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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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- GIG - Ein wohlverdientes Ende hat in diesen Tagen die Herrlichkeit eines jüdischen Antisemiten in Frankreich genommen. Herr Arthur Meyer, der Herausgeber des „Gaulois", der der begeistertste Champion der Orleanisten, Antisemiten und Anti- Dreyfusards gewesen, ist jetzt von seinen Brodgebern einfach all die Wand gedrückt wordell. Pariser Blätter theilen den folgenden Brief des orleanistischen Kronprätendenten all den Herzog de Lllylles mit: „Ich lese in beu Blättern Ihre Depesche. Ich bedauere lies, daß Sie diesen gleichgiltigen Zwischenfall benützt haben, um diesem scheußlichen Juden Komplimente zu machen und ihn Ihrer Sympathie zu versichern. Ich glaubte, daß Sie meine Gefühle für diese Persönlichkeit, deren Rvyaliswns mnei» Manöver und deren Haltung in dieser tranrchen Dreyfiisaffäre nur ein reilles, feiner Nasse würdiges Geschäft ist. besser kenntell. Er wagt noch, von Ehre und Duell 311 sprechen und vergibt ganz seine famose Parade? Ich finde. daß es Zeit ist, ein für allemal mit il)iu zn brechen, und ich hoffe, daß das hiermit geschehen ist." Diese Ohrfeige ist die empfindlichste, die Herr Arthur Meyer bisher erhalten. Im klebrigen ist der Brief auch recht charakteristisch für die Gesinnungen des von jüdischen Frauen unterstützten Herzogs von Orleans. & In einem Punkte ist der Sultan derselben Meinung wie die Zionisten, benlerkt Jewisli Chronicle ironisch. Er ist be^ stimmt gegen die Eiilwallderling der Juden nach Palästina. Anordilllngen voll Konstant! nopel ulachen imuler wieder die lokaleil Autoritäten aufmerksam auf das Verbot der jüdischen Elnigration llach Palästina, und geben den Gouverneuren die Instruktion, auf der Hut zu sein gegen die sogenannte zionistische Agitation, welche sie als eine politische betrachten müssen. Zll gleicher Zeit lvurden die fremderr Gesandten in Koilstcminwpel gebeten, ihre Proteste gegen die Gesetze, welche die Eillwandernng der Juden in Betreffs Palästina betreffen, fallen zu lassen, in Rücksicht auf eine Agitation, welche möglicherweise politische Kornplikationell Hervorrufen könnte. Die Lage der Juden irr Persien hat sich, wie schon kurz gerneldet, in der letzten Zeit wesentlich gebessert. Der Gouverneur von Teheran mußte Dank der thatkräftigen Intervention des Direktors der ^IlianeoSchüle, M. Cazes, seinen Befehl, daß die Juden den gelben Fleck lvieder zu tragen haben, zurücknehmen. Cazes gewann die Unterstützung des Ministers der ansrvärtigen Angelegenheiten, während der Gouverneur sich die Hilfe des Großveziers sicherte. Den Ausschlag zu Gunsten der Juden gab die Stellungnahme des Mirza Hassan, der höchsten muhamlnedanischen Autorität des Landes, der energisch sein Ansehen zu Gunsten einer milden Behandlung der Israeliten geltend machte und es als ungerecht bezeichnete, unter dem Deckmantel der Religion dein Neid ihrer Konkurrenten gegen die jüdischen Kauflente freien Lauf zu lassen. Letztere hätten gleich allen anderen Kaustenten das Recht, all Jedermann ohne Unterschied der Religion und des Geschlechts zu verkaufen. Daraufhin durften die israelitischen Kaufleute ihre Läden wieder eröffnen, und der Sturm scheint beschworen. Weniger gute Nachrichten kouunen ans den Provinzen; besonders in Hainadan scheint der alte Judellhaß wieder schlimme Blüthen zu treiben. Zwischen der Abreise des alten und der Ankunft des neuer! Gouverliellrs lebten unsere Glaubensgenossen in Gefahr, aber znnr Glück kenn der neue Statthalter früher an, als lnan erwartet hatte, und erlvies sich als ein toleranter, gebildeter und gerechter Beamter. Jüdische Philologen on den höheren Lehranstalten Preußens. Von Dr. S. Carpin. ahlen beweisen! Dieses beinahe znm Gemeinplatz gewordene Schlagwvrt, welches natürlich nur cum grano salis zu nehmen ist, hat doch voll und ganz seine Berechtigung, sobald es sich um ziffernmäßige Konstatirung kulturhistorisch interessanter Thatsachen handelt. Eine solche liegt niibedillgt vor, wenn auf irgend einem kulturellen Gebiete die paritätische Behandlung der Konfessionen in Frage steht. Dann reden die zahlenmäßigen Belege eine lautere Sprache als sie den; glänzendsten Redner zu Gebote steht. So wollen ivir denn hinsichtlich der Anstellung jüdischer Lehrer an höheren Lehranstalten zunächst einmal die nackten Zahlen für sich selbst sprechen lassen und bemerken nur, daß unsere Statistik den: soeben erschienenen, von Professor Toeplitz') und Malberg heransgegebenen, von Gyrnnasialdirektor Dr. Kuntze begründeten „Kalender für das höhere Schulwesen" entnommeil ist. Es gab demnach jüdische Lehrer a» höheren Lehranstalten in: Ostpreußen v, Westpreußen 1 (Thorn), Posen 4, Pommern 0, Brandenburg 1 (Frankfurt a. O.), Berlin, Kgl. Gymnasium 1, Städtische 25, Schlesien 6, Sachsen 1 (Halle), Hessen-Nassau 23. Hannover, Schlesivig-Holstein, Westphalen, Rheinprovinz 0, Summa62 1,1 Prozent der Gesammtzahl 6247 (4959 evangelische, 1226 katholische). Noch ungünstiger stellt sich das Berhältniß, wenn man die staatlichen Anstalten allein in Betracht zieht. Dann erreicht der Prozentsatz jüdischer Lehrer die — sage und schreibe — horrende Höhe vou 0,3 Prozent. Daraus ergiebt sich', daß bei Weitem die »leisten jüdischen Pädagogen an städtischeil höheren Lehranstalten Anstellung gefunden haben. In der That entfallen die 6 Lehrer in Schlesien sämmtlich auf Breslauer städtische höhere Lehranstalten, in Posen auf das Städtische, sogenannte Bürger-Realgymnasium, in Posen selbst 2, auf die gleiche Anstalt in Bromberg 1 und der vierte auf das Kgl. Gymnasium in Meseritz. In Berlin erreicht zwar der Prozentsatz jüdischer Lehrer an städtischen höheren Lehranstalten 4 Prozent der Gesammtzahl, jedoch entspricht derselbe noch nicht dem Prozentsatz der jüdischen Einwohner der Reichshauptstadt und nicht irn entferntesten dem der jüdischen Schüler an den höheren Lehranstalten, der bekanntlich an einzelneil Gymnasieil 60 Prozent übersteigt. Was die Provinz Hessen-Nassau anlangt, so kann die anscheinend recht hohe Ziffer jüdischer Lehrer daselbst nun den mit den eirlschlägigen Verhältnissen nicht Ver°° trauten überraschen. Denn jeder Eingeweihte weiß, daß die 23 hier angestellten jüdischen Pädagogen sämmtlich aus die beiden von Inden gegründeten und von jüdischem Gelde unterhaltenen höheren Reallehranstaltetr, das sogenanntePhilanthropin und die Hirsch'sche Realschule, sich vertheilen, an denen — nebenbei bemerkt, — ohne daß sie im Geringsten darauf Anspruch hätten, — aus Paritätsgründen, der verhältnißmäßig sehr geringfügigen christlichen Schüleranzahl wegen, auch fünf christliche Lehrer angestellt find. An dieses wahrhaft beschänlende Resultat, daß sechs von den 12 preußischen Provinzen überhaupt keine, zivei nur je einen y ProsrssorToeplih, unser Glaubensgenosse, Sohn des verstorbenen allgemein beliebten Oberlehrers Toeplitz, welcher ei» Menschenalter lang am Gymnasium z» Lissa (Posen) i» Mathematik und Physik unterrichtete.

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