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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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— 6.22 -—- , V , ' Das, was als Schmerzensausbruch des von Haus und Hof vertriebeneil Mannes ansgelegt würde/- ist die Einleitung zu einer Liste von Geburten, die nach jüdischem alten Brauche auf dieser kostbaren Handschrift verzeichnet ivurden. Wenn sie, wie ich vermuthe, aus der Familie Novigo stammen, so würden sie beweisen, das; dieser Schatz schon am Anfänge des 16. Jahrhunderts sich in diesem Hanse befunden haben mutz. Der Name Abraham ist in diesein Geschlecht oft wiedergekehrt. Am 27. Mai 1509 wird die Geburt einer Tochter Namens Sara, am 7. Mai 1511 zu Mantua die eines Sohnes Abraham verzeichnet. Ist dieser Abraham der Verkäufer unseres Codex, dann Hütte er zur Zeit des Verkaufes im Alter von 36 Jahren gestanden. Wir erfahren auch noch von der Geburt zweier Brüder, Elias, der am 7. August 1515 in Mantua, und Rubens, der am 17. Juni 1503 (?) in Rovigo geboren wurde. Von den 54 Handschriften und Drucken, deren Katalog Menachem di Rovigo, Abrahams Vater, bei der Theilung in Mantua ausgezeichnet hat, und von denen im Ganzen nnr neun — fünf Drucke, und zwar Talmudtrakte, bei seinem Bruder ©liefet-, dessen Kinder daraus lernten, und vier Handschriften bei seinem Bruder Eljaksm —, zurückblieben, bei dem sie Menachem für dessen Söhne, seine Neffen, zurückließ,22) werden sicherlich noch manche über die Bibliotheken, öffentliche wie private Sammlungen sich zerstreut erhalten haben und dürch Jnskripturen, als zu diesem Bestände einst gehörig, sich Nachweisen lassen. Vorläufig kann nur von Zweien mit Sicherheit der Verbleib nachgewiesen werden. Es sind dies der Pentateuchkommentar Abrahanr Jbu Esras, den meine Sammluug bewahrt/und der Codex des Mischne Thora, der in die Trivnlzziana gelangt war. Wann die Handschrift aus dem/Besitze der Brüder Abravanel in frenide Hände übergegangen, ist bei dem Mangel an handschriftlichen Besitzervermerken in derselben und allen sonstigen Nachrichten kaum mehr zu ermitteln. Der Erforschung ihres künstlerischen Werthes und der Stellung ihrer Miniaturen in der jüdischen Handschriftenillustration wird man nach Zerstreuung der Fabeln über ihre Provenienz und Geschichte die Wissenschast sich nun zunächst zuznwenden haben. EUILLETON » e« ••••.. ML Idyll aus Polen. Von Thekla Pick. -jkXptit goldener Vorfrühlingstag hat über die weite Ebene, >Qp) deren Melancholie Dich sonst ergreift, einen Schimmer von Freudigkeit und Weichheit gebreitet. Unter der aufgerissenen goldbraunen Erdrinde glaubst Du den Herz-- schlag des jungen Lebens zu fühlen, das zum Licht hiuaufdrängt. Ans der Höhe fallen Lerchenlieder. .Du schaust hinauf, und Dein Blick versinkt, in .lichtblaue sonnenerfüllte Tiefen. Dein Blick kehrt zurück, trunken vom Geschauten, und ruht auf den weißen Flügeln der Mühle, die sich traumhaft langsam und taktmäßig drehen. In dieser stillen Stunde des ersten Keimens ist das die einzige Bewegung. Sie scheint Dir der 28) Siehe de» Katalog. tiefe, ruhige Athein dieser breitbrüstigen Ebene. Gerade än ihrem Herzen ruht das Städtchen. Aus dein -Gewirr -von Stroh .und Schindeldächern -hebtsich der spitze Holzgiebel der kleinen Kirche und das goldglänzende Abzeichen der Synagoge. Etwas vom FrühlingsödeM ist auch in die engen, nicht zu reinlichen Gaffen gedrungen und hat die Leute ans /Licht gezogen. Ein merkwürdiges Bild breitet sich vor Dir' aus, auf dem lichtvollen, weichen Hintergrund der Frühlingslänbschaft um so ergreifender in seiner Düsterkeit. Blaffe, dunkeläugige Frauen, das Gesicht durch tief in die Stirn reichende Hauben beschattet, hocken auf den Thürschwellen, ein Kind an der Brust, während die größeren zu ihren Füßen oder auf dem Straßendamm spielen. Hinter einem Tisch voll Backwaare sitzt eine dicke kleine Frau mit scharf ausgeprägter Nase und ruft den Vorübergehenden zu, daß trotz der steigenden Getreidepreise das Brod bei ihr dasselbe Gewicht behalten hat, bei dem Bäcker am unteren Ende der Straße aber nicht. Am offenen Fenster arbeitet ein Schneider. Das blendende Sonnenlicht, das hineinfällt, beleuchtet eine Armnth, die Dir das Herz zusammeuschnürt. Einen Raum siehst Du, der Küche, Werkstatt, Wohll- und Schlafstube zu gleicher Zeit ist. Den Manu am Fenster stört das wenig. Während er Stich an Stich macht, denkt er an seinen Sechzehnjährigen, der beim Rabbi lernt. Einen feinen Kopf hat der Junge, weit wird er es bringen, weiter als sein Vater, vielleicht wird er ein Gelehrter werden. Das ist die Hoffnung, das ist der Sinn seines Lebens. — Mit gedämpfter Stimme verkauft dort in einem kleinen, ziegelsteingepflasterten Vorflur eine Frau von einem Wuchs und einer Schönheit, die einer orientalischen Königin würdig wären, Bettfedern an eine Bäuerin. Wenn die Bäuerin laut werden will, hält sie den Finger an den Mund und deutet nach der halbgeöffneten Thür des Zimmers. Du blickst neugierig hinein und siehst einen hageren Mann in einem Rock, der bis zum Knöchel reicht, über ein riesiges Buch gebeugt. Seine Züge sind durchgeistigt, der Blick der schönen dunklen Augen ist nach innen gerichtet, eine weiße, kinderhast zarte Hand greift in das dichte Haar, so daß das Sammetkäppchen nach hinten gerutscht ist. Er liest halblaut mit singender Stimme und schaukelt dabei mit dem linken Fuß eine neben ihn» stehende Wiege, ohne zu bemerken, daß das Kind, das Händchen im Mund, längst friedlich eingeschlafen ist. . Die Bäuerin ist inzwischen fortgegangen, die Frau überzählt noch einmal das eingenommene Geld und legt es befriedigt in eine kleine Ledertasche, die sie unter der Schürze trägt. Dann steckt sie den Kopf durch die Thür und wirft einen Blick voll Stolz auf ihren Gelehrten. Ein Talmudweiser ist er, Keiner kann sich mit ihm messen. Aber fünf Kinder! Da heißt es schaffe»! Und sie setzt sich auf den Schemel und nimmt das Strickzeug wieder auf, das während der Verhandlung mit der Bäuerin heruntergefallen ist. Die Sonne ist untergegangeu, in den Straßen wird es dämmerig. Die Frauen rufen nach den Kindern, dir ins Spiel vertieft sind. Aber sie hören nicht, Alles drängt nach dem Platz vor der Synagoge, wo ein Trauhimmel anfgestellt ist. 91 tt: der Hand des Vaters wird der Bräutigam dahin geführt. . Bald erscheint auch die Braut zwischen Mutter und Schwiegermutter, hinter ihr folgt eine Schaar hellgekleideter Mädchen mit Lichtern. Der graubärtige Rabbi im langen, festgegürteten Seidenkaftan bedeckt die junge Braut mit eiNem bdgestÄyttWdMÜÄDd und spricht den Segen. Das Kerzenlicht wirft flackernden

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