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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-22 · Heft 51 (22.12.1899) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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602 Zickzack, ja, sie scheint sich sogar stellenweise zu beugen. Gerade das letzte Viertel unseres Jahrhunderts ist eine solche Zeit, in welcher sich die'.Spirale der Entwickelung mit außerordentlicher Wucht beugte; aber sie beugt sich eben nur, um Noch höher zu steigen. Der Antisemitismus, die letzte große Hauptströmung des zu Ende gehenden Jahrhunderts, ist eine Bewegung, welche vor allem aus ökonomischen und wirthschastlichen Gründen zu erklären ist. Sie wurde durch die Eindrücke der sog. Gründerzeit und durch den konservativen Umschwung seit 1879 gefördert, und sie erstreckte sich bis auf die Forderung der Ausschließung der Juden von allen öffentlichen Stellungen, ja, noch viel' weiter; in manchen Ländern nahm sie geradezu eiüen mittelalterlichen Charakter an. Die Fabel vom jüdischen Blutritual tauchte wieder auf, und die Prozesse von Skurtz, Krakau, Tisza- Eslar, Xanten, Polna sind schwarze Punkte in der Geschichte des Jahrhunderts. Noch ist es nicht an der Zeit, eine Geschichte dieser Bewegung zu schreiben, von der Manche behaupten, daß sie im Rückgänge sei, während Andere dagegen der Meinung sind, daß sie desto tiefer sich in die Herzen emgenistet habe, je weniger sie ihren agitatorischen Charakter hervorkehre. Aber Diese wie Jene vermögen das Ende der Bewegung nicht vorauszusehen. Mit Besorgniß blicken wir in die Zukunft, wohl wissend, daß es lange Zeit dauern wird, bis das Mißtrauen, das man mm schon seit Jahrzehnten künstlich ausgestreut hat, beseitigt und der Kampf zu Ende sein wird. Aber die endliche Entscheidung kann nicht zweifelhaft sein. Es wäre vergeblich, einen Blick in die Zukunft zu werfen, die dicht verschleiert vor uns liegt; aber es wäre auch mehr als thöricht, wenn wir uns Illusionen hingeben wollten. Auch das neue Jahrhundert, ja vielleicht gerade dieses, wird für uns ein Zeitalter des Kampfes sein. Täuschen wir uns nicht! Es handelt sich jetzt nicht um den Uebergang von einem Jahrhundert irr das andere, wie sonst immer, sondern wir leben in einer Zeit, in der der Bruch mit einer Weltanschauung,, die seit Jahrtausenden fest begründet war, sich mit innerer Naturnothwendigkeit vollzieht. In dieser Periode des Kampfes zweier Weltanschauungen hat das Judenthum Stellung zu nehmen zu den großen Fragen, die das neue Jahrhundert bewegen und ausfüllen werden. Seine Aufgabe ist noch nichtjvollendet. Es wird sich für deren Lösung in dem neuen Jahrhundert die entsprechende Gestaltung erst noch zu schaffen haben. Innerhalb der großen Extreme, mit denen das scheidende Jahrhundert abgeht, muß es die Kraft der freien und naturgemäßen Entwickelung sich bewahren. Dann kann es allen Angriffen und Gefahren gerüstet gegenüber treten. Wenn wir mit dem klassischen Dichter fragen: „Wo öffnet sich dem Frieden — wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? — Das Jahrhundert ist inr Sturm geschieden — und das neue öffnet stch. mit Mord" — so können wir uns auch mit demselben Dichter die Antwort auf die bange Frage der Zeit geben: „In des Herzens heilig stille Räume — Mußt Du fliehen aus des Lebens Drang". Unser Vertrauen auf den „Herrn der Zeiten" ist uuerschüttert und unerschütterlich, und eben so fest steht , unsere Zuversicht auf die Zukunft des Judenthums und auf dessen Lebenskraft, mit der es allen Gestaltungen, die seinem Boden entsprießen, seinen Geist aufprägen und in diesem den Geist der eigenen Vergangenheit mit dem Lebensgeist der Menschheit zu einem harmonischen.Ganzen.. vereinigen werde. Vre Woche. Berlin, 20. Dezember. atürlich hat es sich Herr Liebermann von Sonnenberg auch in der letzten Reichstags sitzung nicht entgehen lassen, die Juden anzugreifen. Es ist allerdings schwer zu verstehen, wie die Buren mrd die jüdischen Namen in die Berathung des Reichsetats kommen — aber ein Antisemit bringt eben alles spielend fertig. Die Entdeckung, daß der Kampf gegen die Buren mit dem Gelbe des „jüdischen Großkapitals" geführt werde, ist ebenso neu wie zutreffend. Nicht weniger zutreffend waren die Bemerkungen über die Namensänderungen. Der Ministerialerlaß, deffen Wortlaut übrigens noch nicht bekanrrt ist, urrd der eine Namensänderung gestattet „bei Namen, die anstößig klingen oder zu unangemessenen Spöttereien Anlaß geben", geht den Antisemiten sehr gegeü den Strich. Aber der „Witz", daß der Regierungspräsident, der eine solche Namensänderung gestattet, eigentlich „Schmuhl von Schmuhlstein" heißen müßte, wurde nicht einmal bei den Gesinnungsgenossen des Redners mehr belacht. Und das will viel sagen. * Nun hat die Agitation gegen das Schächten auf ihrer langen und beschwerlichen Reise durch die Bundesstaaten auch Mecklenburg erreicht — und selbst da ist sie gründlich abgefallen. An den Entivurf einer Verordnung über verschiedene Maßregeln zum Schutz der Thiere knüpfte sich in der Sitzung des Landtags vom 8. d. M. in Schwerin eine lebhafte Debatte über die Frage, ob sich die Einführung des Schächtverbots empfehle. Die Regierung hat sich dabei auf Grund übereinstimmender Erachten der Medizinalkommissiou und des Oberthierarztes in Bezug auf ein derartiges Verbot ablehnend verhalten. Ein Theil der Kommission dagegen — welchem sich in der Plenarverhandlung Graf von Bernstorff-Beseritz und Graf von Schwerin-Mildenitz anschlossen — empfahl das Schächtverbot in Rücksicht darauf, daß der Halsschnitt einen „qualvolle«: Tod" für die Schlachtthiere bedinge und daß das dein Halsschnitt vorausgehende Niederwerfen der Thiere fast immer nur unter Anwendung von „Roheiten und Grausamkeiten" ausführbar sei. Dem gegenüber wurde von anderer Seite, namentlich vom General der Infanterie Bronsart von Schellendorf, auf Groß- und Klein-Tessin, dem früheren preußischen Kriegsminister, betont, daß der Halsschnitt ein durchaus rationelles Verfahren sei, weil das Schlachtthier durch denselben in sicherer, schneller und möglichst schmerzloser Weise getödtet werde und sich außerdem nur so eine vollständige Ausblutung des Fleisches, welches für die Haltbarkeit und Genußfähigkeit desselben von hohem Werthe sei, erzielen lasse. Wenn beim Niederwerfen des Thieres Thierquälereien dann und wann vielleicht Vorkommen, so liege das an der Ungeschicklichkeit des Schlächters; daraus aber einen Einwand gegen den Halsschnitt entnehmen zu wollen, sei um so weniger zulässig, als Ungeschicklichkeiten und Roheiten auch bei anderen Schlacht- Methoden vorkämen. Die von anderer Seite angeführte Thatsache, daß der Halsschnitt in Sachsen und der Schweiz gesetzlich verboten sei, beweise nur, ivie leicht es sei, die öffentliche Meinung, namentlich wenn sie durch antisemitische und sonstige ursächliche Gründe beeinflußt werde/irre zu führen. In allen Militär-Konservenfabriken sei der Halsschnitt seit Jahren eingeführt und habe sich durchaus bewährt. Anlangend den Vorschlag der Regierungsvorlage, den etwaigen Thierquälereien bei

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