Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228364--56031-3292291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
614 abspielte, ein schauerliches Bild jener Krankheit enthüllte, die der große englische Denker treffend „moral insanity“ bezeichnet hat. Die einzelnen Vorgänge dieses Prozesses, der eine ganze Welt in Athem hielt, sind noch in frischer Erinnerung. Der Ausgang war aber, obwohl die Unschuld des Kapitäns Dreyfus durch den Verlauf des Prozesses mehr als klargestellt wurde, dennoch kein befriedigender. Eine Wendung zum Besseren haben die Verhältnisse durch den neuen Präsidenten der Republik und durch das gegenwärtig am Ruder befindliche Ministerium genommen. Die Komödie des Antisemitenführers Jules Gucrin in Fort Chabrol und die Anklagen gegen die Führer der royalistischen Partei vor dem Staatsgerichtshofe haben den sicheren Beweis erbracht, daß der Antisemitismus in Frankreich von der klerikalen und orleanistischen Partei in wirksamer Weise gestützt und gefördert wird. Als ein trauriges Symptom der Verirrung muß die Thatsache erscheinen, daß jüdische Frauen und jüdische Journalisten diese Partei, die die Ausschließung der Inden von allen bürgerlichen Rechten ans ihre Fahne geschrieben, mit Geldmitteln und durch die Presse unterstützten. In Algier hat die Regierung durch energische Maßregeln den offenen Aufruhr unterdrückt und der Diktatur des Bandenführers Max Regis ein Ende gemacht. Sehr traurig ist ferner die Lage der Inden in Rumänien, dem klassischen Lande der Judenverfolgungen. Man hat dort den Haß soweit getrieben, die Juden auch von den Schulen auszuschließen, und zwar in einer Weise, wie man es nicht einmal in Rußland gewagt hat. Sogar die Versuche der Juden, eigene Schulen zu begründen, werden durch die kleinlichsten und erbärmlichsten Mittel verhindert, und wenn nun die armen Leute answandern lvollen, werden sie von den Behörden gewaltsam zurückgehalten. Die Judenversolgungen in Jassy zeigten, wessen sich die rumänischen Juden von den sogenannten gebildeten Kreisen, vor allem von der akademischen Jugend, zu versehen haben. Aus Rußland ist diesmal nichts Besonderes zu berichten, weder Gutes noch Schlechtes. Vielleicht ist dies das Beste in diesem Lande. Auf irgend eine günstige Entscheidung des Senats folgt gewöhnlich eine ungünstige irgend einer anderen hohen Behörde. Gnadenakte Wechsel»» ab mit Ausweistmgen. Wie alljährlich, so fanden auch diesmal zahlreiche Unruhen gegen die Inden, und z>var in Nikolajew (Südrußtand) statt, die einen bedrohlichen Charakter annahmen. Die Lage der J»»den in den Läi»dern des Orients hat sich ebenfalls in keiner Weise geändert. In der Türkei leben sie ruhig und »»nangefochten, und die strengen Maßregel»» gegen die Einwandernng ii» Palästina sind nur auf das Konto des Zioilismus zu schreiben, gegen dessen Agitationen der Sultan eine entschiedene Abneigung an den Tag legt. In Persien hat sich die Lage der Juden »vesentlich gebessert. Der Schah hat sie in seinen besonderen Schutz genommen, und auch der Minister der aus»värtigen Angelegenheitei» hat bei »viederholte» Anlässen gezeigt, daß er nicht geneigt sei, die Inden den Verfolgungen fanatischer Musel- »näi»ner ai»sznsetzen. In Amerika hat man »nieder einmal de»» Versuch ge- »nacht. das Einwanderniigsverbot anfs Tapet zu bringen, indeß oh»»e besonderen Erfolg, zumal da die statistische Erhebung de»» Beweis lieferte, daß die Ein»vander»»ng armer »>nd arbeitsunfähiger Jude»» »vesentlich nachgelassen habe. Der Streit darüber, ob es in Arnerika einen A»ltisemitis,nns gäbe oder nicht, ist an sich schon ein erfrenlicher Betveis für die Lage der Din'ge in den Vereinigten Staaten. , Die Republik Transvaal hat, ehe sie den Krieg mit England begann, noch ein Zeichen ihrer Intoleranz gegeben, indem sie Juden und Katholiken von der bürgerlichen Gleichberechtigring arisgeschlossen hat, obwohl der Präsident des Freistaates diese ausdrücklich befürwortete. Nichts ist natürlicher, als daß man dieserhalb in antisemitischen Kreisen die Behauptung ausgestellt und eifrig verfochten hat, daß der Krieg gegen die Bure»» mit jüdischen» Geld« geführt werde. Die Arbeit der inneren Mission, die sich auf die Verbreitung von Handwerk und Ackerbau, auf die Abhilfe sozialer Mängel, auf die Berbefferung der Wohlthätigkeitsinstitutionen richtet, ist eine erfreuliche und zieht immer weitere Kreise. DerZionismus hat in diesem Jahre keine besonderen Fortschritte, viel eher Rückschritte gemacht. Der dritte Zionistenkongreß hat zrvar die Kolonialbank begründet, aber er bot bereits das Bild vor» Spaltunger» und Parteiunge»», die bis dahi» durch die Hitze des Kampfes nicht in Erscheinung getreten waren. Die Gründung von Provinzialverbänden des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes, von neuen Litteraturvereinei», von Logen des Bnei Berith-Ordens, des Allgemeinen israelitischen Bundes in Oesterreich, die Bestrebungen, das religiöse Leben der Juden in Frankreich zu heben, , die Thätigkeit der Anglo Jewish Association in London, der Jewish Kolonisation Association in Paris, das große Erbe der ausgezeichneten Philanthropin, deren Verlust wir ii» diesem Jahre zu beklagen hatten, die Arbeiten der amerikauischen Nabbinerkonferenz und manche andere Werke und Vereine sind gegenüber den traurigen Ereignissen, — wir erwähnen auch noch die Katastrophe von Boryslaw — von denen der Chronist zu berichte»» hat, erfreuliche und »nichtige Anzeichen, daß die innere Sa»i»n»lu»g der Jude»» und ihre Begeisterung für die Erhaltung des angestammten Glaubens sich auf dem gleichen Niveau erhalten »nie in den letzten Jahren, ja eher noch eine Steigerung erfahren hat. Unter solchen Auspizien ist der Ausblick in die Zukunst ein trostreicher. Hoffen wir, daß das neue Jahrhnudert uns endlich die Erfüllung'.der Ideale bringen wird, nach denen »vir in diesem Jahrhu»»dert vergeblich gestrebt haben: die völlige bürgerliche Gleichberechtigung und die Anerkennung der geistigen Ebenbürtigkeit des Judenthums. Pi* Woche. f Bert in, 27. Dezember. en Zug des Todes führen in dem zu Ende gehenden bürgerlichen Jahr drei Männer und eine Frau an, deren Namen in der Geschichte »»»seres Kulturlebens unvergängliche Fortdauer belvahren »verdcn: Hajim Steinthal, David Kaufmann, Israel Hildesheimer und Clara v. Hirsch. Ihnen schließen sich an die folgenden hervorragende»» Männer des öffentlichen Lebens, der Gelehrten- und Schriftstellerinelt, sowie des Kaufmaiinsstaudes: Ludwig Bamberger, A. B. Gottlober, K. Schulmann, Emil Schiff, Adolf Silberstein, Gustav Jacobsohi», I. Coheu, Prof. Samuel, Adolphe d'Ennery, I. S. Abclmann, Emil Fromm, Georg Meyer, Sir Julius Vogel. Die Rabbiner Dr. Benedikt Levi, Dr. H. Sondheimer, Dr. S. Back, Jonas Weil, Dr. I. Fürst, Dr. I. Nosenseld, ferner G. Bedarrides, I. v. Ephrussi, M. Friedländer, die Kaiitoren Gold-