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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-22 · Heft 51 (22.12.1899) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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606 -- der Feigheit entkräften können, halte ich für nicht stichhaltig. Liegt denn den Herren soviel daran, fanatische Antisemiten von Vorurtheilen abzubringen? Meinen sie, daß sie das erreichen können, wenn sie ihre Gegner Hunderte Male abstechen? Uüd gilt denn überhaupt eine siegreiche Mensur als Beweis von Math? Jeder Eingeweihte weiß, daß auch ein Feigling eine Mensur mit Glanz bestehen kann. Und schließlich-, erkennt der K-C-Student dem Antisemiten, den er verachtet, Satisfaktionsfähigkeit zu? Hier hätte der K-C zeigen können, daß er vernünftiger, besser als die andern Verbindungen ist. Er hätte von vornherein diese Kinderei von sich abweisen müssen, hätte mehr Werth auf das Turnen und den Sport legen müssen, meinethalben auch das Fechten beibehalten können, aber nur zum Zwecke der Stählung des Körpers. 'Und auch sonst könnte imK-CManches anders sein. FolgendesGeschichtchen, daß sich vor nicht langer Zeit in einer der ^-^-Verbindungen zutrug, zeigt, daß das Selbstbewußtsein der Herren doch nicht so stärk ist wie es sein sollte. In der betreffenden Stadt fuhr keine Korporation in Couleur Rad, obwohl die doch sonst als Vorbild dienenden Offiziere sich nicht scheuten, in Uniform zu radeln. Da fteüteu einige Mitglieder der jüdischen Verbindung den Antrag, dieselbe solle doch mit dem Radeln in Couleur den Anfang machen. Aber der Antrag fiel durch, denn, obwohl die Mehrzahl das Radeln in Couleur für sehr wünschenswerth hielt, wandte sie ein: „Wenn wir damit anfangen, dann werden die Anderen es nicht nachmachen, und so würden wir Schuld fein, wenn hier das Radeln in Couleur nicht Eingang fände." Und so geschaht. Zuerst machten die Korps den Anfang, ihnen folgten die Burschenschaften u. s. f., bis dann endlich die betr. jüdische Verbindung, ihre gesellschaftliche Stellung unter den Anderer: selbst kennzeichnend, als eine der Letzten damit begann. Und noch einer: anderen Fall: In einer K-C-Verbindung (vielleicht auch noch in anderen?) ist ein Vortrag über Zionismus nicht gestattet, obwohl eine Anzahl der Mitglieder Zionisten sind. Man will durch dieses Verbot der: Ausbruch vor: Streitigkeiten verhindern. Wie man sich auch zun: Zionismus stelle:: mag, jedenfalls sollte in einem Studentenverein, der da fingt: „Wer die Wahrheit kermet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht", eine derartige Maulkorbvorschrift nicht existiren, die mit Gewalt die Erörterung eir:er aktuellen jüdischen Frage abschneideu soll. Dennoch aber will ich mit Vergnügen bekennen, daß der K-C sonst viel Gutes geleistet hat; wenn er aber diese Mängel abstreist, wird sein Wirkungskreis ein noch größerer fein, Dagegen kann ich von der „Vereinigung jüdischer Studirender", die in Berlin, Leipzig und neuerdings auch in Breslau besteht, nur Rühmenswerthes mittheilen; sie pflegt wahrhaft jüdisches Leben und jüdischen Geist. Möge sie allen Anderen ein Vorbild sein. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß ich in einer jüdischen Verbindung rveder aktiv war noch bin und daher wohl am unbefangensten die Lage beurtheilen kann. Ich schließe meine Betrachtungen und konstatire, daß es noch immer recht schlimm steht mit den: jüdischen Studentenlebeiiv daß es höchste Zeit ist für Eltern und Erzieher, einmal ihr Augenmerk etwas schärfer hierher zu richten, daß aber zu unserer Freude sich die letzten Jahre für unser Judenthum gebessert haben. Die Ansicht dringt immer mehr durch, daß die jüdische Jugend in diesen Verbindungen am besten aufgehoben ist und nur diese für Erhaltung und Förderung des Judenthums Gewähr bieten. Antisemitismus in Amerika. Von Prof. Dr. G. D e u 1 f ch. (^E^eituuaeu sind die wichtigste zeitgenössische Geschichtsquelle. Darum ist es eine Pflicht für der: Freund geschichtlicher Wahrheit, dafür zu sorgen, daß verschiedene Anschauungen in der Presse zu Worte kommen. Dieselbe:: werden selbstverständlich subjektive Färbung zeigen, aber so lange sie nur ehrliche Meinungsäußerungen sind, wird der Geschichtsforscherspäterer Zeit sein Urtheil zu fällen wissen. Als eine solche publizistische Pflicht erscheint mir die Stellungnahme zu Ihrer editoriellen Bemerkung in der Nummer von: 18. August, daß es in Amerika keinen Antisemitismus gebe. Sie stützen sich dabei auf das Urtheil „eines der angesehensten Männer Amerikas". Es fällt mir nicht in: Entferntesten ein, die Autorität Ihres anonymen Gewährsmannes herabzusetzen. Ich fühle mich mit demselben in seinem Urtheile über den Zionismus in Amerika sogar gestnnungsverwandt. Der Zionismus in Amerika ist in der That, wie Ihr Gewährsrnann sagt, das Bekenntniß russischer, galizischer und rumänischer Einwanderer, welche die Zukunft des Judenthums durch die schwarze Brille ihrer heimathlichen Erfahrungen ansehen und - darin steckt der große Haken — in dem freien Lande finden, daß auch hier die Stellung des Juden durchaus keine ideale ist. Anderseits thut Ihr Gewährsmann den amerikanischen Zionisten Unrecht, wenn er sagt: „Zwei junge, selbstgemachte Rabbiner und zwei Titularprofessoren haben sich, Niemand weiß warum, diesen angeschlossen und lassen sich den Spott des ganzen amerikanischen Judenthums gefallen." Lasser: Sie rnich darauf erwidern, daß ich den Wert der Ansicht eines Mannes nicht nach seinen: Titel, noch nach seiner äußerer: Lebensstellung bernesse. Niernand wird wohl ernstlich behaupten wollen, daß Professor Lazarus als Geheirnrath ein berufenerer Vertreter des Judenthums geworden sei als er es frühewar oder daß der ordentliche Professor Lazarus, von der Berner- Universität berechtigter war, für das Judenthun: das Mort zu ergreifen als der Honorarprofessor Lazarus von der Berliner- Universität. Trotzdem ser zur Steuer der Wahrheit hier angeführt, daß die zwei Titularprofessoren nur Richard Gottheit und C. Levias sein können. Der Erstere ist Professor der orientalischen Sprachen an der Columbia-University in New-Iork, eine der angesehenste!: Hochschulen des Landes. Daß er als Professor der orientalischen Sprachen nicht ällzuviele Hörer hat, will ich ohne Weiteres zugeben, obwohl ich darüber keine statistischen Daten besitze. Albrecht Weber und Abert Socin haben auch nicht vor gefüllten Lehrsälen gelesen. In dieser Beziehung dürften die Trostesworte, die der Talmud einem Prediger giebt, welcher sich überfein kleines Auditorium kränkt, am Platze sein. Ein Verkäuser von Nähnadeln wird immer mehr Kunden haben als ein Verkäufer von Juwelen. Levias ist Lehrer am Hebrew Union-College. Da in Amerika die meisten Hochschulen aus privaten Mitteln erhalte!: werden und gerade die staatlichen Hochschulen nicht den besten Ruf genießen, so ist wahrlich nicht einzusehen, warum ein Mann, der an einer angesehene:: rabbinischen Hochschule lehrt, meht Titularprofessor sein sollte als Jenmnd, der irgendwo an einer Universität etwa angelsächsische Formenlehre dozirt. Der Eirrwand von den Titularprofessoreu wird den Zionisten nicht schaden.

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