Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228364--56034-3292294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
617 und die übrigen fast nur in beit Provinzialhariptstädten jüdische Lehrer an höheren Lehranstalten aufzuweisen haben, können wir nicht umhin, einige Betrachtungen zu knüpfen: Wenngleich der Einfluß unserer Glaubensgenossen auf die Praxis der Verwaltung naturgemäß ein verschlviudend geringer ist, müssen wir doch immer wieder da, wo nur ungerecht behandelt zu sein glauben, unsere Stimme erheben und die öffentliche Meinung zu Gunsten unserer gerechten Sache zu beeinflussen suchen, Petitionen an den Landtag als den einschlägigen und kompetenten Verfaffurrgskörper absenden, Beschwerde erheben u. s. w. Statt dessen steht eine große Mehrzahl unserer Glaubensgenossen dieser Frage zum Mindesten lau und gleichgiltig gegenüber. Was gehen uns die jüdischen Philologen an? Wer hat sie Philologie studieren heißen, wenn die Aussichten für sie so ungünstige sind? Warum sind sie nicht lieber Juristen oder Mediziner geworden? so denkt die überwiegende Mehrzahl unserer jüdischen Mitbürger ttnb spricht bei Gelegenheit unverhohlen auch diese Meinung ans. Sie bedenken aber bei dieser merkwürdigen Stellungnahme nicht, daß es sich hier um eine eminente Frage von einschneidender kultureller Bedeutung handelt. „Inn res agi'tur!" Dein eigenes Interesse steht ans dem Spiel, nicht blos in ethischer, sondern vielfach auch in materieller Beziehung, möchten wir den betreffenden indifferenten Elementen zurnfen. „Wer die Schule hat, hat die Zukunft," lautet ein bekanntes Sprichwort- Nun ist es leider eine feststehende Thatsache, daß unsere höheren Lehranstalten weit mehr als die niederen ein Nährboden des Antisemitismus sind Gegen Lehrkräfte aber wie Profeffor Förster, Henrici, Jungfer, Heutig u. A. als antisemitische Koryphäen zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Persönlichkeiten sind jüdische Philologen, die eine feste Anstellung erlangt haben, am besten geeignet, eilt wirksames Gegengewicht zu bilden, nicht etwa durch irgend welche Agitation, sondern lediglich durch das sittliche Schwergewicht ihrer Persönlichkeit, die es verhindert, daß die Keime des Antisemitismus an der betreffender! Anstalt allzu üppig emporschießen. Eirr derartiger sittlicher Einfluß ist aber unbedingt überall da vorhanden, wo jüdische Pädagogen eine so erhabene Mission erfüllen. Ueberall erfreuen sie sich irr der Bürgerschaft rvie bei den Kollegen und Schülern trotz manches ursprünglichen Uebelrvollens allgemeiner Beliebtheit. Ihre wissenschaftliche und pädagogische Tüchtigkeit, ihre Hingabe an die Interessen der Allgemeinheit schaffen ihnen unwillkürlich Sympathien. So genießt, unr nur einige wenige Beispiele anzuführen, Profeffor Dr. Horowitz in Thorn, dessen reges Interesse für die jüdischen Litteratnrvereine sich vor zwei Jahren ans dem Berliner Verbandstage zeigte, durch seine gemeinnützige Thätigkeit im Vorstande des „Koperuikus-Vereins" und einer Reihe anderer Vereine eine weit über den Bereich seines Wirkungskreises hinausreicheude Verehrung. Ebenso unermüdlich anfklärend wirkt Oberlehrer Dr. Wohlauer in Breslau als Vorstandsmitglied des „Humboldt-Vereins", Profeffor Dr. Mendelsohrr in Posen als Vorsitzender des „Naturwissenschaftlichen Vereins". Eine große Anzahl der jüdischen, namentlich der Berliner Oberlehrer und Gynurasialprofessoren ist den Lesern dieser Zeitschrift übrigens durch ihre Mitarbeiterschaft und Betheiligung aur jüdischen Gemeindeleben durchaus nicht unbekannt. Die Wenigsten — rvas ja durchaus nicht schliuun wäre — gehen ausschließlich in ihrem Beruf auf, sondern fast Alle betheiligen sich an staatlichen, kommunaler! und Genreiudearigelegenheiten, wissenschaftlichen rrnd Volksbildurrgsvereineu, sich selbst im Sinne des „ckoeenclo discimus“ und Andere belehrend rrnd den Begriff „Präeeptor" hu weitesten Sinne auffassend. Gereichen derartige Mitglieder dem Judenthrnn zur Unehre? „Im Gegentheit," wird jeder Unbefangene zugeben. Eine andere Frage ist es, ob unter den obwaltenden Verhältnissen selbst dem begabtesterr jüdischen Abiturienten das Studium der Philologie auzuratheu ist. Was vor zwanzig Jahren, trotz der Aera Pnttkamer, immerhin noch einige Hunderte gervagt haben, das wagen jetzt — und mit Recht — kaum 20 bis 30 auf särumtlichen preußischen Universitäten. Aber ganz arrfhören wird das Studium der Philologie seitens jüdischer Stndirender selbst unter derr allernngünstigsten Arrssichten nicht, weil eben der sich über alle materiellerr Hindernisse und scheinbar hirnnrelragende Schwierigkeiten hinwegsetzende Jdealisnrrrs und Wissensdrang niemals anssterben wird. Deshalb ist es Pflicht, ja geradezu Ehrenpflicht unserer wohlhabenden Glaubensgenossen, den Welligen, die diesen dornenvollen Weg betreten oder vielleicht schon betreten haben, die oft über ein Dezenninrn währende Wartezeit bis zu einer Anstellung durch Gewährung von Arbeitsgelegenheit in Gestalt von Privatstunden, Hauslehrerstellnug, Thätigkeit als Privatsekretär li. A. nach Möglichkeit zu erleichtern und nicht etwa dem christlichen Bewerber, weil er „schneidiger" aussieht, eleganter anftritt und womöglich gar Renommirschnrisse iin Gesicht anfzuweisen hat, den Vorzug zu geben. Gar mancher jüdische Philologe ist dadurch schon ans seinem Beruf heraiisgedrängt und der Verzweiflung, ja in vereinzelten Fällen sogar deur Selbstmord in die Arnre getrieben worden oder hat, verbittert die Schuld Einzelner der Gesammtheit zrrr Last legend, dem Judenthum den Rücken gekehrt. Möge daher, an wen dieses nobile oküernm herantritt, dasselbe erfüllen; in den seltensten Fällen wird er sein Interesse an einen Unwürdigen verschwenden. Jüdische Armenpflege. Von David Hirsch selb. ~ m. ^Jy\4enn man über jüdische Armenpflege schreibt, so muß marr auch der drei Edelsteine in der Krone jüdischer Wohlthätigkeit gedenken, der Vereine: Gesellschaft der Freunde, Brüdervereirr zu gegenseitiger Unterstützung und Magine Reim. Die Thätigkeit dieser Vereine ist zwar nur ans die eigenen Mitglieder beschränkt und tritt nicht in die Oeffentlichkeit, aber desto intensiver roirken sie in dieseru engerr Kreise. Dein stillen Veilchen gleich, das im Verborgenen blüht, sorgen sie dafür, daß ihre Wirksanrkeit geheim bleibe, und für alle Sitzungen, in welchen Unterstützungsgesuche besprochen werden, ist ein für alle Mal das Amtsgeheimniß zur Pflicht gemacht. Statuten und Prinzipien aller drei Vereine sind sich zierrrlich gleich. In alle drei Vereine wird man durch ein Balloternent ausgenommen, das ziemlich streng ist; denn urnn fragt nicht nur nach den moralischen und gesellschaftlichen Eigenschaften des Aufzunehmeirderr, sondern auch nach seiner pekuniären Lage, und man hütet sich wohl, Leute aufzunehmen, welche voraussichtlich die Vereine in rrächster Zeit in Ansprrrch nehrnen werden. Aber die Wege des Schicksals sind oft wunderbar, rrnd der mit reichen Glücksgütern Gesegnete kann im Laufe der Zeit in