Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Ueberzengung von ihrer Tugend doch in mir erweckt. Entsetzt wich er zurück: „Gott der Gerechte, heißt ä Gewaltthätigkefl, Kindche, Kindche, Gott soll schützen und bewahren, was for üe Wüthigkeit steckt in Se, püh heißt ne Wüthigkeit." Da er mich aber, trotz meiner Unarten, liebte, machte ihm meine Wüthigkeit großen Kummer, und er beschloß, trotzdem er vor meinem Papa einen heillosen Respekt hatte, ihn auf meine unselige Eigenschaft aufmerksam zu machen. Als er am Mittwoch wiederkam und auf die sich stets gleichbleibende Erkundigung meines Papas: „Na, Alter, wie geht es?" seine gewöhnliche Antwort: „Wenn Se gütigst verßeihen, Herr Stadtrath, sehr gut!" gegeben hatte, drückte er sich nicht »vie sonst nach einer tiefen Verbeugung, schleunigst ins Kinderzimmer, sondern er blieb stehen und sah meinem Alten mit solch kummervollem Ausdruck in seinem ehrlichen Gesicht an, daß sich dieser zu der Frage veranlaßt sah: „Na Blaschker, was haben Sie noch auf dem Herzen?" „Wenn Se gütigst verßeihen, Herr Stadtrath," begann er zögernd, und man sah ihm an, daß er seine«» ganzen Muth zusammen»»»»!»»»», „Wenn Se gütigst verßeihen, ich »vollt mer nor erlauben, ßu lenken Ihre gütige Aufmerksamkeit auf unser Kindche, Gott soll ihn nor lassen leben und gesund sein, aber er hat, verßeiheir Se gütigst, Herr Stadtrath, ä sehr gewaltiges Naturellement, püh heißt ä Naturellement." Mit seiner Rede ivar aber auch sein Math zu Ende, und ehe ih»n »nein Papa eine Antivort geben oder um Aufklärung seiner etlvas dunklen Worte bitten konnte, war er, in dem erhebenden Bewußtsein, seiire Pflicht erfüllt zu haben, Verschivunden. Trotz seines Schreckeirs über mei»» ge»valtiges Natnrellement, hielt er es aber für seine heilige Pflicht, meine Moral zu verbessern, und ich »nußte seinen Nedestroin »veiter über mich ergehen lassen, bis ich durch Zufall, — de»n »vir ja noch andere große Etttdeckurlgen verdanken, — das Mittel fand, ihn zu»»» Schweigen zu bringe»». Als er mir eines Tages »nieder »»eine Vorfahren in leuchtender Reinheit vor Augen geführt und besonders ihr vieles Beten und in die Schul' gehen gerühint hatte, rief ich nngeduldig: „Aber lieber Blaschker, mit ivem soll ich tfcin» eigentlich in den Tempel gehen, mein Papa geht doch auch nur selten dahin." Da schivieg er, ich hatte einen »vnilden Punkt seines Herzens berührt. Trotz seiner Scheu vor »»einein Papa, liebte er ihr», — »vie Alle, die diesen unvergleichlichen Menschen kannten — daher machte ihm dessen „nischtige Religion," »vie er es nannte, herbei» Knmiuer, es war so z»» sagen der einzige Fleck an seiner Lichtgestalt. Von diesem Tage an verschonte er mich aber mit seinen moralischen Reden. So vergingen Jahre, ich ivar zu einem ganz stattlichen Kerlchen herangeivachsen, und »vas sich Blaschker »vohl nie hätte träuinen lassen, er erlebte sogar Freude an »nir, ja, als ich zu meiner Konfirmation meine Rede allein ausgearbeitet, und nicht, »vie üblich, »»»eine»»» Religionslehrer überlassen hatte, began»» er mich anderen Knaben als Muster Hinzustellei»: „Gott soll Euch nor lassen werden, wie er is unberufen geworden, und Er soll ihn mer behüten und bewahren bis hundert Jahr; ich sag Euch, es is ä Freud ihn anßiisehn, so ä gebenschter Jung', püh heißt ä Jung." Kurze Zeit darauf traf die Beivohuer Ostroivos ein schlverer Schlag, sie verloren ihren Rabbiner. Wohl nie sind heißere, inbrünstigere Gebete zu Gottes Thron emporgestiegen, als während seiner Krankheit; aber Gottes Wege sind unerforschlich, »lnser Seelenhirt wurde uns genominen. Er, der nur für Andere gelebt und gesorgt, der stets mit Hintansetzung seiner schlvachen körperlichen Kräfte für das Wohl seiner Kinder, — als solche betrachtete er seine Gemeinde, — gewirkt hatte, er zog in das Land ein, vor» den» es keine Wiederkehr giebt. Unendlich war der Jamrner der Verivaisten, es ist eine lange Zeit darüber hingega»»gen, aber nuvergessei» geblieben ist er »vohl Jede»»», der ihn einst gekannt; in meinem Herzen lebt die Erinnerung an ihn unverändert fort, und ich ehre sei»» Andenken, indeir» ich zu seinem Bilde aufblicke wie nur ein gläubiger Katholik zu seinen» Heilige». Uns traf sein Verlnst doppelt, wir hatten in ihin auch noch de»» Freund verloren, den treuen, feinfühlenden Freund, den Geistesverlvandten, der von der Höhe seiner Anschauungen aus, tolerant allen Meinungen Gerechtigkeit »viederfahren ließ, sta»»den sie auch iin schroffsten Gegensätze zu seinen eigenen. Doch ich bin »veit abgeschiveift voi» dem, »vas ich erzählen wollte, aber Alle, die Herrn Dr. F. gekannt haben, werden es verzeihlich finden. Ostrolvo hatte einen neuen Rabbiner, die Wittive »nußte »nit ihren Kindern das alte Heim verlassen und eine Mieths- »vohnung beziehen. Unser alter Blaschker machte sich große Sorgen, ob Frau Dr. F. auch soviel Vermöge»» geblieben sei, um mit Hilfe ihrer Pension standesgemäß leben zu können, ja, er überwand sogar »vieder seine Scheu vor meiiiem Papa und bat ih»» »>»»» Auskunft; „denn worum," sagte er, „ä Frau von so en Mann »»»uß man geben ä Besitz, daß se kann leben von de Rentens." Als ihm aber mein Papa entrüstet eine solch unzarte Indiskretion verlvies. versuchte er es auf eigene Fällst zu erfahren. Er hatte beschlossen, sich auf zarte Weise Einblick in die Verhältiiiffe von Frau Dr. F. zu verschaffen; „wie haißt", sagte er zu mir, „Gott soll »ner schütze»», ich »ver mer doch »»ich schuldig »»»achen ä Jndiskretposition »vie der Herr Papa »»»eint." Er gi»»g also hi»», und als ih»»» Frau Dr. F. in ihrer freundlichen, herablassenden Art, durch »velche sie selbst die verstocktesten Herzen gewann, die ne»»e Wohnung zeigte, koilnte er „seine zarte Weise" in Anwendung bringen. Er betrachtete sich die fünf Zimmer ganz gena»», sah darauf die Dame halb verschmitzt, halb wehinüthig von der Seite an und sagte: „Hören Se, sehr geehrte Fra»» Doktern, Se sollen mer leben »nid gesund sein, aber »vas nützt »»»er de schölle Wohnung, wenn Gott behüte der Beutel leer ist", und . als sie ihn lachend ob seiner Angst beruhigte, war er ungemein stolz auf sein diplomatisches Talent. Bald darauf starb er, mit ihm einer der ehrlichsten Menschen, die ich kannte; »vie alt er »var, wußte er selbst »licht, „»vie haißt Alter," pflegte er zu sagen. „Ivozu soll ich das »vissen, wenn »ner Gott will ßu sich rufen, ruft er mer ßu sich, ob ich bin ßehn, ob ich bin hundert Johr alt." Briefkasten -er Redaktion. H. in W. Eine Anstalt für schwachsinnige jüdische Kinder besteht in Mitteldentschland zwar zur Zeit noch nicht; doch ist eine solche im Entstehen begriffen und können schon jetzt Kinder mit abnorm geistiger Veranlagung Aufnahme finden, um unter fachmännischer Leitung unterrichtet und erzogen zu werden. E. M. in B.: Wir empfehlen Ihnen das Konversationslexikon voll Brockhalls. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.