Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-12-15 · Heft 50 (15.12.1899) · p. Seite 596

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228362--56003-3292261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■ $96 Die heiligen Bücher dieser „Rasse" sind Grundlage und Voraussetzung des neuen ' Testamentes. Nach »»»ehr: Alis, ,^er jüdischen,,Rasse" ist, unser Herr und Heiland hervorgegangen, j dieser „Rasse" gehört die hochgebenedeite Mutter an. aus dieser | „Rasse" waren die hl. Apostel, die ersteil Christen. Bekenher und Märtyrer — ein Petrus und Paulus —. Diese „Rasse" war im Mittelalter einzige Trägerin einer höheren Kultur ans dem naturwissenschaftlichen Gebiete, und die Vertreibung dieser „Rasse" hat den rapiden Kulturrückgang in einem Weltreiche, in dem hie Sonne nicht unterging, zur Folge gehabt. . . .. Habt Ihr denn all dem ganz ch r i st l i ch e n Nationalitätenhader nicht genug, wollt Ihr noch einen Nassenkrieg? Wahrlich! Das fehlt noch in unserem lieben Oesterreich." Der Anklage, daß der Jude nicht arbeite, nur die Frucht von dem, lvas sich der Christ im Schweiße seines Angesichtes erworben hat, verzehren wolle und die bei ihm bediensteten Arbeiter allsbeute, begegnet er also: „Wenn man nach dein Vorgänge der Sozialisten nur Das Arbeit nennt, was der Mensch mittelst seiner körperlichen Kräfte — mit Hand und Fuß — vollbringt, dann ist die Einrede t h e i l w e i s e richtig. Wenn man aber die Thätigkeit mit dem Kopfe, mit der Feder auch als Thätigkeit gelten läßt, dann zerfällt sie in nichts. In der That ist aber das auch Arbeit, und zwar weit schwierigere und anstrengendere als mit Schaufel, Hacke und Sense. Ich wenigstens will lieber drei Stunden hindurch mähen als eine Stunde schriftstellern. Oder sind denn wirklich alle Lehrer. Professoren. Notare, Advokaten, Kaufleute u.s. w. pure Faulenzer, weil sie nicht mit Rechen, Gabel, Zacken, Pikel, Haue und Hacke arbeiten? Mit Kops und Feder arbeitet aber auch der Jude, und zwar mehr als Euch lieb ist, zumal Ihr sie ja ans der Journalistik hiuansdrängen möchtet. Wenn der Jude die Frucht christlicher Arbeit verzehrt, so ist das Sache des Verkäufers; denn umsonst kriegt ja der Jude Eure Früchfe nicht. Steht es denn nicht bei Euch, die Früchte Eurer Arbeit an den Inden zu geben, wer zlvingt Euch dazu? Volenti non fit injuria, d. h. selber thun, selber haben, selber aufgelegt, selber tragen." . . „Der Sozialistenchef Lassalle beklagt sich weit mehr über die Härte der christlichen Arbeitgeber und Kapitalisteü als wie über die der jüdischen. Dasselbe sagte seiner Zeit Bebel. Städtische Komiuunen geben den Arbeitern 70—90 Kreuzer per Tag, hochmögende christliche Edelleute 30—40Kreuzer, während mein sehr geschätzter jüdischer Freund und Nachbar den Arbeitern auch zur Winterszeit täglich 1 fl. und darüber verabreicht und deren Kindern noch überdies die Freude einer Christbescheerung bereitet hat. Dasselbe weiß ich von Anderen, indem ich beifüge, daß in deren Diensten manche Dienstboten und Arbeiter Jahrzehnte hindurch geblieben sind. Hört doch endlich auf; die Großmuth christlicher Kapitalisten im Gegensätze zum Judenthum prahlend herauszustreichen." Auf die Bemerkung, man sei betrogen, wem» und so oft man mit einem Juden geschäftlich zu thun habe, replizirte er: „Ich kann die Erfahrungen Anderer nicht benrtheilen, man müßte ja deren Behauptungen erst aus. die, Wahrheit prüfey, zumal geschrieben steht: Omnis homo ifieftdax. Was aber meine eigenen Erfahrungen betrifft, so beweisen sie das pnre Gegentheil obiger Anklage. Ich habe die Juden in meinem vielfachen Geschäftsverkehr als durchwegs rechtlich, geivissenhaft und pünktlich, ja mitunter sogar nobel kennen gelernt. — Als ich am 19. März 1857 in Augsburg das Papiergeld — die Zettelen -r- I meiner. Schwester und der * Übrigen AuKwaMwrer zur Auswechslung übernommen', wandte ich mich zuerst an einen christ- ■ sicher» Geldwechsler. Der verlangte jedoch eine so hohe Pro-! Vision, daß ich gern absuhr, wogegen der hierauf augegangene jüdische Bankier fast garnichts begehrte. „Das sind ja lauter . arme Leute," sagte er, „die ihr weniges Geld nothwendig brauchen, da muß man schon Rücksicht haben." Dagegen bin ich von christlichen Geschäftsleuten, namentlich auch von den lieben Bauern — Vutpes in nundinis — unzähligrmal au* geschmiert und ttbervortheilt worden. Soweit ich unsere geriebeneil Anstauber kenne, gehören sie sammt und sonders der Christenheit an und thun in ihrem Genre, was kreuzmöglich ist. . . . Und auf diesen unbefangenen gemüthlichen Ton ist die ganze Broschüre, wie auch ihre Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen, gestimmt. Schöpf ist verbittert in die Grube gefahren, denn die Nachricht von den Schandthateu in Holleschau, Wsetin u. s. w. ist bis zu seinem Krankenlager gedrungen. Ehre seinem Andenken! Friede seiner Asche! Gin Kunstgriff. Bo» Dr. M. Stern. wei sich gegenseitig ergänzende Sentenzen haben unsere alten Weisen aufgestellt, die, so einfach sie scheinen, doch ein«»» tiefen Sinn berge»» und, wenn sie die gebührende Beachtung fänden, das moralische Verhalten der Menschen sehr fördern würden. Die eine lautet: „Kein Mensch sieht seine eigenen Fehler," sozusagen der Revers der von Sokrates zu seinem Wahlspruch erhobene»» Aufschrift ain Tempel zu Delphi: „Erkenne dieh selbst," und die andere: „Wirf deinem Nächsten einen Fehler nicht vor, den du selbst an dir hast." Beide zu sainmengehalteu »vollen jedenfalls sagen: „Bevor du irgend Etivas au einem Anderen rügen willst, frage dich immer erst, ob dir dasselbe nicht ebenso oder wohl gar in noch höherem Grade eigen ist; das »vird dir den doppelten Vortheil einträgen, daß btt einerseits über Jenen milder urtheilest, andererseits zu der von dein »veiseste»» Hellenen so warm e»npfohlene»t Selbst» erkenntniß gelangest und den dir anhaftenden, vielleicht schliM- »nen Makel ablegest. Gesetzt den Fall, du benierktest an deinem Freunde die Neigung, über Andere üble Nachrede zu halten und wiesest ihn deshalb zurecht, so lege dir nur selbst ernstlich die Frage vor, ob Du nicht gar oft das Gleiche thuest und, so du das, »vie Du »vahrscheinlich (unsere Alten zählen dies sogar zu den Sünden, deren sich die Menschen im Allgemeinen mehr oder »veniger alltäglich schuldig machen) bejahen mußt, so r»»he nicht eher als bis du diese schlimme Gewohnheit von dir abgethan." Auf diese Reflexion brachte inich die ztveite Notiz in der Rubrik „Die Woche" in Nr. 45 d. Bl., »vo von der Art der „Krenz-Zeitung" die Rede, den Juden fatnnlt und sonders die Malice zu insinuirei»: Unsitten Einzelner der Gesammtheit Derer, zu denen sie gehören, auf Rechnung zu schreiben. Wie dort treffend dazu bemerkt wird, rnalt das „fromme" Blatt damit durchaus nicht das Konterfei des Jude»»thums, sondern vielmehr das des ihm gesinnungsverivandten Antisemitismus ganz natilrgetreü. Dieses Quid pro quo kommt aber hier nicht etwa vereinzelt vor, sondern, wie ich seit Jahrzehnten stets zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.