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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-29 · Heft 52 (29.12.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 52 ff Berlin, 29. Dezember 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteur r Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner II*. Ludwig PhiNppson-Sonn Vertags-Crpedition: Äerliir, Zerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer (Strafe 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ttl)(tlt« Leitartikelr Rückblick. — Die Woche. — Jüdische Philologen an den höheren Lehranstalten Preußens. Von Dr. S. Carpin. — Jüdische Armenpflege. III. Von David Hirschfeld. — Antisemitismus in Amerika. II. Von Prof. Dr. G. Deutsch. — Zur Geschichte einer Handschrift. Von Prof. Dr. David Kaufmann s. A. — Feuilleton: Zdhll aus Polen. Von Thekla Pick. — Originale aus dem Osten II. Von H. Fr. v. Offen. — Lttterarische.Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg i. Pr., Rastenburg, Ratibor, Marburg, Nürnberg, Wien. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Rückblick. Berlin, 27. Dezember. uch der Rückblick auf das abgelausene Jahr, das letzte des Jahrhunderts, ist kein besonders erfreulicher. In unseren! engeren VaterlandehatzwarderAntiselnitismus keine rvesentlichen Fortschritte gemacht; ja, es ist im Gegentheil eher eine rückläufige Belvegung zu verzeichnen. Aber die Weltlage ist darum nicht besser geworden, und wir fühlen als Juden die Leiden und Sorgen unserer Glaubensgenossen in allen Lättdenr der Welt rnit. Diese Solidarität darf uns niemals abhanden kommen, und kein^ Gegner soll sie antasten. An Mangel an Stoff zu Klagen fehlt es in diesen! Jahre auch nicht. Es haben sich folgenschwere Ereignisse zugetragen, die nicht nur in der Geschichte des Jahrhunderts, sondern auch in der großen Weltgeschichte ihren Platz einnehmen werden, als charakteristische Erscheinungen unserer Zeit, als Symptome der Belvegung, die vor etwa 25 Jahren gegen die Juden entfacht wurde und deren Ende auch heute noch nicht abzusehen ist. Was die Verhältnisse in Deutschland anbetrifft, so sind große Veränderungen nicht zu bemerken, leider ist aber auch nicht von einer günstigen Wendung zu berichten. Selbst aufgeklärte Kleinstaaten, die bis dahin immun waren, haben der antisemitischen Bewegung Konzessionen gemacht, wie Weimar und Hessen. In letzterem Lande hat der Prozeß gegen eine Zeitung den Beweis erbracht, daß das Prinzip der Gleichberechtigung in Bezug auf die Anstellung jüdischer Richter offen und frei außer Acht gesetzt wird. Nur Bayern bewährte sich auch in diesem Jahre als Verfaffungsstaat, indem es bei der Besetzung von Richterstellen keinen Unterschied machte und auch jüdische Richter wieder zu höheren Stellen berufen hat. In Preußen ist in diesem Jahre keine besondere Aenderung eingetreten. Die früheren Minister v. d. Recke und Bosse haben noch vor ihrem Abgänge Gelegenheit gehabt, bei den Verhandlungen des Landtages ihre Ansichten über die einschlägigen Fragen zur Geltung zu bringen. Die Art und Weise, in der dies bei den verschiedenen Debatten geschehen ist, läßt uns ihr Scheiden nicht bedauern.' Es steht zu hoffen, daß die neuen Minister, denen gerechte und wohllvollende Gesinnung gegen die Juden nachgerühmt wird, diese auch in ihrer Amtsführung bethütigen lverdeu. Die Verhandlungen über die Ordinariate der jüdischen Lehrerinnen haben nur theilweise zu einem günstigen Ergebnis; geführt, dagegen ist der Antrag gegen das Schächten wieder einmal im Reichstage gründlich durchgefallen. Das Spezialgesetz über die Synagogeuverhaltnisse in Frankfurt am Main fand ohne große Debatte Annahme. Mit besonderer Anerkennung muß aber noch ein Akt des früheren Kultusministers erwähnt lverdeu, durch derr kleine Gemeinden unter bestimlnten Voraussetzungen eine Subvention für die Abhaltung des jüdischen Religionsunterrichtes aus den verfügbaren Staatsmitteln erhalten. Das ist ein bescheidener, aber immerhin uüchtiger Anfang zum Besseren. Die deutschen Antiseuliten haben in diesem Jahre ihre verblaßte Popularität durch einen neuen Hetzapostel aus hochadligen Kreisen, den Grafen Pückler ans Klein-Tschirrie, aufzufrischen gesucht. Es ist ihnen aber nur schlecht gelungen. Sehr traurig gestaltete sich auch diesmal'die Lage der Juden in Oesterreich. Die Ermordung eines christlichen Mädchens in dem böhmischen Städtchen Polna bildete den Anlaß zu unerhörten Angriffen irnd Verfolgungen gegen die dortigen Judell und die der Umgebung. Die Verhandlungen vor dein Gerichte zu Kuttenberg erbrachten den Beweis, daß der Judenhaß selbst bis in die Kreise der Richter gedrungen ist. Die Wendung, welche die allgemeinen politischen Verhältnisse in Oesterreich nahmen und durch welche der Herrschaft der Tschechen ein jähes Ende bereitet wnrde, erregte von Neuern den Haß gegen die Inden in Böhmen und in Mähren wegen ihrer deutschen Parteistellung, Judenverfolgungen, Plünderungen und Mordszenen fanden im Herbst dieses Jahres statt. Die Verhandlungen im österreichischen Reichsrath gaben den antisenlitischerl Führern willkounnene Veranlassung, für das Blutruärchen Propaganda zu machen, und es steht zu befürchten, daß die Reden, die sie zürn Fenster hinaus gehalten haben, noch traurige Erfolge haben lverdeu. Der Parteitag der deutschen Antisenüten in Hamburg stellte abermals die Forderung auf, die Inden außerhalb des bürgerlicher: Rechts zu stellen. Auch hier wie bei vielen anderen Anlässen zeigte sich die internationale Verbindung zlvischen den deutschen, österreichischen und französischen Antiseuliten, die auf einem großen Weltkongreß zur Zeit der Pariser Weltausstellung ihren Ausdruck fittben soll. Womöglich noch schlimmer ist die Lage der Juden in Frankreich, wo der Drehfusprozeß, der sich in diesem Jahre

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