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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-22 · Heft 51 (22.12.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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legte. Zu scharfer Weise widerlegte der Stantsauwa.lt die schmähliche Anklage deSRitnalmordes. „Der Zwech.dieser Publikationen." sagte er. „war eS. die Juden ausznscheiden aus der menschlichen Gesellschaft. Denn in der That, wer überzeugt wäre, daß ein Verbrechen, wie es scheußlicher nicht gedacht werden kann, von den Juden bei ihren religiösen Hebungen begangen wird, der müßte selbst die Ausscheidung der Juden aus der menschlichen Gesellschaft wünschen. Solche Wünsche zu erregen, waren die iukriminirteu Artikel bestimmt. Nicht um die Ermordung eines jungen Mädchens handelte es sich, das war Nebensache. Nicht darum handelte es sich, ob der Mörder erst nach vier Tagen dingfest gemacht wurde, das war Nebensache. Die Hauptsache war, daß ein Jude als Thäter genannt wurde und daß dies Gelegenheit gab. dem gesammten Judenthum die That des Einzelnen aufznbinden. Und wenn die abgelegten Anssagen, wenn die fetten Lettern nicht genügten, den beabsichtigten Zweck zu erreichen, dann wurde appretirt und ausgeschmückt".— Die neueste Entdeckung ist, daß Dr, Carl Lneger einJudenstännnling ist. Der „Herr von Wien" ist der Sproß einer alten Wiener Bürgerfamilie. Dazumal lebte nun allerdings sn Wien nur ein einziger Bürger des Namens Lneger. Es war dies has Jahr der furchtbaren, von Herzog Albrecht angeordneten Judenverfolgung. über welche es in der „Kleinen Klosternenburger Chronik" wörtlich heißt: „Darnach am schwarzen suntag Mordert Man dieselben jnden, all die zeigten viel guets an, vnder der erden, zu Wien rmd hat man allein verprent 240 Person, ein jüdin zu closterlieuburg-LiE sich tauffen und wardt genant barbara, hat vor zir der ehe den schebelein juden gehabt, die nam darnach zu der ehe niclasen, des lneger, eines ehrbaren bnrgers son." Die dem Flamnientode entgangene Gattin des Juden Schebelein. die in der Tanfe den Namen Barbara erhielt und sich mit Niclas Lneger zum zweiten Male'verehelichte, ist die Stamnnnntter des heutigen Jndenhassers itnb ersten Vizebürgermeisters von Wien Dr. Carl Lneger.—Am 14. d. M. starb, in Budapest im Alter von 94 Jahren der ehemalige Schiffs-Oberinspektor Samuel S ch le s rng er. Er spielte im Freiheitskampfe eilte hervorragende Nolle. Im Jahre 1848 wurde er vom Kriegsminister Mäszaros zum Konnnandanten des einzigen ungarischen Kriegsschiffes ernannt. Später wurde er Inspektor aller den Transport von Lebensuiitteln und Waffen besorgenden Schiffe ans der Donau und ihren Nebenflüssen. Samuel Schlesinger begann seine Laufbahn als Schiffszimmermann und bildete sich dann in der Nautik aus. in deren Dienste er nahezu sechs. Jahrzehnte stand. Er war einer der Ersten, dev^r Ungarn den Lauf und das.Bett der Donau vom Schifffahrt-Standpunkte aus studirte. In: Nachlasse des Verstorbenen befindet sich eine interessante, von Maria Theresia unterschriebene Urkunde, durch welche zwei seiner Vorfahren, Wolfgang und Israel Schlesinger, für ihre in verschiedenen Feldzügen als Heereslieferanten envorbenen Verdienste die Erlaubniß erhielten, in Ungarn ungehindert Handel zu treiben und überall Aufenthalt zu nehmen. — Ans S ch ü tt en h ofe n in Böhmen wird uns über das Abschiedsfest zu Ehren des bisherigen Rabbiners Dr. I. Wo hl stein ausführlich berichtet. Die Abschiedsrede in der Synagoge machte einen tiefen Eindruck auf die versammelte Gemeinde. Am darauffolgenden Tage überreichte der Oberlehrer Wild mit einer herzliche!: Ansprache eine künstlerisch ansgeführte Adresse. Das Scheiden des allgemein beliebten Mannes wird' in der ganzen Gemeinde lebhaft bedauert. . .. Frankreich. s. PeniS, 16. Dezember. Mit Stimmeneinheit hat der sozialistische Kongreß die Resolution Brnnelliere angenommen, die folgenden Wortlaut hat: Der allgemeine sozialistische Kongreß spricht den Antisemiten und Nationalisten seine Verachtung ans und warnt die. Arbeiter vor allen Formen der Reaktion. Mit dieser Erklärung hat der Kongreß jede antisemitische Anwandlung in seiner eigenen Mitte, wie solche noch vor wenigen Jahren bei Führern wie Viviani und Rouanet zu beobachten war, nnniöglich gemacht. — Außerordentliches Aussehen macht in jüdischen, wie in nichtjüdischen Kreisen der Tod des Soldaten Gaston Bernard, der vor acht Tagen als ein Opfer barbarischer Mißhandlungen seitens seiner Vorgesetzten im Lazareth verstorben ist. Gaston Bernard, der am 15. November zum 31. Drago>ierregiment in Epernay einrückte, wurde von Anfang an seines jüdischen Glaubens halber von den Unteroffizieren, besonders vom Marechal de logis Namens de Solanges, beschimpft und . mißhandelt.. .Er, selbst schrieb darüber, an seine Eltern, daß dieses. LehM nicht zu ertragen sei, daß er sich muffe unausgesetzt Dreyfus undAoupin schimpfen laffen, und daß Brigadier und Marechal selbst vor Handgreiflichen Beweisen ihres Judenhasses nicht zürnckschrecken. An: §0. Dezember kam er in das Lazareth. und seine erschreckte Mutter wurde telegraphisch an das Sterbebett ihres Sohnes berufen. Als sie von. demselben die Leiden gehört hatte, die er hatte durchmachen müssen, wandte sie sich mit einer Klage an den Obersten des Regiments, und diesem gegenüber wiederholte Bernard noch in feiner Sterbestunde seine Klagen gegen de Solanges. Nach dem schon am 5. Dezeurber erfolgten Tode leitete der Oberst eine Untersuchung ein, die angeblich die Grundlosigkeit der Anklagen gegen die Unteroffiziere ergeben haben soll, allein der Kriegsminister. der von dem Vorkomumiß in Kenntniß gesetzt worden war, leitete eine neue erschöpfendere Untersuchung ein deren Resultat noch aussteht. Von Nah und Fern. — Herr Dr. Fer d i n and Bl nm enthal. ein Svhn des Herrn Geheimrath Dr, Blumenthal, Assistent an der.Universitätsklinik, hat sich als Privatdozent an der Berliner Universität habilitirt. —Ans der Hinterlassenschaft des verstorbenen Rentners.V a l e nt i n Weis b a ch gelangen dieser Tage nach der schon erwähnten testamentarischen Bestimmnng des Verewigten 200000 Mark für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke zur Vertheilung. — In Buckow feierte am 16. d. M. der Ehrenbürger dieser Stadt, Dr. med. Leyser seinen 80. Geburtstag in voller Frische, nachdem er vor einigen Jahren bereis sein 50jähriges Doktorjubiläun! hat begehen können, Länger als 52 Jahre ist Buckow sein Wirkungskreis. In Rüstigkeit und Frische kann er. innner noch seines Amtes nwlten sowohl in seiner Praxis als Arzt wie auch in seiner Eigenschaft als Mitglied des Magistrgts. Von der. großen Verehrung und.Liebe, deren sich der Jubilar erfreilt, zeugteein glältzender Fackelzug. der ihm am Vorabend seines Geburtstages:dargebracht wurde. — In S t o l p ist am 16. d. M. Herr Rabbiner Dr. E. K a l.i scher aus Pasewalk einstinnnig zum Rabbiner gewähltnvorden. — Landrichter Dr. S o iii m e r in Frank fu r t a. M., ist zum Landgerichtsrath ernannt worden, Amtsrichter Marcus in Essen zum Amtsgerichtsrath. — Die „Hannoversche Post" in Han noü er^ frühem eines der ärgsten Antiselnitenblätter, hört mit Ende des Quartals zu erscheinen ans. — Herr Samuel Löwi ist zum Magistratsrath in Regens bürg gewählt worden. — In München ist der bekannsi Judenfeind Dr. G e orgRa tz i n g er .ein Grsinnungsgenosse desDr. Sigl am 4. d. M. gestorben. — In Bamberg ist aut 4. d. M. der königliche Reallehrer Dr. K u g e l m a u n im besten Mannesaltkr allgenlein betrauert gestorben. — Das Budget des israelitischen Kultus ist in der letzten französischen Kammersitznng mit 302 gegen 140 Stimmen unverändert angenoulmeu worden. Die Minorität.besteht größtentheils aus Radikalen und Sozialisten, die prinzipiell für die Trennung von Kirche und Staat sind. Das Budget beträgt 133.530 Francs für das Personal des israelitischen Kultus, 22 000 Francs für das Rabbinerseminar in Paris und 54000 Francs für den Ban von Synagogen und protestantischen Kirchen gemeinsam. — In Adrianopel hat Jacques Da non, der bekannte, auch im Ausland nicht unbekannte Advokat, den Meojidie-Orden erhalten.In Cincinnati ist im Alter von 76 Jahren Dr. M. Goldberzz, ein geborener Berliner, gestorben, der nach 1848 das erste chirurgische Colleg in den Vereinigten Staaten begründete. Sieben seiner Söhne gradnirten, unter ihn! und sind in Cincinnati, Cleveland, Philadelphia und Bnffalo als Aerzte ansässig. In den siebziger Jahren siedelte Dr. Goldberg nach Cincinnati über, uw er zumeist litterarisch thätig war. Me Medizin verdankt ihui eine ganze. Anzahl fachwiffenschaftlicher Werke. Aus Sauren qo M a r q n ez wird poch 15. Dezember genleldet: Rabbiner Dr. Hertz aus Johannesburg ist hiet'eingvtroffen, er wurde von den Transvaalbehörden attsgewjesen, da er ein Feind des Staates sei. sei ihm die Wahl gestellt worden, seine Aenßernngen über die Nichtgleichberechtignng der Jndan und Katholiken, dir er in einer Uitlander?- versannnlung in Wanderers Saal im letzten Juli gemacht hatte, znrückznziehen und sich bei der Regierung dieserhalb öffentlich zu entschuldigen; er verweigerte dies jedoch.—Der „Radikal" nrgirt den Abschluß dpr Enquete, hie der s r a n z ö s i s ch e Kriegsminister über eine Meldung angeordnet, daß Lieutenant Lapeyriere vorn 160. Jnfanteriereginlent in Tqul jungen Soldaten den Befuch. jüdischer Geschäftedevoten hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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