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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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-619 -- blut zu saugen." Die in englischer Sprache erscheinende katholische Presse steht wohl, da ihre Leser Irländer sind, der Judenfrage kühler gegenüber, ist aber, wenn sie sich darüber äußert, durchaus nicht freundlicher. In der Dreyfus-Affäre hat die gesammte katholische Presse die Ansicht von dem jüdischen Syndikate vertreten, welches einen Schuldigen durch Aufwendung ungeheurer Bestechungssummen der verdienten Strafe entziehen wollte. Erzbischof Jreland von St. Paul, der Führer der sogenannten liberalen Bewegung in der katholischen Kirche Amerikas, hat neulich bei seiner Rückkehr von Europa einem Reporter der Associated Press gegenüber dieselbe Verleumdung ausgesprochen. Er sprach auch davon, daß die Juden ein Importartikel jüngeren Datums (a r-ecent importation) in Frankreich seien, in dem Frankreich, welches den Italiener Napoleone Buonaparte als seinen Nationalheros verehrt. Derselbe Herr Erzbischof ist 1893 von den Höhen seines Thrones hinabgestiegen, um dein jüdischen Frauenverein auf der Chikagoer Weltausstellung einige Artigkeiten zu sagen. Andere Kirchen sind nicht so schlimm, denn sie haben die Greuel der Inquisition, die heiligen Simone und die blutenden Hostien Nicht zu vertheidigen, aber frei vom Judenhasse sind sie auch nicht. Gerade dies« Woche, in der Nummer vom 21. September, enthält der American Israelite, also das Organ eines Mannes, dessen Stimme im amerikanischen Judenthum Gewicht hat, eine editorielle Bemerkung über etilen Artikel des -Journal and Messenger, eines Organes der Baptistenkirche, der sehr bezeichnend ist. Die Zeitung sagt: „Der Jude hat sich immer darin ausgezeichnet, Geld zu erwerben (geling money), statt es zu verdienen (malring money). Die allgemeine Ansicht der Völker hat unzweifelhaft eine Berechtigung. Der Jude verdankt seine geschäftlichen Erfolge feiner Skrupellosigkeit, welche der Anlerikaner sich nicht zu eigen machen kann." Außerhalb der Kirche begegnen wir demselbeil Vorurtheil, das, wie gesagt, auf der Macht der Gewohnheit beruht. Ahlwardt ist freilich hier so güt wie gar nicht beachtet worden, und wenn ihm die Juden nicht den Gefallen gethan hätten, ihm faule Eier an den Kopf zu werfen, wäre er ganz in den Kneipen von Hoboken verschollen. Das hat aber den Grund darin, daß Ahlwardt politischen und pöbelhaften Antisemitismus betreibt, woran der Amerikaner eben keinen Geschmack findet. Es ändert aber nichts an der Thatsache, daß Ahlwardts Kauipagne Theil eines Plaues war, lvelchen reiche deutschamerikanische Bürger in Milwaukee ausgeheckt hatten und welcher ans eine planmäßige über das ganze Land ausgedehnte Agitation linter Führung von Ahllvardt, Böckel und Förster berechnet war. Uebrigens hat ein Herr Coffman im Kongreß einmal eine antisemitische Rede gehalten, der demokratische Präsidentschaftskandidat Bryail hat in St. Louis ganz wie Herr von Kleist-Retzow von dem Komplotte der Londoner Juden gesprochen, welche die Goldwährung gelvaltsanl aufrecht erhalten. In der Legislatur von Ohio hat ein Herr den Antrag des Senators Alfred M. Cohen mit der Bemerkung widerlegt, daß die Inden in. Palästina Politik treiben sollten, und bekanntist der Armeebefehl des nachmaligen Präsidenten Grant, der von jüdischen Zwischenläufern spricht. Herr Grant hat freilich vor seiner Wahl zum Präsidenten diese Ordre entschuldigt, aber als Kandidat muß mau alle Stinimen zählen. Wem nun diese Thatsachen nicht das Vorhandensein des Antisemitismus beweisen, ist freilich nicht beizukommen. Alles Leugnen wird auch nicht darüber hinweghelfen, daß dem Inden nur Stellen zweiten und dritten Ranges im öffentlichen Leben zugänglich sind, die man ihm der jüdischen Stimmen wegen konzediren muß. Im höheren Lehramt ist daffelbe Verhältniß schon deswegen vorhanden, weil die Hochschulen zumeist unter kirchlicher Verwaltung oder unter kirchlichem Einflüsse stehen. Ich kann einen an mich gerichteten Brief eines Universitätsprofessors zeigen, in welchem der Schreiber mir die Ehre anthut, zu bedauern, daß es für mich als einen Semiten schwer sein dürfte, eine Lehrstelle an einer amerikanischen Universität zu erhalten. Die Studentenvereine, die sich hier nach Muster der Logen als geheime Brüderschaften organisiren, nehmen Juden grundsätzlich nicht auf. Ein Herr Frederick Werner, Student' an dem Yale College in New Habe», ist neulich eine Wette eiugegangen, ohne Geld bis nach Guatemala zu gelangen, weil man ihm gesagt hatte ein Jude besitze keinen persönlichen Muth. Dieselbe Anklage hat Herrn Simon Wolf in Washington veranlaßt, sein Buch „der amerikanische Jude als Soldat" zu schreiben. Trotz der darin niedergelegten Beweise von der Theilnahine der Juden an allen amerikanischen Kriegen kehrt dieselbe Anklage von Zeit zu Zeit wieder. Am schärfsten zeigt sich der Antisemitismus im gesellschaftlichen Leben. Der Amerikaner ist, wie gesagt, zu viel Gentleman, um sich, wie die Herrschaften in Borkum, an „Jilden •’icut§"= Liedern zu vergnügen, aber die Zahl der Sommerfrischen und Hotels, welche auf ihren Prospekten sich jüdische Gäste höflich verbitten, ist eine beträchtliche. Nicht anders geht es mit den vornehmen Klubs der Großstädte, wie das Beispiel des Union League Club in New-Dork zeigt, desselben, in welchem neulich ein Kapitän die unerhörte Taktlosigkeit beging, den deutschen Kaiser zu parodiren. Dieser Klub hat seinerzeit den angesehenen Bankier Theodor Seligmann zurückgewiesen. Dr, Samuely, eilt Advokat aus Brünn, ist mit Zurücklassung beträchtlicher Schulden nach Amerika geflohen, wurde hier, obwohl aus Krakau gebürtig, deutsch-amerikanischer Politiker und unter Clevelands Administration Einwanderungskommissär im Hafen von New-Hork. Als solcher wurde er vor eine parlamentarische Kommission gerufen, wo ihn Senator Chandler fragte: „Welcher Religion gehören Sie. an?" „Der christlichen." „Waren Sie schon Christ, ehe sie nach Amerika kamen?" „Ja, schon lange zuvor." Diese Angabe ist eine notorische UnWahrheit, aber sie zeigt deutlich, daß die Herren, welche wissen, wo Bartel den Most holt, es für zweckdienlich finden, Christel: gelvesen zu sein, ehe sie nach Amerika kamen. Ebenso charakteristisch ist die Ailtwort, welche Samuely oder Senner wie er jetzt heißt, von dem Senator erhielt, als er ihn fragte, was ihn (Chandler) seine (Samuelys) Religion angehe. Der Senator, auf einer unkonstitutionellen Gedankenfährte ertappt, sagte stammelnd: „Weil man davon gesprochen hat, daß ein ausländischer Jude die Thorwache des Landes versieht." Man merke: Der ausländische Jude ist hoppelt Ausländer; bei einem ausländischen Katholiken würde man sich mit den: einfachen foreigner begnügt haben. WaS aber am unzweideutigsten das Bestehen des Antisemitismus beweist, ist die stets anschwelleude Litteratnr. Im Roman und im Drama ist der Jude eine stehende Figur geworden; und überall erscheint er als unsympathische Persönlichkeit, begabt, aber aufdringlich, schmutzig und putzsüchtig. Ein gewisser Sidneh Lllska, ein amerikanisirter Pole, hat einen sogenannten Roman unter dem Titel The Yoke of tlie Thora (das Joch der

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