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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-15 · Heft 50 (15.12.1899) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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der Juden in Rußland hören, von der Zahl und den Orten ihrer Ansiedelung und von ihrer Beschäftigung. Besonders wichtig schien es ihm zu erfahren, ob es auch in Rußland jüdische Landwirthe gäbe. -fr Ich gab ihm eine allgemeine Auskunft, da die Zeit keine ausführlichen Antworten znließ. „Die. russischen Juden sind also auch Handwerker und Arbeiter!" resumirte er meine Ausführungen. Als ich von den ackerbaueudeu Juden sprach, mußte ich natürlich ihre rechtliche Stellung berühren, über die sich wenig Erfreuliches sagen läßt. Ein Schatten von Kummer legte sich auf sein Gesicht und verrietst ein inneres Mitgefühl. Die Erzählung von den Leiden von Millionen Juden, ließen in ihm gewiß die Erinnerung des jüdischen Märtyrers aufquellen, desien Sache er mit Hingebung vertrat. „Ich '^kann nicht sagen, daß ich in dieser „Sache" ausschließlich für die Juden ins Feld zog, da die Sache ebenso Christen wieIüberhauPt die Gesellschaft trifft; doch habe ich nie vergeffen, welche große Bedeutung diese Angelegenheit für die Juden haben müsse. Es traf sich gerade so, daß der Unschuldig« ein Jude war. Sie begreifen, daß ich stets ans Seiten der Verfolgten und gegen die Verfolger bin .... und daß ich innig wünsche, jede Verfolgung von der Erde ausgerottet zu sehen!" fügte er mit traurigem Lächeln hinzu. Der Eindruck von den«, was ich ihm erzählte, prägte sich offenbar seinem Gedächtniß ein. „Sprechen Sie Ihren Glaubensbrüdern meine tiefe Sympathie aus!" sagte er herzlich als ich mich zum Gehe»» anschickte. Bis ins Entree mich hinausbegleitend, versicherte er mir, daß jeder Ausdruck der Theilnahme für die Vertheidiger der Gerechtigkeit ihn lebhaft rühre. Er dankte mir für meinen Besuch und für alles, was ich ihm zur Aufklärung über die russischen Juden mitgetheilt habe. 'fr- „In Ihrer Person drücke ich auch Ihren Glaubensgenossen die Hand und danke Ihnen für Ihre Theilnahme!" sagte er, mir kräftig die Hand schüttelnd. Noch etwas über die Frauenfrage. rfchrecken Sie nicht, meine lieben itleserinnen dieses upff geschätzten Blattes, es ist keine „Frauenrechtlerin" mit radikalen Ansichten und Forderungen, keine Emanzipationslüsterne, aber auch feilte verbitterte alte Jungfer oder gar iöchterreiche Mutter, welche infolge zerstörter Illusionen oder getäuschter Hoffnungen sich für obige Frage erwärmte, sondern eine einfache Frau aus dem Volke, welche einige Worte über diese unstreitig für alle Frauen wichtige Bewegung an Sie richten möchte. Es ist nur sehr bedauerlich, daß nicht nur nicht alle, sondern sogar der wenigste Theil der Frauen es «ittsehen, daß die Frauenfrage immer mehr und mehr sich zu einer „Lebensfrage" für das ganze Geschlecht auswächst, und daß es so langer, langer Zeit bedarf, bis hier „die Nacht aus den Thälern weicht", — denn nicht nur aus den Reihen der Männer stammen die vielen Proteste und Verneinungen, nein, aus unserer eigenen Mitte kommen Gegenströmungen in Hülle und Fülle. Und — um nun gleich den Zweck dieser Zeilen därzuthun — wie ist^s damit bei unseren Glaubensgenosfinnen bestellt? Haben sie, ihrer an» geborenen Intelligenz zufolge, die zeitgemäße Nvthweiidigkeit dieser Bewegung besser und früher begriffen und verstanden als ihre anderen deutschen und internationalen Mitbürgerinnen, und haben sie oder nehmen sie thätigen Antheil daran? — Keineswegs. Wie,und wo ich mich auch umsehe in meinem Bekanntenkreise, wo ich auch beobachte und soudire, in Stadt und Land, bei Arm und Reich, Vornehin und Gering, überall herrscht dieselbe Stimmung: ivelche mit flau und lau, ja meistens mit dem hebräischen Verneinungswort lob zu bezeichnen ist, denn mit vereinzelten Ausnahmen ist gar keine Stimmung, sondern leider nur die größtmöglichste Gleichgiltigkeit, ja Ablehnung hierfür vorhanden. Deshalb warte ich lange schon, aber immer vergeblich, auf irgendwelche Propaganda hier in der „Allg. Ztg. d. Jdth.", ich erinnere mich auch, daß die Frage einmal von Seiten eines Mannes hier angeregt wurde, welcher fein Befremden aussprach, daß das Gedemüthigtiverden der Jüdinnen als^solcher, im Besonderen, nicht das bessere Verständnis; für die gedemüthigte Lage der Frauen im Allgemeinen hervorrief und schon darum ein lebhafteres Interesse für die Bewegung erwecken müßte. Doch „viel Erfolg" hatte jene Anregung leider nicht; ob wohl die meinige einen größeren wird aufzuweisen haben? Der Wunsch ist auch.bei mir.der Vater der Hoffnung, und vielleicht besinnt sich jetzt doch eine hochgesinnte Frau, um ein gewichtigeres, „eindringlicheres" Wort für die Sache zu sprechen. Warum? werden Sie, meine'Damen, fragen, oder vielmehr wozu der langen Rede kurzer Sinn? Wir haben es nun bereits gehört, wir kennen die moderne Frauenbewegung so gut wie Sie, haben aber nicht Lust, uns in derselben hervorznthun, und daß ein einseitiges Interesse etwas nützen kann, werden Sie doch selbst nicht glauben? Doch, meine Damen, doch, ich glaube, ich glaube z. B., daß. wenn einmal bei irgend Jemand, für irgend „etwas" ein Interesse erwacht ist, dasselbe auch niemals unfruchtbar sein wird. Treten Sie einmal ein in Ihrem Bekannten- oder Freundeskreise für das einfach angeborene menschliche Recht der Frau, mit dem Manu in den Wettbewerb für den Kampf um das Dasein eintreteu zu dürfen, ob Sie nicht manche Seele entflammen, ob nicht, hier und da ein Körnchen solcher Saat aus ergiebigen Boden fällt? Versuchen Sie es einmal! Schon mit dem Verständnißerwecken für dieses unser „ureigenstes Recht" wäre diel gewonnen. . Oder sind wir jüdischen Frauen vielleicht so gestellt, daß wir um gleiches Erwerbsrecht mit dem Manne gär nicht zu ringen brauchen? Hängt es nur von dem mehr oder weniger „Wollen" oder Nichtwollen linserer Töchter ab, um in den „einzig richtigen Berus" der Frau, Gattin und Mutter zu werden, eintreten zu können, wem; ihre Zeit dafür gekommen? Hierauf wird es innerhalb des deutschen Judenthums nur /eine Antwort geben, und diese wird lauten: Nein, sie weniger als jede andere Frau der ganzen Welt. Und wie beneidenswerth das Loos eines alternden Mädchens, innerhalb ihres Familienkreises oder gar bei Verwandten geduldet zu werden, ist, das weiß wohl Jedermann. Ja, es ist nicht zu trübe gemalt, wenn ich behaupte, dieses unglückliche Mädchenloos beginnt schon bei der Geburt, denn wer hat noch nicht davon gehört, wer hat sie nicht gesehen, die größtentheils empörende Geringschätzung, Verstimmung Und Niedergeschlagenheit der Familie, wenn eine Tochter geboren wird? Wie oft ist die »schwerste Stunde" einer werdenden Mutter mit der bangen Sorge belastet: Wird es^wiederfrein Mädchen sein?^

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