Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. Seite 618

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228364--56035-3292295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Lage kommen, die milde Hilfe der Vereine in Anspruch zu nehmen. Ja, es ist ein mildes Wohlthun, was in diesen Vereinen geübt wird. Oft hat ein Mitglied nicht einmal nüthig, selbst um eine Unterstützung einzukommen. Ist er in so bedrängte Lage gekommen, daß er nicht mehr im Stande ist, seinen Jahresbeitrag zu zahlen, so besucht ihn der Pflegevater des Vereins und bespricht mit ihm seine Lage. Ist sie der Art, daß eine einmalige Unterstützung ihm wieder auf die Beine helfen kann, so wird sie ihm reichlich gewährt; auch besitzt jeder Verein eine Schntzkommissivn, welche sich der Regulirung der Angelegenheit seiner Mitglieder annimnit. Ist das Mitglied durch Krankheit und Alter nicht mehr im Stande, sich und die Seinen standesgemäß zu erhalten, so treten die Vereine mit einer regelmäßigen vierteljährlichen Unterstützung für ihn ein, die gewöhnlich bis zum Tode fortdauert, wenn sich nicht inzivischen die Verhältnisse des Mitgliedes wesentlich gebessert und er selbst ans die fernere Unterstützung verzichtet. Nach den» Tode des Mannes fahren die Vereine fort, auch für seine Witrwe und seine Waisen zu sorgen. Und das geschieht alles in so feinsinniger Weise, daß bei dem Nothleidenden keine Spur von Kränkung zurückbleibt. Nachdem in geheimer Sitzung die Art und die Höhe der Unterstützung besprochen, erhält das Mitglied dieselbe per Post zugesandt und selbst aus den Kontobüchern der Vereine ist nicht einnial der Name des unterstützten Mitgliedes ersichtlich; statt des Namens steht in deu Kaflenbüchern der Vereine nur die Nummer, welche das Mitglied im Namensverzeichniß hat. Die Rücksicht für das unterstützte Mitglied geht so weit, daß bei festlichen Gelegenheiten, wie goldene Hochzeit, achtzigster Geburtstag, der Vorstand der Vereine erscheint, um dem Jubilar durch Wort und Schrift zu dem festlichen Tage Glück zu wünschen. So wirken und streben diese Vereine nach den Worten Goethes: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut". . IV. Wir wollen nun zu Denjenigen übergehen, welche für Andere schnorren, d. h. zu den Vorstehern wohlthätiger Vereine und Institute. Zur Uebernahme derartiger Aemter gehören drei Dinge: Zeit, Lust und Befähigung. Wer diese nicht besitzt, der soll lieber keine Aemter übernehmen; denn er kann ost mehr schaden als nützen. Viele nehmen ein jedes Amt an, das ihnen angetragen wird, und wer einmal den Ruf dafür hat, dem werden auch alle möglichen Aemter aufgepackt, und bald fehlt ihm die Zeit, sich den vielen Aemtern mit der erforderlichen Energie zu widmen. Der Ueberbürdung folgt die Uebermüdung, und so geht mit der Zeit auch die Lust verloren, sich an der Arbeit zu betheiligeu. Was nun die Befähigung anbetrifft, so glaubt Jeder zu jedem Amt befähigt zu sein. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, und so wirthschaftet er frisch darauf los, wenn er auch keine Ahnung hat, welche Befähigung zu dem Amte erforderlich ist. Die liebe Eitelkeit spielt anch eine Rolle, und das Bewußtsein, als Vorsteher unter den gedruckten Berichten eines Vereins zu stehen und als Wohlthäter der Menschheit zu erscheinen, setzt über manche Mühen und Unbequemlichkeiten hinweg, welche die Vorsteherschaft mit sich bringt. Bei jedem Institut sind immer Einige, welche die ganze Arbeit übernehmen und in hervorragender Weise dafür thätig sind, die Anderen leisten nur ihre Unterschrift und bilden de» Chorus. Nun, es muß auch solche Käuze geben und ein Jeder nach seiner Fähigkeit benutzt werden. In den Vorständen hat sicherlich der Rendant das wichtigste Amt; er hat das Geld zu beschaffen, und nicht Jeder ist ein geborener Miquel, der die Steuerschraube ordentlich anzuzieheu weiß. In dieser Beziehung habe ich manche Erfahrungen gemacht, und mau wird mir vielleicht Dank wissen. wenn ich sie hier mitthoile. Will man bei Sammlungen ein gutes Resultat erzielen und viel Geld schaffen, so darf mau in den Mitteln nicht sparen, welche man für Reklame ausgiebt. Denn ohne Reklame ist heut zu Tage nichts zu erreichen. Die Aufrufe, die man gur Erzielung von Beiträgen versendet, müssen in großer Aliflage verschickt werden; je größer die Auflage, je größer der Erfolg; auch kleine Beiträge sind bei solcher Gelegenheit nicht unwillkommen und tragen wenigstens zu den Kosten bei, welche die Reklame erfordert. Aufrufe müssen kurz und bündig abgefaßt werden, der Zweck der Sammlung muß in ivenigen Worten klar gelegt und nicht durch einen Wortschwall verdeckt werden. Kann man den Ausruf durch statistische Zahlen ausschmücken, um so besser; denn es giebt keine besseren Beweise für die gute Sache der wir dienen wollen, als statistische Zahlen. Dann muß man den Wohlthäter« das Geben leicht machen, hierzu sind die allgemein üblichen Meldekarten der beste Weg, doch sind die Kartenbriefe vorzuziehen, weil sie geschlossen werden können und dadurch verhindert wird, daß das Geschäfts-und Dienstpersonal erfährt, welche Summe der Chef gezeichnet hat, was nicht Jedem angenehm ist. Auch ist auf den Kartenbriefen die Adresse des Rendanten aufzugeben, weil wohl Jeder lieber mit einer persönlich haftenden Person als mit einem anonymen Vorstand zu thun hat. Unfrankirte Meldekarten haben gar keinen Werth und wandern mit dem Aufruf sofort in den Papierkorb. Auch in der Wohlthätigkeitspflege können die Grenzen leicht überschritten werden, das beweisen die Berliner Vereine und Institute, welche oft in doppelter und dreifacher Zahl demselben Zwecke dienen und den Schnorrern von Profession Gelegenheit geben, alle derartigen Institute in Anspruch zu nehmen. Antisemitismus in Amerika. Von Prof. Dr. G. D e u t s ch. II. Sie Kirche, und vor allem die katholische, kann die Gleichstellung des Juden nicht hinnehmen, ohne die eigene Schwäche einzugestehen; für den Katholiken ist sie überdies mit einen» Grundgesetze seiner Kirche, den» Syllabus, unvereinbar und den Konstitutionen seinerPäPste widersprechend. Man könnte Bände »nit Aeußerungen klerikaler Unduldsamkeit aus dem Munde hervorragender amerikanischer Geistlicher aller christlichen Konfessionen füllen. Die deutsch-katholischen Blätter gehen darill aller» Anderen voran. „Der Ohio-Waisenfrermd" heißt ein in Kolumbus, Ohio, erscheinendes Blatt, welches das Organ eines propagandistischen Institutes ist, das sich der höchsten kirchlichen Privilegien erfreut. Ji» demselben las ich vor einigen Jahren die Bemerkung: „Die sogenannten Rechts der Juden sind nicht mehr Werth als das Recht einer Wanze, Menschen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.