen, in welchen ich bis dato zu vegetiren, — leben konnte man es nicht nennen, gezwungen war, wenn ich meine Versetzung nach K. als Glücksfall betrachtete. Sehr bald hatte ich mich dort häuslich niedergelaffen und .zwei nette Kollegen, die gleich mir am Gericht arbeiteten, trugen zur Erhöhung meiner Zufriedenheit bei. Da wir unsere Kräfte nicht allzu sehr anzüstrengen brauchten, blieb uns viel freie Zeit für unser Vergnügen. Vergnügen ist vielleicht etwas viel gesagt, aber wir drei — auch die. beiden Kollegen hatten ihre Zeit in ähnlichen verlockenden Nestern des V. Armeekorps zugebracht — waren sehr bescheiden. Wir nannten es schon Vergnügen, wenn wir Nachmittags um 4 Uhr au dem großen Fenster der wirklich vorzüglichen Konditorei sitzen konnten, vor uns den Marktplatz mit dem alten, baufälligen Nathhaus. Doch ich will ganz offen sein, es> war eigentlich nicht dasRathhaus, das zu betrachten uns Vergnügen machte, weit mehr zog uns K's. holde weibliche Jugend an, welche um diese Zeit gewöhnlich ihren Spaziergang um den Marktplatz herum machte, und, je nach Veranlagung, beim Vorübergehen in verhüllter oder unverhüllter Weise mit uns kokettirte. Man bedenke aber auch drei Referendarien auf einmal iu einem solch kleinen Städtchen, und alle drei so unverlobt wie nur irgend möglich, alle Mütter heirathsfähiger Töchter schwelgten in den berauschendsten Träumen; so begehrenswert!, wie in K. bin ich mir übrigens in meinem Leben niemals wieder vorgekommen. Dort in diesem schönen Städtchen lebte mein Rekognoszir- Meyer. Da die Umgebung von K„ wie fast der größte Th eil der Provinz Posen von Polen bewohnt ist, so war es seiner Zeit erforderlich, daß der Landbewohner, sobald er vor Gericht geladen. Jemanden mitbrachte, der im Stande ivar, ihn zu rekognosziren. Herr Meher kannte nun für zwei Mark pro Person jeden Bewohner der umliegenden Dörfer bis auf 15 Meilen im Umkreise. Eines Tages, ich hatte den beurlaubten Amtsrichter S. in einer MeineidSsache zu vertreten, waren verschiedene polnische Ehepaare, Bauern eines benachbarten Dorfes, als Zeugen geladen, natürlich war Herr Meyer mitgekommen, um ihre Identität festzustellen. Ich wandte mich daher, bevor die Zeugen vernommen wurden, mit der Frage an ihn, ob ihm die Leute bekannt wären. „Wie haißt, Herr Nichterleben," rief er eifrig, „ich wär nischt kennen die Lait, und wär nischt wissen was se sind, wo ich schon Hab gekannt ihren Vaterund Großvater, Gott Hab se selig. Die Beiden," — er zeigte auf zwei der Männer, „Hab ich oft genug verkloppt wie se noch waren klane Jüngs, verßeihen Se gütigst Herr Nichterleben." Freund Meher war Diplomat, er kannte die Menschen in ihrer ganzen Schwäche, und deshalb suchte er auch mich bei der Eitelkeit zu fassen und gab mir einen Titel, von dein er wußte, daß ich noch nicht würdig sei, ihn zu führen. Aber, wie gesagt, auch ich kannte meinen Freund Meyer, infolge dessen auch den moralischen Werth seiner Versicherungen, und ein gewaltiges Mißtrauen bemächtigte sich meiner edlen Seele; da kam mir plötzlich eine glorreiche Idee, mit deren Hilfe ich mich von der Ehrlichkeit meines braven Meyer überzeugen konnte. Ich winkte denr Gerichtsdiener und ließ von ihn, Männlein und Weiblein ausscheiden und in zwei gesonderte Häuflein ansstellen. „Nun, Verehrtester," wandte ich mich wiederum mit geradezu berückender Liebenswürdigkeit an den Biedern, „rinn thun Sie mir einmal den Gefallen und führen Sie jedem Manne seine bessere Hälfte wieder zu." Einen Augenblick blieb er verblüfft stehen, meine übergroße Liebenswürdigkeit beängstigte ihn augenscheinlich, er ahnte wohl eine Tücke, dann aber nahm er in seiner angeborenen Unverfrorenheit je ein Weiblein an der Hand, und stellte sie an die Seite eines der Männer. Als diese feierliche Ceremonie beendet war, wandte ich mich an eine der Frauen, „Ist das Dein Marin?" fragte ich

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