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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-22 · Heft 51 (22.12.1899) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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s Lehrlinge nüt Arbeite:: beschäftigt, wie sie die Herbstzeit in kandwirthschaftlichen und gärtnerischen Betrieben mit sich bringt, und alle erfreuten in gleicher Weise durch die offensichtliche Lust und Liebe zur Arbeit, den guten Willen, beu Anordnungen und Belehrungen der Vorgesetzten mit Fleiß und Sorgsamkeit nachznkommen. und ihr ebenso bescheidenes wie aufgewecktes Betragen. In allen Zweigen der Gartenwirthschaft werden die Lehrlinge von tüchtigen Inspektoren und Gärtnern vollständig ausgebildet, so daß sie später besähigt sind, in dem erwählten Berufe vorwärts zu kommen. Die stramme Zucht in der Anstalt im Verein mit der allen Zöglingen zu theil werdenden freundlichen Fürsorge hat hier bereits gute Früchte getragen; eine ganze Anzahl voll in der Ahlemer Anstalt ansgebildeten Gärtilerll re. — 32 — hat in den letzten Jahren ihrer Befähigung entsprechende Anstellung gesunden. Uebrigens beschränkt sich die praktische und theoretische Ausbildnllg der Lehrlinge durchalls llicht auf das rein Gärtnerische, sie werden vielmehr auch tu den wichtigsten landwirthschastlichen Arbeiten von erfahrenen Kräften nilterwieselr und praktisch geschult. Für die kleineren Knabell unter 14 Jahren, welche unter der Leituilg sorgfältig ausgewählter Lehrer als Schüler vollstäirdigen Ullterricht in der Allstalt empfangen, ist. die stete Berbilldllilg mit der freien Natur, der fortdauernde Einfluß der ländlichen Umgebmlg, in welcher sie aufwachsen, ebellfalls von der größten Bedeutung; die angestrebten günstigen Wirkungen auf die Denkweise und die Neiguligen der Knaben zeigen sich in den meisten Fällen schon bald nach ihrem Eintritt in die Anstalt. Eillstweilen diellt. soweit Neigungen für die einzelnen Zweige des Handwerks bei diesen Knaben hervortreten, besonders der Handfertigkeitsnnterricht für die Schüler dazu, diesen Sinn zu mehren. Entscheiden sich die Knaben nach Beendigung der Schulzeit für beit landwirthschaftlichen oder gärtnerischen Beruf, so verbleiben sie auch ferner in der Anstalt als Lehrlinge, wollen sie sich einem Handwerke zuwenden, so werden sie voll der Leitung bei einem guten Meister in die Lehre gegeben. Vorwiegend ziehen die Schüler allerdillgs den gärillerischen Beruf jeden: allderen vor. Es wurde schoil erwähnt, daß in der Anstalt in jeder Beziehung eine stramme, beinahe militärische Zucht herrscht, Ohne solche, vor alleul ohne die peinlichste Ordnung, wäre!: ja alle Bestrebungen, den Zweck der Anstalt zu erfüllen, nutzlos. Bei nuferem Gange durch die Wohn-, Schul- und Wirtschaftsgebäude, die Gewächshäuser, gärtnerischen Anlagen re. trat das Festhallen dieses Grundprinzips überall delltlich hervor. Wir gelvalllren bei dieser Besichtigung den Eindruck, daß es sich hier um ein überaus wichtiges, der regsten Förderung werthes Unternehmen handelt, in welchem die Bestrebungen seines Begründers lrnd anderer Förderer dieser guter: Sache aufs Beste verroirklicht werden. Soll die Ausführung dieser edlen Absichten jedoch für die Dauer gesichert sein, so bedarf es in weit größeren: Un:sa:lge, wie bisher, der tatkräftigen, nachdrücklichen Förderung dieses hervorragenden Werkes nicht allein durch wohlhabende Glaubensgenossen des Stifters, sondern aus den weitesten Kreisen, ohne Unterschied der Konfession; denn das hier Erstrebte btent mag es sich auch in erster Linie um eine der wichtigsten Aufgaben der „inneren Mission" unter den Israeliten handeln, zugleich auch der Allgemeinheit. Bon dieser Anschauung ist auch ein Schreiben erfüllt, das der hochverdiente Leiter -einer christlichen Erziehnugsaustalt in Hannover nlltern: 20. September d. I. an den Vorstand der Anstalt Ahlem richtete und in lvelchem es heißt: „Ich möchte zuerst in: Allgemeine:: sagen, daß der Grundgedanke des Ganzen: die für Ackerbau und Gärtnerei bestimmten Zöglinge so früh wie möglich in die Anstaltserziehnng aufznnehmen. ein sehr glücklicher und ges:n:der Gedalcke ist. Der ganze Betriebchat dabei etwas so Wohlgeordnetes und Wohlgefälliges, daß er wohl geeignet ist, nicht blos Verständniß, sondern auch Lust zun: Fach zu erwecken. Die Lebel:shaltung der Zöglinge ist, soweit wir das bei einem stüchtigen Besuche sehen konnten, so einfach, schlicht und stranim, daß sie durch dieselbe für den zukünftigen Beruf gestählt werden, und dabei machte die ganze Jnngenschaar eine:: gesunden und harmlos fröhlichen Eindruck. Kurz, ich bin der Ueberzeugung, daß Sie mit dieser Anstalt ein hochnöthiges und werthvolles Werk nnternonnnen haben." — Hoffentlich wird diese Bedeutung der Anstalt Ahlem in Zukunft in immer weiteren Kreisei: erkannt und gewürdigt. Eine Betätigung solchen Interesses — möge es sich nun durch tatkräftige Förderung dieser Anstalt oder auch dadurch zn erkennen geben, daß noch an anderen geeigneter: Orter: gleiche Anstalten zur Erziehung m:d Heraubildnug israelitischer Knaben für die landwirtschaftlichen Berufe, für das Handwerk er ins Leben gerufen werden — würde von segensreichen Folger: begleitet sein. Üttsere jüdischen Mitbürger müßten es sich geradezu zur Ehre gereichen lassen, zur Förderung dieses Krlltnrwerkes nach Kräften beizutragen. Eine Besichtigung der Anstalt Ahlen: wird ja Dener:. die den Besuch ermöglichen könne:,, an: besten zeigen, was hier geschaffen wurde und :vie werth es der Unterstützung und Nachahmung ist; da solche Inaugenscheinnahme der Anstalt indeß rvohl nur wenigen außerhalb Hannover wohnender: Förderern derartiger Bestrebungen möglich ist, mögen diese Zeiler: dienen, den: hier zuerst in Angriff genommenen bedeutenden Werke, das vor: anderer Seite mit Recht als ein Kulturwert ersten Ranges bezeichnet wurde, neue Freunde zu gewinnen. © Kassel, 18. Dezember. Für die hiesige Gemeinde und jeden Menschenfreund war gesterrr ein erhebender 'Festtag. Das neue Waisenhaus, über dessen Begründung und Entwickelung Sie neulich berichteten, wurde seiner Beslimmnrrg übergeben, lvorüber die Tageszeitungen berichten: Eine zahlreiche geladene Festversammlung hatte sich aus diesen: Anlaß in den Räumen des nenerbauten Hauses zufammengefnttden. Als Vertreter der staatlichen Behörden waren Herr Regierungspräsident vor: Trott und Herr Polizeipräsident Graf Königsdorff erschienen, als Vertreter der städtischen Körperschaften wohnten Herr Landesrath und zweiter Beigeordneter Knorz und Herr Stadtschulrat Born mann der Feier bei. Ferner waren das Vorsteheramt und die Gemeindeältesten der israelitischen Gemeinde anwesend. Die Feier wurde abgehalten in: festlich geschmückten unteren Saale des Waisenhauses. Nach einem einleitenden Harmoniumspiel und einigen durch die Waisenhauszöglinge unter Leitung von Herr:: Inspektor Scheye trefflich ansgeführten Gesängen, sowie nach der Deklamation eines von Herrn Bankier Blumenthal gedichteten schönen Festgedichtes, sprach Herr Landrabbiuer Dr. Prager zunächst ein Dankgebet und ergriff dann das Wort zu seiner Festrede, in der Redner dankend Derer gedachte, welche das Werk begründet, dessen Vollendung heute gefeiert werde, des verewigten Herrn Philipp Feiel und derSchlvester desselben, der Frau Emilie Goldschmidt, zu deren Ehrung die Anstalt de::, Namen israelitisches Waisenhaus, genannt die Philipp Feiel¬ und Emilie Goldschmidtffche Stiftung. erhalten hat. Einen kurzen Rückblick werfend auf die Geschichte der 1855 begründeten Anstalt, sprach Redner Dank aus Allen, welche, nächst den Grü::dern, mitgearbeitet und mitgeholfen haben an den: Werk opferwilliger Nächstenliebe, insbesondere Herrn Georg Rosenzweig, für seine Mühewaltung in der Angelegenheit des Waisenhausneubanes, und allen sonstigen Anwesenden für ihr Erscheinen bei der Feier. Hierauf wurde die Feier durch ein Schlnßgebet des Hern: Dr. Prager und einen Choralgesang der Zöglinge des Waisenhauses, in würdigster Weise beendet. A:: die Feier schloß sich eine Besichtigung des Gebäudes an. Dasselbe ist von Herrn Architekt Karst entlvorfen und von der Banfirma Potente u. Sohn j ausgeführt. Der Bau präsentirt sich von außen als ein schmuckes l Gebäude. Das Innere desselben ist sehr geschmackvoll, praktisch und zweckentsprechend eingerichtet. * Die lichten und luftigen Schlaf-, Arbeits- und Wohnräume mit ihrer einfache:: aber stilvollen Einrichtung. ihren neuzeitlichen Anlagen, gewährten einen freundlichen und anheimelnden Anblick. Besonderes Interesse erregten die sehr praktischen Wasch- und Badevorrichtu::gen und die speziell eingerichteten Krankenzimmer. Längere Zeit verweilten die Festtheilnehmer in dem großen Zimmer, in welchem Gegenstände des Handfertigkeitsunterrichts ausgestellt waren. Die einzelnen Sachen fanden solchen Beifall, daß die Vertreter der Behörden sich Stücke als Andenken ausbaten. Herrn Inspektor Scheye wurde auch für die Sorgfalt, die er diesem Theile seiner Thätigkeit zuwendet, tocmue Anerkennung zu Theil.^. Der Eindruck der Besichtigung war ein allgemein höchst befriedigender. Mit Recht darf die hiesige israelitische Gemeinde stolz sein auf das lediglich durch freiwillige Aufwendungen der Genieindemitglieder geschaffene Werk der Nächstenliebe." Oesterreich - Ungar«. □' Wien, 18. Dezember. Am 11. d. M. fand die Gerichtsverhandlung gegen den Redakteur des „Deutschen Volkbslatt" August Schreiber wegen aufreizender Artikel während der Dauer des Poluaer Prozesses statt, die mit der Verurtheilnng des Angeklagten zu einen: Monat Gefängniß endigte; dagegen hat sich der Staatsanwalt Dr. Bobies die Gunst de^r Antisemiten vollständig verscherzt, weil er in streng sachlicher, jedoch glänzender Ausführung die lügnerischen Berichte und entstellende« Nachrichten jenes inkriminirten Artikels bloß-

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