Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die städtische Armenkommission eigentlichdieVerpflichtung habe, für die jüdischen Armeil ebenso zu sorgen wie für die christlichen. Demi die Stadt Berlin erhält Abgaben lind Steuern von ihren jüdischen Bewohnern, ebenso wie von den christlichen und ist daher verpflichtet, für die Armen aller Konfessionen gleichmäßig zu sorgen. Sie hat sich auch niemals dieser Verpflichtung entzogen, aber die Juden waren selbst daran Schuld, daß die städtische Armenpflege weniger in Anspruch genommen wurde als die städtische Armenkommissioli. Die Stadt hat strengere Grundsätze als die jüdische Armen,- kommission bei Bewilligurig von Armennnterstützungen. So lange noch Selbsthilfe möglich ist, so. lange noch einzelne Familienmitglieder für die Anderen sorgen können, versagt sie ihre Hilfe, die sie nur nach gründlichen Recherchen gelvährt. Leutedienichtortsangehörig,d. h. solche,die nicht mindestens zwei Jahre in Berlin, unterstützt sie gar nicht. Dieser Passus steht zwar auch in den Statuten der jüdischen Armenkommission, aber man hatte auch eine Hinterpforte offen gelaffen, durch lvelche die auswärtigen Bettler hineinschlüpfen können. Ein Paragraph der Statuten besagte, daß, wenn große Noth vorhanden und zwei Drittel der Armenkommission die Dringlichkeit der Unterstützung ansspricht, so kann die Armenkommissioli eintreten, lvenn Peteirt erst kürzere Zeit als zwei Jahre in Berlin anwesend ist. — Hiermit war der Willkür Thür und Thor geöffnet. Wo ist eine jüdische Armenkommission vorhanden, in der nicht eine Zweidrittel-Majorität für eine Unterstützung zu erreichen wäre? Der Fremde erhält die erste Unterstützung von der jüdischen Armenkonimission, der bald 4die. zweite und dritte folgt. Der Fremde ist glücklich eiilgeschnorrt und nimmt nicht nur die Gemeinde-Jnstitnte und Vereine in Anspruch, er geht außerdem voll Haus zu Hans, um auf diesen! nicht mehr ungewöhnlichem Wege seine Familie zu ernähren d. h. durchzuschnorren. Zu meiuer Zeit sammelten auch das jüdische Krankenhaus und dse Beerdigungsanstalt milde Gaben und vertheilten sie nach ihrem Gutdünken an Arme, welche ivahrscheiulich auch von der Armenkommission bedacht wurden. Dieser Zustand nahur imuier größere Dimensionen an. Ueberaü Kassen, von denen die Armen Unterstützungen erhalten konnte»» und auch erhielten. Jede Kasse lvirthschastete für sich, ohne allen Zusammenhang mit den anderen; war es da ein Wunder, daß die Kaffen von den Armen ge mißbraucht wurden und das Geld oft vergeudet wurde, das bei einer einheitlich raifonuablen Verivaltung unendlichen Segen gebracht hätte? Ich stellte daher in einer Sitzung der Armenkornmission den Antrag: eine Centralstelle zn gründen, an die säiumtliche Kassen zn berichten haben, welchen Personen und welche Summen sie als Unterstützungen gelvährt. Die Akten der Arinenkonimission bildeten die Grundlage zum Verzeichniß der Armen. Viele Vereine und Institute traten derCentralstelle bei und lieferte»» regelmäßigeBerichte, welche in die Bücher der Central-- stelle eingetragen wurde». — Jetzt war endlich ein Organ für die Centralisation des Armemvesens geschaffen, an das sich nicht nur die Vereine und Institute, sondern auch viele Private um Aus» kunstertheilung wandten. Die Centralstelle hat sich mit der Zeit so bewährt, daß sie jetzt auch auf Stiftungen erweitert wurde.. Die jüdische Armenkonimission vertheilt jährlich ca. 100060 Mark für regelmäßige und eiilinalige Unterstützungen 28000 Mark an verschämte Arme. 8 000 Mark an durchreisende Fremde. ~136000 Mark durchschnittlich. Die einmaligen Unterstützungen haben wenig Nutzen; die Summen, welche vertheilt werden, genügen, einer augenblicklichen Noth zu steuern, sind aber zu unbedeutend, eine dauernde Hilfe zu bringen — die Gaben aus den» Fonds für verschämte Arme sind schon eher geeignet, Abhilfe zu. schaffen, aber sie dienen auch meist nur dazu, den Wirth oder den Gerichts' Vollzieher auf kurze Zeit zu befriedigen. Ist das geschehen, so steht der Bittende nach dein Empfange der Gabe ebenso hilflos wie vor derselben da. — Den einzige»! Nutzen haben Diejenigen, welche regelmäßige monatliche Unterstützung erhalten. Diese Unterstützling garantirt ihnen die Miethe oder einen Theil ihrer Ausgaben, so daß sie wenigstens gegen Obdachlosigkeit geschützt sind. Will »ign den Bedürftigen wahrhaft helfen, so muß man ihnen größere Snn»»nen zur Verfügung stellen und zugleich dafür sorgen, daß das Geld eine gute Verwendung finde. J»l den Jahren 1870/71 waren ca. 100 jüdische Landwehrmänuer in den Krieg gezogen, sowohl die Stadt als die jüdische Armen- Kommissiou nahm sich ihrer Fanlilien an, für welche eine kleine Konnuission zu sorgen hatte. Dieselbe veranstaltete im Geheimen eine kleine Sammlung, welche das überraschende Resultat von sechstausend Thalern ergab. Nun »vurde in der Kommission bestimmt, daß dieses Geld bis zur Rückkehr der Landwehrmänuer aufbewahrt werde, um sie damit zu unterstützen, nach dem Kriege ihr früheres Gewerbe wieder aufzunehmen. Die Handwerker ersetzten ihr Handiverkzeng und kauften sich »leues Rohinaterial, die Kausseute kauften Maaren ein, die sie mit Nutzen wieder verkauften; jeder der 100 Landwehrmänner hat sich mit den» Gelde aufgeholfen, und keiner der aus diese Weise Unterstützten hat die Armen-Kommifsion wieder in Anspruch genommen. Eine andere Art, den Armen wohl zu thun, ohne sie zu Alniosenenrpfängern herabzudrücken, übt die Darlehnskaffe der jüdischen Gemeinde. Sie giebt gegen Bürgschaft achtbaren Personen Darlehen, welche in 30 wöchentlichen Raten zurück zu.zahlen sind. Diese Raten sind so unbedeutend, daß es dein Darleiher sehr leicht wird, sie inne zu halten, und wenn er es thut und auf Ordnung hält, steht ihm die Darlehnskaffe immer aufs Neue zur Verfügung. Der Verein jüdischer Studirender, der den Zweck hat jüdische Studenten »vährend ihrer Studienzeit und der Examina materiell zu unterstützen, hat das Prinzip der Darlehen ebenfalls eingesührt. Un» den Studenten jedes Gefühl der Scham zu ersparen, welches eine jede Unterstützung mit sich bringt, wird ihllen diese in Form voll Darlehen gereicht, die sie dem Vereine zurück zu erstatten haben, sobald sie selbständig geworden und ihre Verhältnisse sich besser gestaltet haben. In dieser Form nehinen die Studenten die Unterstützung gern an und sind eifrig bemüht, ihren Verpflichtungen gegen den Verein nachzukominen, der durch die Rückzahlungen in der Lage ist, wieder Änderen zu helfen und sich fort und fort zu entwickeln. Ich komme immer wieder darauf zurück, daß das Geben allein keinen großen Werth hat, sondern die Art und Weise wie man giebt und daß mit der That auch der Rath bei Unterstützungen Hand in Hand gehen muß. (Echluß folgt.)