Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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611 -Sache», Von den Nachbarn, von Geschäften. — Äts er sich anschickte, zu gehen, sagte sie: Du kommst doch wieder?" „Ja! Ganz gewiß werde ich wiederkommeu." „Du bist so gut, Deine Zeit mit mir zu verbringen, aber Deine Frau? Wird sie mcht eifersüchtig sein?" Er starrte sie verwundert an. „Eifersüchtig auf Dich?" sagte er. Sie nahm diese Bemrcküug in verächtlichem Sinne aus, ihre weißen Lippen zuckten krampfhaft, aber sie sagte nur: „Weiß sie, daß Du hierher gegangen bist?" Er zuckte die Achseln: „Was weiß ich, ich habe ihr nichts gesagt." „Dann sage es ihr." „Wie Du willst." Eine lange Pause folgte, dann sagte die Kranke: „Willst Du nicht Deine Frau mit t,erbringe»«? Dann wird sie sicher sein, daß Du.mich nicht mehr liebst." Es durchzuckte ihn als wenn er einen Messerstich erhalten hätte. — Nach einer kurzen Panse sagte er: „Ist dies Dein Ernst?" „Ich bin nicht aufgelegt zum Spaßen. — Bringe sie nur mit, sie wird sich nicht iveiger», eine arme Kranke zu besuche». Es ist eine Mizwah (eine gute Thai), die Kranken, zu besuchen! Es wird dem Unrecht, das sie gethan, zu Gute kommen." „Sie soll kommen!" Und sie kam. — Einen Augenblick blickte Sarah sie mit brennender Neugierde an, dann schloß sie ihre Auge», als ob sie von der Jtlgend und Frische der jungen Frau geblendet wäre. Herzels Iran näherte sich ihr schüchtern und unbeholfen, aber sie war wirklich hübsch: ein kräftiges, blühendes Landmädchen aus einem russischen Dorfe, ihre rosigen Wangen glühten von Gesundheit und vor Verlegenheit. Sarahs Herz war wie von tausend Dolchen durchbohrt, endlich fand sie Athen» zum Sprechen: . . „Gott segne Dich! Gott segne Dich! .... Frau Kretznow." Sie nahm die Hand der jungen Frau und drückte sie heftig: „Du bist sehr gut, ei» armes, krankes Geschöpf zu besuchen." „Mein Mann wünschte es so," sagte die junge Frau. „Du hattest Recht, ihm z,r gehorchen. Du mußt gut zu ihm sein, mein Kind; während dreier Jahre, die ich hilflos war, hat er mich gepflegt. — Er hat viel gelitten. — Du mußt gut-zu ihm sein." Mit tiefer, innerer Erregung zog sie den Kopf der junge» Frau an ihren Busen und küßte sie; dann mit einem Plötzlichen Angstschrei: „Geh' fort, heut!" — Sie zog die Decke über ihr Gesicht und schluchzte heftig; sie hörte wie das Paar sich langsam und zögernd entfernte: „O Gott!" jammerte sie, „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Jetzt laß mich sterben; um der heiligen Patriarchen willen, nimm mich jetzt zu Dir!" Ihr leidenschaftliches Jammer»», das durch die Betttücher halb gedämpft klang, wurde vollständig übertönt von dem herzzerreißenden Geschrei, das aus dem anstoßenden Gemach von der gelähmten Frau kam. die in fortwährender Furcht vor Gift ihr elendes Lebe» verbrachte. — Ein Schauder ergriff die junge Schwester Margarethe, sie hob ihre schönen thränenfeuchten Augen gen Hi»»n»el und betete: „O Gott, laß mich für sie sterben!" Originale aus dem Osten. Von H. Fr. v. Offen. . ' '; . 1 / .,' . D er alte Blaschker. b er wirklich so hieß, ich möchte es nicht beschwören, doch kannten wir ihn nur unter diesem Namen. Elmar ein uraltes, eisgraues Männlein, und wenn-ich auch weit in meine Jugendzeit zurück denke, ich kann ihn mir nicht anders als uralt vorstellen, trotzdem war er aber voll einer Rüstigkeit, die im schroffsten Gegensatz zu seinen Jahren stand. Er kannte jede Familie bis zu ihren Voreltern hinauf, und fühlte mit den Menschen, zu denen es ihn besonders hinzog, jedes Leid und jeden Schmerz. Eine geradezu lächerliche Vorliebe hatte er für „Titel" und förderte dabei die wunderbarstell Anreden zn Tage, leider sind mir die Meisten entfallen; ich erinnere nüch nur noch, daß er die Handarbeitslehrerill meiner Schwester, deren sehr jung verstorbener Mann an der jüdischen Gemeindeschule angestellt gewesen, stets „verehrte Frau Jüdische Gemeindeschullehrerswittwe" titnlirte. Bei uns war er so'eine Art Jnventarstück, jede Woche am Mittwoch kam er sich die im Laufe der letzten acht Tage, zerrissenen Sachen zu holen. Meine Mama, welche ungemein gern klagte, erzählte ihm die Entstehungsgeschichte jedes einzelnell Riffes, sein Gesicht verkörperte bann das reine Mitleid, nnb wehmüthig nickte er zu ihren Worten mit dem grauen Kopfe. Zu sagen getraute er sich nichts, so lange sie im Zimmer war, sobald sie aber ihren häuslichen Pflichtell nachging, nahm er mich vor, jede Woche wiederholte sich diese Geschichte. Er stellte sich vor mich hin, sah mich zornig an und begann: „Kindche, Kindche, was machen Se for Sachen, wie können Se sich einlasse mit so ne Jung' von de Stroß', was Se nor verführen tun zu dnmnle Streich, es passt sich gar nicht vor Se zil Chaverim zu nehmen so ne Plebber's, wo Se fein alls so ne feine Familie, püh, heißt 'ne Aristepokratie voll Vaters undMntters Seit'; aus'erm Herr Dr. F., er soll nur nor leben mtb gesund sein, haben mer in der ganzen Kille nischt mehr so ne Mischpocheh; Kindche, Kindche, wie fönneu Se sich nur eintaffe mit solche Leit." Nach dieser frellndlichen Anrede begann er lnir meinen Stammbaum vorzurechllen; wenn ich ihnr glauben konnte, so war Adanl mein leiblicher Verwandter und meine Vorfahren lauter Engel. Sie gingell, wie es das Gesetz vorschreibt, schon in frühester Jugend mit öeui Siddur in der Hand sittsam in die Schule, verbrachten ihre sollstige Zeit mit lehrreicherl Gesprächen und waren die ungetrübte Frellde ihrer Eltern. Da mich nlein Vater gelehrt hatte, das Alter zu ehren, wagte ich es nie, dem Greise zu widersprechen, sondern ließ seinen Redestrom über mein schuldiges Haupt dahiubrausen, meine Ahnen aber begann ich zu hassen. Kinder pflegen gemeinhin feine Engel zu sein, besonders ich hatte nicht die geringste Aehnlichkeit mit einem solchen, llnd eines Tages, Blaschker hatte seine Ermahnungen wieder in den verschiedensten Variationen zum Besten gegeben, riß mir endlich die Geduld, ich vergaß das Gebot meines Vaters, und mit geballten Fäusten trat ich auf den Alten zu: „Schwindeln Sie nicht so, Blaschker," ries ich wüthend, „ich sage Ihnen, meine Vorfahren haben als Kinder oft ihre Kleider zerrissen." Etwas Schlimmeres wagte ich ihnen nicht nachzusagen, so hatten seine Reden die