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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-15 · Heft 50 (15.12.1899) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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bemerken Gelegenheit hatte, ist es — gelindegesagt — ein Kunstgriff, dessen sich alle Blätter und Blättchen gleichen Kalibers, hier »ne in den Provinzen, mit Vorliebe bedienen, um die giftige Saat des Haffes und der Verachtung gegen die ganze israelitische Glaubellsgenossenschaft, der sie, wie viel«christliche Seelsorgerund Schriftsteller uiiunnvnuden anerkannt, als der Nährmutter ihrer Religion zu ewigem Danke verpflichtet wären/ um gegen diese jene böse Saat immer von Neuem anszustreuen und damit dem höchsten Gebot derselben: „Allgemeine Nächstenliebe" in eklatantestem Matze Hohn zn sprechen. Aber nicht genug damit, daß sie wirklich begangeneMssethaten einzelner Juden Allen zur Schuld anrechnen (während Tausende derJhrigrn das Schlimmste verfehlen können, ohne daß eine gleiche Verallgemeinerung vorgenommen würde), werden ihnen auch beständig böse Eigenschaften und Thaten, die sie gar nicht an sich haben oder verüben, die vielmehr — wie das oben angeführte Beispiel unverkennbar illustrirt — ihre Gegner in höchster Potenz besitzen und begehen, angedichtet und, wenn auch tausendfach widerlegt, immer von Neuem auss Tapet gebracht, wofür die nichtswürdige, längst all absurdum geführte „Blutlüge" der hervorragendste aber bei weitem nicht einzige Beleg ist. Lüge und Verläumdnng, lediglich hervorgerufen vo»(Spr. Sal.14, 30: dein nagende» Beinfratz) Neid und Mißgunst sind ja die beliebtesten, schneidigen Waffen, die sie, ihrem löblichen (!) Vorbilde Haman getrenlich nachfolgend, unablässig schwingen, so daß eine gewaltige Rüstkammer falscher Anklage» nnd Verhetzungs- Mittel damit zusammengeschmiedet wird. Scheinbar können sie nun zwar für ihre Geueralisiruiig den Talmud selbst als Gewährsmann anrnfen, welcher sagt: „Alle Israeliten sind Bürger für einander"; aber, abgesehen davon, daß dies doch jedenfalls nur für wirkliche Verfehlungen, nicht willkürlich angesonnene, gelten kann und andererseits der Talmud, wie bei den in Rede stehenden beiden Sentenzen, so auch überhaupt keine Autorität für sie ist, kann dieser Ausspruch doch nichts als eine Mahnung für jeden Israeliten sein, durch sein sittliches Verhalten nicht Wasser ans die Mühle der Hasser seines Volkes zu tragen (keinen „Chittul Haschern", Herabwürdigung Gottes, wie sie es nennen, zu verursachen), nicht aber eine aktuelle Bürgschaft Aller für Einen zu statuire», was eine total unerfüllbare Verpflichtung, also ungerecht sein würde. — Von welchem Gesichtspunkte aus immerhin betrachtet, ist also die Praxis und Taktik der Antisemiten eine ebenso unlogische wie böswillige, und da, wie das Sprichwort sagt, nur „Recht besteht, Unrecht vergeht", so trägt sie den Keim des Zusammenbruches in sich selbst, der über kurz oder lang erfolgen muß. Anzeichen dafür geben sich schon jetzt aller Orten kund. Sei Emile Zola. Deutsch von M. Bessmertnh. russisch-jüdischer Publizist besuchte vor kurzer Zeit JQfr. Emile Zola und erzählt darüber: Gerade um 11 Uhr Morgens erschien ich an dem Hause Nr. 21 bis der Rue de Bruxelles. Es dauerte ein paar Minuten, bis die Thür geöffnet wurde, und ich benutzte diese Zeit, um mir einen Eindruck zu verschaffen von dem allgemeinen Charakter der Straße, welche der große Romancier zu seinem Wohnsitz erwählt hat. Wein» die Straßen von Paris, wie die aller Großstädte, in Mistokratische, bürgerliche und Fabrikstraßen getheilt werdeii, 's« würde ich die Rue de Bruxelles eine bürgerliche nennen. Das Auge begegnet hier zwar nicht der nackte»' ArittUth, wie fie in den Proletariervterteln entgegentritt, doch vermißt es den Stempel der Behaglichkeit und Vornehmheit, welch« die Villen der Geburts- und Finanzelite tragen. Die vieletagigen Häuser sind ganz im hergebrachten Pariser Typus. Neben Fleisch- und Köloniattäden sind Manusakturmaga ne fürkleine Käufer, und durch die Schaufenster sieht man dort kleine Beamte, Näherinnen und sonst kleinbürgerliche Persönlichkeiten stehen. Di« Leute gehen hastig und scheinen zielbewutzt ihre Kraft verwenden zu wollen. Die Parterrefenster haben fast fllle kleine Jalousien, als wollten die Bewohner keine Zeugen ihres Lebenskampfes dulden. Und inmitten dieser geschäftigen Welt hat der hervorragend begabte Mann in einem mäßig großen, zweistöckigen Hause sein Heim aufgeschlagen, von wo aus er seine Beobachtungen mit erbarmungsloser Treue und Eindringlichkeit anstellt. /' Die große Eichenthür öffnete sich, ein Stubenmädchen führte mich ins Empfangszimmer und trug ineine Visitenkarte nach oben. Das Vorhaus sowohl als das Empfangszimmer erinnern an ein Museum, wo Gemälde, Statuen, Basreliefs und Kupferstiche alle Wände und Winkel ausfüllen. Alte Kunstwerke wechseln mit Erzeugnissen der letzten Kunstrichtung ab. Anch das Billardzimmer, i» das ich bald darauf gebeten wurde, enthält unzählige Büsten, Porträts und noch mannigfache Kunstgegenstände. Meine Aufmerksamkeit wurde besonders ans eine Bronzestatue des Hausherrn hingelenkt, die wenig Aehnlichkeit mit den vom Original verbreiteten Photographien äufmeist. Hier ist Zola noch der junge, rüstige Mann mit den» traurig-ernsten Blick, während der Autor be§ „J’aecuse“ jetzt schon alt aussieht, sein Gesicht Falten zeigt und sein Bart gebleicht ist. Hinter der Thür ließ sich ein Hüsteln vernehmen, Und ich stand von meinem Sitz auf. Zola begrüßte mich trocken und gemessen. „Ich bin augenblicklich zur Beantwortung von Fragen nicht aufgelegt!" sagte er gerade heraus, mich zum Sitzen einladend, lind sich selbst in einen Sessel niederlafsend. Ich beruhigte ihn durch folgende Erklärung: „Nicht Fragen führen mich zu Ihnen, sondern der Wunsch, Ihnen zu sagen, mit welch gespanntem Interesse die russischen Juden den Gang der „Sache" verfolgen." „Oh, dann bitte ich um Verzeihung!" — und sein Gesicht nahm plötzlich einen weicheren Ausdruck an. — „Ich las auf Ihrer Karte das Wort .-Korrespondent" und glaubte. Sie wollten mich ausfragen. Kommen Sie jedoch nicht in der Rolle eines Jnterwievers..." — er begleitete diese Worte mit einer Geste, die mich zum Reden aufforderte. Ich erzählte ihm von dem allgemein beobachteten Wachsen der Theilnahme für die Dreyfus-Sache, und sein Gesicht er» hellte sich, seine Augen leuchteten, als er hörte, daß die jüdische Volksmasse in RußkaM^ trotz ihrer Lebensdrangsale, eine so große Sympathie für den unschuldig Verurtheilten und eine so warme Liebe für seinen Vertheidiger hege. - Unsere Unterhaltung änderte allmälig ihren Charakter. -Zola interviewte mich und »licht ich ihn! Er stellte eine Frage nach der anderen, rückte seinen Fauteuil näher zu mir heran und lehnte sich bequem zurück. Er wollte von der Stellung

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