Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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6V7 Wer unter den zwei selbstgemachten Rabbinern gemeint ist, weiß ich nicht. Betreffs eines lanten Rufers im zionistischen Lager habe ich eine Vermuthung und in seinem Falle ist die Bezeichnung richtig, aber die selbstgemachten Rabbiner, d H. Leute welche weder die nöthige allgemeine noch die wünschenswerthe Fachbildung besitzen, fehlen im antizionistischen Lager auch nicht. Ja, so sehr es mich schmerzt, muß ich bekenne», daß es unter den Repräsentanten der amerikanischen Gemeinden, welche in Richmond, Virginia, im Dezember v. I. gegen den Zionismus proteftirten, manch Einen gegeben hat, der das Gewicht seiner Stimme nur seiner Briestasche verdailkt, von der er nicht einmal den Gebrauch macht, welcher ihm den Anspruch zur Führung des großen Wortes geben würde. Hingegen sind unter den zionistisch gesinnten Reform-Rabbinern Männer wie Gottheil, Felsenthal, Jastrvw, welche durch Alter, Gelehrsamkeit und Bedeutung ihrer Gemeinden Anspruch darauf haben, ernst genommen zu werden. Das Letztere läßt sich auch von manchen der orthodoxen Rabbiner sagen. Im Allgemeinen läßt sich der Zionismus der orthodoxen Rabbiner leichter begreifen. Sie glauben, daß, wenn ihnen erst ein Theil des orthodoxen Dogmas konzedirt werde, der Rest nach und nach auch zu erlangen sein werde. Schließlich will die so sehr an die Wand gedrückte orthodoxe Partei im amerikanischen Judenthum etwas gethan haben und wenn es nur ein wenig Geschrei wäre. Die liberalen Zionisten sind wieder von der Erfolglosigkeit ihrer Amalgamationsbestrebungen, von den, Utilitarismus der Resormjuden und der Apathie der jüngeren Generation, ganz besonders von dem Mangel an Achtung vor dem Rabbiner, was in Amerika so gut wie in Koblenz jum guten Tone gehört, so verbittert, daß sie sich rejudaisiren. Ihr Prinzip ist daffelbe, welches in England einen so großen Theil der Staatskirche zum Ritualismus drängt. Ihr Hauptargument ist das Folgende: Die Betonung des Universalismus in» Judenthum, die Ausmerzung aller nationalen Hoffnungen aus der Liturgie, das Abschaffen alles Typischen aus dem jüdischen Gottesdienste, des Tallith, des Kidnschbechers, des Schosars, der Kopfbedeckung, in manchen Gemeinden selbst der.Thorarolle, endlich die Assimilation an die gesellschaftlichen Formen und selbst Modethorheiten unserer Umgebung haben die erwartete Heilung nicht gebracht. Wir sind trotz und trotz alledem Juden geblieben. Bekennen wir uns dazu! . Nach dem, was ich in dieser Zeitung über den Zionismus geschrieben habe, brauche ich nicht zu wiederholen, daß ich ihn subjektiv für eine Illusion und objektiv für eine Utopie halte; aber ich betrachte es anderseits als meine Pflicht, den Gegner zu verstehen und ihm gerecht zu werden. Darum muß ich offen bekenne», daß unsere Zionisten Recht haben, wenn sie die Existenz des Antisemitismus behaupten, doch will ich gerne die Anschauung Ihres Gewährsmannes so weit acceptiren, daß ich zugeb.«, der amerckauische Antisemitismus sei von dem europäischen verschieden. Der . Amerikaner ist ebenso wie der Engländer zu sehr Realpolitiker, um den Antisemitismus in sein politisches Programm aufzunehmen, da er sehr wohl weiß, daß der Antisemitismus sich nur als Agitationsmittel, aber nicht als praktisches Ziel verwerthen läßt. Antisemitismus ist ohne Ausgabe der Religionsfreiheit praktisch nicht durchzuführen und daran denkt der Amerikaner »licht und kann bei den kirchlichen Verhältnissen des Landes, nicht denken. . ., Ferner sei zugegeben, daß der Amerikaner zu.sehr, Gentleman ist, um sich in pöbelhaften Dernousbrationen zu ergehen. etwa in solchen, wie ich neulich in einem Berichte über eine Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses gelesen habe, wo man sich damit amüsirte, „Hersch" zu rufen, als der Abgeordnete Dr. Hirsch den Ausdruck „es herrscht" gebraucht hatte-, von den fast alltäglichen Skandalen im österreichischen Reichsräth, in dem niederösterreichischen Landtag oder in dem Wiener Rathhause ganz zu schweigen. Der Amerikaner ist leidenschaftlich, in seiner Leidenschaft gewaltthätig, aber er hält streng auf parlamentarischen Anstand. Wenn aber der Antisemitismus statt in politischer Agitation in Gesinnung und im gesellschaftlichen Leben demonstrirt wird, steht der Amerikaner dem Europäer nicht nach, ja es will mir scheinen, er sei ihm darin „über". Wie könnte es auch anders sein? Der Antisemitismus beruht i» erster Linie auf der Abneigung gegen alles Fremdartige. Ist dieses Fremdartige mächtig, so fürchtet mau es, eventuell schmeichelt man ihn», andernfalls verachtet man es. Der Jude steht in dieser Hinsicht nicht allein. Professor Hugo Münstei^erg hat erst neulich in Harpers Monatsschrift ganz unumwunden ausgesprochen, daß der Amerikaner gegen den Deutschen eine Antipathie habe. Aber der Deutsche zählt etwa zehn Millionen amerikanische Bürger zu den Seinen. Man kann ihn nicht unterdrücken. Schwächere Nationalitäten bekommen diese Antipathie stärker zu fühlen. Bor kurzer Zeit wurden im Staate Louisiana einige Italiener gelyncht, denen man ein durchaus nicht bewiesenes Verbrechen vorwarf. Man komme ja nicht mit der Fabel von der moralischen Entrüstung! Auch Amerikaner begehen scheußliche Verbrechen, aber uian begnügt sich, sie dem Aruie der Gerechtigkeit zu überlieserrr. Dein „Dago" gegenüber, wie man den Italiener verächtlich nennt, ist die reguläre Gerechtigkeit keine genügende Sühne. Eine besonders eklatante Illustration dieser nationalen Antipathie ist folgender Fall. In den Eisenwerken zu Homestead unweit von Pittsburg hatten die Arbeiter 1892 gestreikt und eine besonders drohende Haltung eingenommen. Die Verwaltung ließ sich von einer New-Porker Agentur bewaffnete Detektives kommen und wie vorausznsehen war, kam es zu Provokationen und Blutvergießen. Darob ein Schrei der Entrüstung im ganzen Lande wegen der gedungenen Meuchelmörder, die man aus einem „fremden Staate" importiert habe. Im vorigen Jahre kam es zu einem Streik in den Kohlengruben von Pennsylvanien. Der Sheriff fwarb Hilfsmannschaften an und ließ auf die fliehenden Strecker schießen. Bor die Geschworenen gestellt, wurde er freigesprochen, denn die getödteten Arbeiter waren Slovaken oder wie die amerikanische Liebenswürdigkeit sie nennt, „Hunnen." Hinrichtung von Negern unter Torturen wie sie ein In diauer nicht teuflischer erfinden kann, sind im Süden der Vereinigten Staateil eine alltägliche Erscheinung. In einem Falle hat man einen» armen Teufel das Herz und die Leber aus dem Leibe gerissen, sie gebraten und unter die Umstehenden vertheilt. Dabei handelt es sich nicht immer um Verbrecher. Vor nicht langer Zeit hatte Herr Mac Kinleh in Rücksicht auf seine Wiederwahl den Muth, einen Neger zum Postminister zu ernennen. Der so Ausgezeichnete durfte sich seines Amtes nicht lailge erfreuen. Sein Haus wurde gestürmt, in Brand gesteckt und in dem Handgemenge wurde ein Säugling in den Annen seiner Mutter erschaffen. Die Geschworenen haben in diesen wie in alle» ähnlichen Fällen den Thatbestand »licht feststellen können; > es handelte sich ja nur um ein nigger-baby.