Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
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. „Ich kann mit das schon erlauben, ich habe ja keine Töchter sondern nur Jungen." entschuldigte neulich eine noch junge Frau ihre s e h r elegante Wohnungseinrichtung mir gegenüber. Sehr bezeichnend, nicht wahr? bezeichnend sogar für die eigene „Frauenwürde" dieser Frau. Und was gleicht sonst im Leben dem Jubel, mit welchem unsere Söhne beim Eintritt in die Welt empfangen werden? So ungerechtfertigt sich nun ja sehr oft später diese Gefühlsäußerungen auch erweisen möge», vorhanden find sie nun einmal, schmeichelhaft für uns find sie keineswegs, und unser „Selbstgefühl" zu heben, sind sie auch nicht geeignet. Und da sollten unsere Frauen, unsere Töchter nicht ihr ganzes Wollen und Können entsetzen, um diese traurigen Zustände zu ändern, oder vielmehr, um sie ändern zu helfen? In erster Reihe hierzu berufen sind allerdings die Mütter, in deren Hände einzig und allein die Erziehung der Töchter gegeben ist, und wenn der Mensch im Allgemeinen ein Prodlikt seiner Erziehung ist, so ist dies die Frau noch ganz im Besonderen, und jede Mutter sollte sich so viel als möglich bemühen, den Zug der Zeit verstehen zu lernen; jede Mutter sollte wissen, daß sie ihrem Heranwachsenden Töchterchen nie früh genug das „oberste Gebot" der zeitgemäßen Erziehung einpräge» kann. Und dieses oberste Gebot heißt Pflicht und Arbeit. Pflicht und Arbeit, die sichersten Fundamente des Menschenglückes, denn aus ihnen wird jedes edle, sittliche - Streben geboren, können unseren Töchtern nie zu früh als die höchsten Lebenswonne, i dargestellt werden, durch sie müssen sie verstehen lernen alles Gute und Erhabene; als ihre treuen Gefährtinnen sollen sie das Elternhaus bewohne», und an ihrer starken Hand sollen sie es verlassen, um gleich dem Sohne, dem Bruder, einen geeigneten Beruf, ein zusagendes Gewerbe zu erlernen. Das letztere sollte unter allen Umständen nicht nur bei unbemittelten, sondern auch von besser situirten Eltern aus geschehen, denn nur auf diese Weise können unsere Töchter sich eine Zukunft sichern, eine Zukunft, die sie unabhängig vom Manne auf eigene, feste Füße stellt, eine Zukunft, wie sie im vorangefchrittenen Amerika bereits Gegenwart ist, und in der es um töchterreiche Familien zum mindesten ebenso gut bestellt ist als um die mit Söhnen begnadeten. Und weil unseren Töchtern noch so viele Erwerbsquellen, die dem Manne offen, verschlossen sind, und manche für Jene geeigneter als für Diesen ist, dürfen wir der Frauenbewegung nicht fern bleiben, denn sie ist es, die bereits sehr vieles Gute für nnS geschaffen, sie ist es, die ferner Wandel schaffen und uns endlich als' gleichwerthigen, gleichgeachteten, dein Manne in nichts nachstehenden Gliedern der menschlichen Gesellschaft, zum Ziele verhelfen wird. Aber auch dem Mann wird diese bessere Zukunft der Frau glückbringend sein, er wird, wenn er ihren wahren Werth eingesehen hat, wenn er erst weiß, welch gediegenes „Kennen und Können" ihr innewohnt, nicht ausschließlich mehr bei der Wahl einer Lebensgefährtin nach Gut und Geld streben, es werden auch bei uns Juden weit mehr und weit glücklichere Ehen geschlossen werden, denn nicht ausschließlich wird ferner der Mann der Ernährer der Familie sein, sondern Mann und Frau werden sich auch hierin ergänzen. Und weil diese Zukunft vielleicht näher ist, als wir glauben, müssen auch wir Jüdinnen Steine zur Vollendung des Baues derselben tragen helfen. Zum Schluffe möchte ich einer oder der anderen töchterreichen Dame eine sehr tröstliche persönlich« Erfahrung, welche ich übrigens auch vielfältig anderweitig zu machen'Gelegenheit hatte, mittheilem nätttlich diese: Durch gutewohlerzogeneTöchter werden »ins häufiger Söhne zügeftthrt als wir durch die besten Söhne Töchter erhalten, oder r Hat Dir das Schicksal »ur Töchter gegeben. So werden Dir fehlen nicht Söhne im Leben, Doch hast Dninur Söhne, so ist dies schon schlimmer. Denn Tochter wird Dir des Sohns Frau nicht immer. E. G. UILLETO Eifernde Liebe. Eine Erzählung von I. Zangwill. HI. fas bittere Lächeln der nnglücklichen Frau wurde weicher, aber nach einem Augenblick schrecklicher als zuvor: „Und deshalb hast Dir mich glücklich gemacht?" „Sarah! Bestrafe mich nicht inehr, als ich verdiene. — Ich glaubte nicht, daß die Leute so grausam sein würden. Dir Alles zu erzählen." „Deine eigenen Lippen haben es mir gestanden." „Nein! Neill! Ich schwöre es bei meiner Seele," rief er voll Verzweiflung. „Deine Augen haben Dich verrathen." „Das habe ich befürchtet," sagte er. — „Da sie zuerst zu mir kam, wagte ich nicht. Dich zu sehen. — Das war die Ursache, daß ich weggeblieben bin, obgleich es stets mein innigster Wuilsch war. Dich zu sehen, Sarah, mein Leben! — Ich war bange. Dir in die Augen zu sehen. — Ich wußte, Du würdest mein Geheimniß in beit meinen lesen; deshalb ivar mirbange. Glaube mir, Sarah!" „Bange! Bange!" wiederholte sie mit Bitterkeit. „Bange, ich würde sie Dir auskratzen! Nein! Es sind gute, liebe Augen; haben sie nicht in mein Herz geblickt? Zwanzig Jahre lang sind sie das Licht meines Lebens gewesen. Deine Augen und die meinen! Haben sie nicht unsere Kinder sterben sehen?" Krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Stimme vollständig. „Und sie," fuhr sie nach einerkurzen Pause fort, „hat sie Dich nicht aufgefordert, Get zu verschaffen?" „Nein, sie war gewillt, ohne Get mit mir zu leben. — Sarah, ich bitte Dich, steh' mich nicht so au; es ist der Wille Gottes. Es war um Deinetwillen, Sarah, daß sie nicht mein rechtmäßiges Weib geworden ist, sie wollte Dir diesen Schmerz ersparen." „Jawohl! Ihr habt Beide sehr zartfühlende Herzen. — Sie ist eine Mutter in Israel, und Du bist der wahre Sohn unseres Vater Abraham." „Glaubst Du denn nicht, was ich Dir sage?" »Ich brauche Dir nicht zu glauben und kann trotzdem eine Jüdin bleiben." — Die bittere Ironie wurde jetzt wilde Leidenschaft. — „Ach was!?" schrie sie heftig, „wir dreschen leeres Stroh. Glaubst Du, daß ich das Gesetz nicht kenne? Ich, die-Enkelin von Rabbi Schlome — das Andenken deS Gerechten sei gesegnet — glaubst Du, daß ich nicht weiß, daß Du keine Scheidung von mir erlangen könntest? Von mir, die