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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-22 · Heft 51 (22.12.1899) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 608 (sequence 8)
Language
German
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SS« SolcheDinge kamen vor dreißig Jahren laicht vor. Dmnals war der Neger Eigenthum. Sein Besitzer beschützte ihn, und die. weiße Bevölkerung verachtete ihn. Jetzt seit er das Stimmrecht besitzt, eventuell Postmeister iverden kann, haßt man ihn. Wie sollte nun der Jude von diesem Gesetze ausgenommen sein? Auch er ist etwas Verschiedenes. Er ist nicht mächtig gering, um der Verachtung zu entgehen, er ist zrr stark, um nicht gehaßt zu werden. klebe» dies wirken außer diesem pshcholo» gischen Prinzips noch zwei andere Gründe mit, um de» Juden zum Gegenstände des Hasses zu machen, das religiöse Elemeirt und die Tradition. (Schluß folgt.), Bie Kulturarbeit der Juden. „ Bon Fredy Lama. (c^vV/^nter allen Kulturvölkern der Erde ist vielleicht kein einziges so rveuig geivürdigt worden wie das jüdische. ^-A3 Trotz der allergrößten Verdienste nm die Menschheit ist den Inden nie volle Anerkennung ihrer Leistungen vergönnt gewesen. Die Welt ist zu sehr geivohnt, in dein Juden nnr den listigen Kaufmann, den genialen Geldmenschen, den klugen Spekulanten zu sehen, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß es kein Gebiet menschlicher Thätigkeit giebt, auf dem nicht irgend ein Angehöriger des vielgeschmähten Völkleins Großes geleistet hätte. Zu wenig bekannt sind die hehren und klangvollen Namen, die, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Politik oder Kunst, diesem Stamme angehörten oder ihm entstammten. Wahrlich, man könnte ganze Seiten voll schreiben, wollte man all die Männer nennen, denen die Mit- oder Nachwelt zu großem Danke verpflichtet war oder ist. Wenn sich auch, Gott sei Dank, die Zeiten ein wenig geändert haben und es den Bekennern der jüdischen Religion nicht so schwer gemacht wird wie ehedem, sich auszeichnen zu dürfen, so ist dennoch noch immer trotz der so fortgeschrittenen Kultur das Verhältnis; zwischen Leistung und Verdienst für den Inden kein solches, wie es eigentlich sein sollte. Diesen Satz werden gar viele jüdische Professoren und Künstler bestätigen können. Wer die jüdische Geschichte und Litteratur kennt, der wird wohl wissen, welche hervorragende Männer das Judenthnm stets hatte, die durch ihre Werke und Thaten nicht nur auf ihre engere Glaubensgenvffenschaft von großem Einfluß waren, sondern um die ganze Menschheit sich verdient machten. Und hätten all diese Männer nicht gelebt, und würde das jüdische Volk nur ein ans Handelsleuten bestehendes geblieben sein, so wäre der Umstand, daß die Inden der Welt den Monotheismus gaben, groß genug, nm das Jndenvolk zu einer Knlturnation ersten Ranges zu er- , heben. Mit dem Monotheismus haben die Jude»» wie Renan sagt „die Gerechtigkeit in die Welt gesetzt". Und verdankt nicht die ganze christliche Welt dem Judenthum ihren Stifter? Aber nicht nur, auf dein Gebiete der Religion haben die Inden sich Verdienste erworben. Als Menschen, die als Kauflente viele und weite Reisen durch die verschiedensten Lande machte«», brachten sie die Kultur ihrer Zeit mit sich. Es ist hier nicht der Ort, diesen Thalsachen eine erschöpfende Würdigung augedeihen zu lassen; aber Einiges von den Kultnrleistungen des jüdischen Volkes zu künden, dürfte von Interesse sein. Mit wenigen Worten will ich das für die Inden so traurige Mittelalter berühren, um zur Neuzeit, besonders zu unserem scheidenden Jahrhundert, überzugehen. Im Mittelalter, ist sehr viel Hervorragendes von den Nachkommen Abrahams geleistet worden, trotzdem diese finstere und rohe Zeit es ihnen unmöglich machte, ihre Talente und Fähigkeiten ganz entfalten zu können. Waren doch dis Juden in die engen Ghettos zusaminengepfercht, durften sie doch bei Todesstrafe dasselbe nicht verlassen. Welche Qualen und Foltern mußten sie erdulden? Wie hauste nicht die Inquisition.unter ihnen? Wer. zählt die vielen Tansende, welche den Scheiterhaufen bestiegen, oder irgend einen anderen Foltertod starben? Und in diesem Mittelalter haben die Inden große Männer hervorgebracht. Man schlage nnr eine jüdische Geschichte, deren Blätter zumeist mit Blut geschrieben sind, auf, und man wird Aerzte, Dichter, Philosophen, Politiker u. s. w. finden, die Zierden ihrer Zeit waren. Ist doch die Thatsache allbekannt, daß an den Höfen der Kaiser und Papste — und auch der jndenfeindlichen — die Leibärzte Inden wäre»«. Was haben nicht die Juden Spaniens alles geleistet? Wer weiß es, daß der erste spanische Roman wie das erste spanische Drama einen Inden zum Verfasser hat? Den Wenigsten ist es bekannt, daß das erste geometrische Lehrbuch in Europa von einem spanischen Juden geschrieben wnrde. Wahrlich, wohl Mancher dürfte staunen, wenn er hören wird, daß der erste Troubadour Spaniens ebenso ein Jude war wie der letzte ein solcher gewesen ist. Dieser letzte Troubadour Spaniens, dem das Volk zujnbelte, mußte das San benito anlegen als man erfuhr, daß er Jude sei. Derselbe König, der seinen großen Sänger vergötterte, ließ ihn dem Flammentod weihen, weil er dem Glauben seiner Ahnen nicht abschwören wollte. Aber nicht nur Dichter und Sänger, sondern auch hervorragende Naturforscher, Gelehrte, Mathematiker und Staatsmänner hatte Spanien an seinen Juden. Ohne die Gelder eines kastitianischen Juderi hätte sich Columbus nicht ausrüsten können. Der beorderte Aufseher der Colnmbns-Expedition Rodrigo Sanchez, der Schiffsarzt Jsabella und der Schiffsivuudarzt Marco waren Juden. Der erste Europäer der amerikanische»! Boden betrat, lvar der jüdische Dolmetscher am Schiffe. Von den jüdischen Dichtern jener Zeit dürfte der Name Jehuda Halevi der Allgemeinheit vertraut sein. Hat doch Heine ihn» in seinen Werken ein Denkmal gesetzt. Spanien hat aber sich selbst geschadet als es im Sommer des Jahres 1492 die Juden »nit Feuer und Schwert austrieb. Seit diesen Tagen hat die Herrlichkeit Spaniens stets abgenommen bis auf den heutigen Tag. Nicht ungestraft blieben die edlen Spanier. Ein Vergleich z»vischen der Großmachtstellung Spaniens im 14. Jahrhundert mit dein heutigen Zustande wird »vohl Jeden» zeigen, daß das judenreine Land des Stierkampfes heute an letzter Stelle rangirt. Die ihres Hab und G»»t von den edlen Granden beraubten und von der Heinmthsschotte verjagten Juden fanden znmeist in den freien Niederlanden Zuflucht. Auch hier zeichneten sie sich in Kunst und Wissenschaft aus. Ist doch einer der Denker aller Zeiten größten ein niederländischer Jude, Spinoza. In den anderen von Juden beivohnten Ländern Europas fanden leider bald hier, bald dort die Beispiele der spanischen Greuel Nachahinung. In eigenen Stadtvierteln wohnend, von der Außenwelt abgeschlossen, »var es nur sehr Wenigen von ihnen vergönnt, die außerhalb des Ghettos herrschenden Ideale und Richtungen genauer kennen zu lernen, weßhalb auch erst im 18. Jahrhundert, in welchem ein freierer Geist wehte, die Juden begannen, in die allgemeine Kultur einzutrete«. Hier ist vor Allem der große Pöpularphilosoph MoseS Mendelssohn zu nenne»!.

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