Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
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SOS der Beförderung von Vieh und Geflügel durch sehr ins Einzelne gehende Vorschriften entgegen zu treten, wurde durchweg in der Versammlung hervorgehoben, daß es nicht räthlich erscheine, hierauf einzugehen, weil der Schutz der Thirre, soweit er berechtigt ist, bereits durch die Vorschriften des Strafgesetzbuches gewährleistet sei und die detaillirten Bestimmungen der Vorlage über die Art der Beförderung des Viehes nur eine Quelle vielfacher polizeilicher Belästigungen werden würden. Demgemäß wurde beschlossen: Es wird bezüglich des Schächtverbots dasjenige Votum der Kommisfionangenonnnen, welches empfiehlt, die Sache auf sich beruhen zu laffen. * Die traurigsten Nachrichten kommen aus allen Theilen Rumäniens über das neue Vorgehen der Regierung gegen di« jüdischen Schulen. Bekanntlich hatten die jüdischen Gemeinden, als die jüdischen Kinder von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen wurden, nach Kräften eigene Schulen eingerichtet, die seit einiger Zeit größtentheils sehr gut sunktioniren. Nun hat die rumänische Regierung einen neuen Streich gegen die Juden geführt, indem sie eine Anzahl dieser jüdischen Schulen geschlossen hat unter dem Vorwände, daß sie nur sünf Tage geöffnet sind, während die Regierungsverfügung vorschreibt, daß Elementarschulen sechs Tage geöffnet sein müssen. Freilich sind die jüdischen Schulen ain Sabbath und Sonntag nicht offen, allein in der verbleibenden Zeit erreichen sie dasselbe Pensum wie die Regierungsschulen in vollen sechs Tagen. Da nun am Sonntag die Schulen nicht offen gehalten werden dürfen nach staatlicher Vorschrift, so haben sich die jüdischen Autoritäten auf Rath der Rabbiner entschlossen, am Sabbath unterrichten zu laffen, und zwar in den speziell jüdischen Gegenständen. Mit diesem Auswege ist nun wieder die Regierung nicht zufrieden, dieselbe verlangt vielmehr, daß am Sabbath genau wie an allen Wochentagen unterrichtet werden soll. Der Zweck dieser Chikanen ist klar, die armen Juden sollen vor die Wahl gestellt werden, entweder das Religionsgesetz zu übertreten und ihre Kinder am Sabbath schreiben zu lassen, oder auf die schnlgemäße Ausbildung ihrer Kinder völlig verzichten zu müssen. Wahrlich, die Wahl ist schwer, und dieser Gewissenszwang erinnert an die Zeiten des finstersten Mittelalters. Wie lange noch darf die rumänische Regierung Europa herausfordern durch diese ständigen Verletzungen der durch alle Großmächte auf dem Berliner Kongreß gewährleisteten Rechte der Juden? Auch die Politiker des Westens thun diesmal nicht voll ihre Schuldigkeit; ivarum weisen sie in der Tagespresse nicht wieder und immer wieder auf diesen täglich sich erneuernden Verfasiungsbruch hin? Die rumänischen Juden sind der Verzweiflung nahe, und der kommende Frühling wird sicher eine Massenemigration zeitigen. * Durch das Erdbeben in Anatolien sind, wie wir bereits mitgetheilt haben, namentlich die dortigen Juden grausam heimgesucht worden. Sobald die „Allianz" von der.Katastrophe Kenntniß erhalten hatte, schichte sie Herrn Arie, den Direktor der Schicke von Smyrna, in die Orte mit dem Aufträge, daselbst die dringendste»« Hilfsmittel zu vertheile»». Die Katastrophe brach herein während der zweiten Nacht des Laubhüttenfestes. Der Erdstoß hat 20 Sekunden gedauert. In diesen» kurzen Zeitpunkt ivurde Aidin zerstört. Unsere Glaubensgenossen waren an» Meisten heimgesucht. Ihr Viertel ist in Schutt verwandelt. Alle kampirten im Freien, der Hitze des Tages und dem Frost der Nächte ausgesetzt. Mehr denn 200 israelitischer Familien sind heute in.einer vollkommenen Hilflosigkeit. Es fehlt an allen», selbst an einein Stück Brod. Die Ge»neinde hat ihr Mögliches gethan, unr das Unglück zu mildern, aber sie »vird sich bald außer Stande befinden zu verhinder»», daß jene armen Leute Hungers sterben. Die Mädchenschule ist nicht mehr vvrha»»de»», ganz in sich z»lsa>ninengebrochen. Die Knabenschule ist gleichfalls zerstört. Die Regierung hat zwanzig Zelte »»nd 100 Leibbrode vertheilen lassen. Das ist alles, was sie bis jetzt gethan hat. Die Zahl der den Israeliten angehörenden Häuser beläuft sich auf 125; von diesen sind 54 gänzlich zerstört. 56 stark beschädigt u»»d nicht wieder herstellbar. 12 Juden wurden getödtet und 2 verwundet. * Dem Reisebrief eines Korrespondent«»» des „Berliner Tageblatt" aus Marokko entnehmen »vir folgende intereffante Details über die in letzter Zeit so arg heimgesuchten und unglücklichen Juden voll Marrakesch: „Die Zahl der Juden mag etwa 10 000 betragen. Es ist dies ein in vielfacher Beziehung äußerst interessantes Völkchen, das zweifellos den brauchbarsten, tüchtigsten und fleißigsten Theil der Bevölkerung Marokkos darstellt. So sehr auch der fanatische Maure den Juden haßt und verachtet, entbehren kann er ihn doch nicht, denn ohne die Juden gäbe es überhaupt weder Handel noch leistungsfähige Gewerbe in Marokko. Es ist gewiß nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß die maurischen Inden die althebräischen Traditionen am reinsten und strengsten erhalten haben. Besonders ernst »vird die Sabbathfeier genommen, die von Freitag Abend bis Sonnabend Abend dauert. Alle Geschäfte sind dann geschlossen, und jede Erwerbsthätigkeit ruht vollständig. Gegessen wird ansschließlich die Dasina, eine schon am Freitag gebackene und schwer verdauliche Pastete, deren Bestandtheile Weizeugries, Eier. Fleisch, Bohnen, Oel »nd Piment bilden. So lange man nicht religiösen Gebeten und Gesängen obliegt, sitzt man den ganzen Tag über i» dem mit zahlreichen Stühlen ansgestattete» Putzzimmer und erwartet hier die Besuche seiner Freunde und Bekannten, oder stattet selbst solche ab. Die Frauen trage» dabei in grellbunten Seidengewänder», überreichen Goldstickereien und kostbarem Schnnick ein Vermögen zur Schau. Die guten Eigenschaften des jüdischen Volkes sind in Marokko besonders ausgeprägt, namentlich Familiensinn und gegenseitiges Zusannnengehörigkeitsgefühl. Mit den Fehlern verhält es sich freilich ebenso." Von besonderem Interesse »st die Mittheilung, die derselbe Korrespondent über die Thätigkeit der englischen Mission in Marrakesch macht: „Ein angesehener deutscher Kanfman» aus Mogador (Jude) erkrankte Hierselbst schiver an Dyssenterie nnd wurde zunächst von zwei Landsleuten sorgsan» gepflegt. Als Letztere, aber ihre Abreise Nicht länger mehr hinansschieben konnten, ließe»» sie den Kranken in die englische Mission schaffen. Hier aber hielt man demselben zunächst eine Bibel vor mit dem Bemerke»», daß seine Ausnahme nur dann stattfinden könne, wenn er sich zun» Christenthnm bekehre. Der Bedauernsiverthe ließ sich daraufhin ins Mellach znriicktragen und genas hier miter der sorgsamen Pflege »naurischer Jude»». Aehnliche Beispiele könnte ich »»och mehrfach ansühren. Aus der» obigen aber »vird Jedermann selbst zur Genüge beurtheilen können, wie es mit der »christlichen Nächstenliebe" der englischen Missionare in Marokko beschaffen ist."