Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 600 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir rechtmäßige Kinder geboren hat; von mir, die Dir nie ein L?id zugefügt hat Ich spreche nicht von dem Beth-Tckr, denn in diesem gottlosen Lande befolgt man nicht die Geseke, und von den englischen Beth-Din würdest Du es unmöglich «den, den Get zu erlangen, obgleich Du mich nicht in diesem Lande geheirathet hast, noch nach den Gesetzen dieses Landes. Ich spreche von unseren eigenen Rabbonim. Du weißt sehr wohl, daß nicht einmal der Ma id Dir Get geben würde blos deshalb, weil ich bettlägerig bin. Und das ist es, Has Dubefürchtest." „Aber wenn Du wolltest," sagte er hastig, ohne den höhnischen Ausdruck ihres Gesichtes zu bemerken. *■ Seine Bereitwilligkeit, das Opfer von ihr anzunehmen, wirkte wie Salz auf ihre Wunden. . „Du verdienst, in der tiefsten Hölle zu brennen," schrie sie voll wilder Leidenschaft. „Der Allmächtige ist barmherziger als Du," antwortete irr, „er hat es verordnet, daß es nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, und doch meiden mich die Leute, sie verleumden mich — und sie — sie wird vielleicht eines Tages gezwungen sein, mich wieder der Einsamkeit zu überlassen." Seine Stimme zitterte vor tiefer, innerer Erregung: „Du, Du hast Freunde hier, die Wärterinnen, die Besucher — ich habe nichts. Es ist wahr. Du hast mir Kinder geboren, aber sie sind dahingewelkt, wie unter einem Fluch. Mein einziger Sohn ist über das Meer gegangen; er hat keine Liebe weder für Dich noch für mich." Die Erinnerung an ihren gemeinsamen Kummer hatte sie weicher gestimmt. „Geh'," stüsterte sie, „geh'! Und schicke mir den Get. Gehe zum Maggid, er kannte meinen Großvater, er wird wissen, wie die Sache gemacht werden muß. Sage es ihn,, daß es men, Wunsch ist." „Gott wird Dich belohnen, wie kann ich Dir genug danken!" „Was kann ich sonst für Dich thnn, mein Herzel; ich, die ich gezwungen bin. das Brot des Fremdlings zu essen. Das Sprichwort sagt wahr genug: Wenn man einen Bettler anbettelt, dann nmß der liebe Gott lachen." „Ich will Dir den Get sobald als möglich schicken." „Du hast Recht, ich bin Dir ein Dorn im Auge, ziehe ihn sobald wie möglich heraus." „Du wirst Dich doch nicht weigern, den Get anzunehmen, wenn er Dir zugestellt wird?" fragte er mit banger Stimme. „Ist es nicht die Pflicht des Weibes, sich dem Manne unterzuordnen?" erwiderte sie mit bitterer Ironie. — „Nein, fürchte nichts. Du wirst keine Schwierigkeiten haben, nur den Get auShändigen zu lassen; ich werde ihn nicht dem Boten ins Gesicht werfen . . . und wirst Du sie wirklich heirathen?" „Ganz gewiß! Ich werde den Leuten nicht ferner.Gelegenheit geben znm Klatschen, und sie »nutz bei mir bleiben. Dgs ist mein einziger Wunsch." „Und auch der meinige; Du mußt Deine strafbare Liebe sühnen und Deine Seele retten." Er zögerte noch immer, zu gehen: „Und Deine Mitgift," sagte er endlich, „wirst Du keine Ansprüche darauf machen?"- „Beruhige Dich; ich weiß kaum, wo mein KesUbah (Trauschein) ist; wozu brauche ich Geld, Du hast ganz Recht, ich habe alles, waS mir nöthig ist. — Ich brauche nicht einmal ein'e Grabstätte zu kaufen, ich liege schon seit Jahren iN einer Fr«lstelle— di« Bitterkeit ist vorüber." Er z tterte vor Bewegung. „Du bist sehr, sehr gut zu mir," sagte er — „lebe wohl!" — Er beugte sich über sie; sie zog die Bettdecke mit fiebernder ^Hast über ihr Gesicht: „Nein — küsse mich nicht/' „Lebe wohl denn," stammelte er, „möge der Herr Dir's lohnen." Er schlich fort . . . „Herzel!" sie hatte ihr Gesicht mit einem verzweifelteil Schrei entblößt. Er näherte sich ihr schwerfälligen Schrittes, fürchtend, daß sie ihren Entschluß geändert haben könnte. — „Schicke es mir nicht, bringe es selbst, ich möchte es nur ans Deiner Hand nehmen." „Ich werde es Dir bringen," sagte er niit gebrochener Stimme. (Schlich folgt.) Litterarische Wittherlungen. ---- Mit herzlicher Genugtuung begrübe»: wir das Erscheinen eines Werkes, das für die Lehrer, besonders die ins Amt tretenden, ein treuer Berather und Führer zn werden verspricht. Unter der Mitwirkung erfahrener Schulmänner geben die Herren Dr. Spanier und Flanter einen in zlvangloseu Heften erscheinenden „Wegweiser für den jüdischen Religionsunterricht" heraus. Die Herausgeber verdienen schon für den Muth, auf biefem noch völlig unbestellten Acker die erste»: Furche»: zu ziehe»», die ganze Anerkennung der jüdische»: Lehrerschaft. I»» de»» erste»» beiden Heften, die bereits das Licht der Oeffentlichkeit erblickt haben, wird eine Anzahl von Arbeiten dargeboten, die, wenn auch nach Art und Werth verschiede»:, alle die Verlebendigung u»»d Anschaulichmachung der zi: lehrenden religiösen Wahrheiten znm Ziele habe»». Si»»d in: erste»: Heft »»icht alle Lehrprobe»» von »nustergiltiger Beschaffenheit. so brauchen die Ausarbeitungen des zweite»: Heftes die fachn»än»»ische Kritik, will sie »»icht splitterrichterlich zu Werke gehen, nicht z»r scheue»:. Professor Tachcms Einführung h: die jüdische Geschichte mit ihrer straffen Disposition, die — im Bau allerdings etwas losen — Unterredungen Müllers über das 5. Gebot, die interessa»:te Betrachtung Kutt»:ers über der: fystenratischen Religionsunterricht wie Auerbachs tt: die Tiefe gehende Behandlung des 15. Psalms — alle diese Arbeiten biete»: so viel Material, so viel Gelegenheit zur Verknüpfung verwandter Gedanken, so viel Anlaß zu»»: Ueberlegen. Vergleichen und Selbstprüfen. daß das Goethe'sche Wort: „Wer Vieles bringt, wird Zedern Etwas bringen" sich auch hier bewahrheite»» »vird. Der erfahrene Lehrer wird schon für die Lieferung von Rohstoff zum unterrichtlichen Aufbau dankbar sein, der jüngere dageger», der der methodischen Führung bedarf, dürfte auf katechetisch bearbeitete Lehrprober» mehr Werth legen. Einen Wunsch aber möchte ich allen Bearbeitern recht warm ans Herz legen, nämlich: Midrasch und Talrnud »:ach Kräfte»: für die Zwecke des Unterrichts auszubeuter» u»»d deren Gehalt an köstlichen Erzählungen und Sittensprüchen pädagogisch nutzbar zu machen. Bei der Behandlung des 5. Gebots würde ich die Geschichte vor: der zarten Rücksicht des Sohnes gegen seinen Vater Kiduschin 31a nur ungern vermissen. Müller ließ es au solchen Hinweise»: nicht fehlen. Aber einfach in einer Klammer auf den betreffenden Text Hinweisen, heißt doch etwas zr» viel voraussetzen. Das Fehlen eines Talmudexemplars und der Fähigkeit, es zu handhaben, wird ein Nachschlager: oft genug nicht gestatten. Also nicht das kurze: Siehe Raschi zur Stelle, sondern die Anführung irr: Wortlaut »vird sich da eurpfehlen. Das sind aber nur Kleinigkeiten, die de»: Werth des Ganzen kaum schmäler»: könne:». Wir erwarten vielmehr, daß der „Wegweiser" zu eirrer fördersamere»: Geftalturrg des Religionsunterrichts an seinem Theile beitragen werde, und sehen daher der Fortsetzung des Werkes mit Span»:nng entgegen. Bernhard Traubeyberg. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.