Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228362--56000-3292258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WW —- 583 - kommt. In vielen Fällen wäre es vielleicht besser, wenn der Jude beim Geben kritischer verfahren würde; denn es handelt sich nicht immer um das Geben, sondern daß die Gabe eine richtige Verwendung finde. Ost ist ein guter Rath, eine Verwendung für den Bittenden mehr wert!^ als Geld. Ein einmaliges Geschenk stopft wohl augenblicklich ein Loch zu, aber eine dauernde Hilse kann dem Bittenden nur dann zuTheil werden, wenn man ihm Arbeit und Verdienst verschafft, damit er den Kampf nms Dasein aufs Nene äufnehmen kann. — Freilich, viele Arme wolle»: gar nicht arbeiten und nur durch Schnorren sich und die Ihrigen ernähren. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und Gott der Herr erhält sie doch. Die jüdische Armenpflege giebt ihnen auch hie und da Gelegenheit, sich der Faulheit und dem Müßiggänge hinzugeben, denn von der Wiege bis zur Bahre ist durch Vereine und Private dafür gesorgt, daß es den Armen an nichts fehle. Kaum ist ein Kind geboren, so »vird es schon von den Vereinen für jüdische Wöchnerinnen und den Mohelim-Chewräs mit Beschlag belegt. Die Elten» benutzen diesen Zuwachs ihrer Familie, >nn bei allen »nöglichen Vereinen um eine Unterstützung einzukommen, bei der Miethe-Unterstützung. bei der Holz- und Brodvertheilung, bei der Lachmann- und vielen anderen Stiftungen, »velche für diesen Ziveig der Wohlthätigkeit gegründet wurden. Hat das Kind das schulpflichtige Alter erreicht, so erhält es in den Gemeindeschulen freien Unterricht. Malbisch Arcnninr sorgt für die Kleider. Die Waisenkomnnssion sorgt für die Waisenkinder in ausgiebigem Maße. Das Reichenheim'sche »cnd das Pankower Waisenhaus sorgt für die Waisen, deren Mütter und Vormünder sich au die Geineinde wende»» «nd giebt diejenigen Kinder in private Waisenpflege, die sie nicht in den Waisenhäusern unterbringen kcnrn. — Außerde»n sorgt für die Waisen das Baruch Anerbach'sche, das Mosse'sche Waisenhaus, der Frauenverein von 1833, das Dina Nauenffche Stift und Andere. Verlassen die Kinder die Schule irrib die Waisenhäuser, so sind schon verschiedene andere Vereine bereit, für sie »veiter zu sorgen. Da giebt es Vereine für Handwerker, Lehrlingsheim, zwei Mädchenstifte. Krankenpflegerinnenverein. Für die Verheirathung der Mädchen sorgt die Gesellschaft Hachnasfat Kallah und zahlreiche Stiftungen. Hat Jenrand einen Hansstand gegründet, so giebt ihm der Vorschußverein zillslose Darlehen, deren Rückzahlung durch 80 wöchentliche Abzahlungen sehr erleichtert ist. Auch für das hohe Alter ist durch die jüdische Alterversorgungs- Anstalt gesorgt, in die »nan aber erst nach zurückgelegtein 60. Lebensjahre und 15 jähriger Anwesenheit in Berlin ausgenommen »vird. So sorgt die Berliner Gemeinde für die Armen und Bedürftigen von der Geburt bis zum Tode, u»»d leider machen die Armen davon eineir so ausgiebigen Gebrauch, daß sie für die jüdischen Bewohner Berlins zu einer Plage geworden sind. Eine liebenswürdige Da»ne, mit der ich einmal die Berliner Armenverhältnisse besprach, äußerte sich folgendermaßen: „Mir kommt eS vor als »venn es in Berlin nur zwei Sorten Juden gäbe, solche, die für sich selber und solche, die für Andere schnorre»»." Betrachten wir zunächst Diejenigen, »velche für sich selber schnorren, so sind dieselben in verschiedene Kategorien einzutheilen. Da giebt es verschämte und unverschämte Anne, keifende Bettler, „Medinegeier" und solche, die von Haus zu Haus gehen; „Mokimgeier", Stipendiensammler, Leute, die ihr Geschäft en detail betreiben und nur kleine Münze beanspruchen, während die en gros-Bettler 10—20-Markstücke »venn »nöglich zu erreichen suchen, Leute, die Bittschriften abfafsei» oder abfaffe»» lassen u»»d dieselben an wohlhabende Private, an Vereine l»nd Stiftungen senden. Viele Arme sind in gar keine Kategorie zu bringen, sie sind die sogeiranntei» rmjets niixets linier den Schnorrern, denen ein jedes Mittel Recht ist, um zum Ziele zu gelailgen. Ihr Bestreben »st es, möglichst »venig z» arbeiten und möglichst viel zu schnorren, damit sie auf diesem Wege ein »nühennd sorgenloses Dasein führen können. ' Die niedrigste Art der Bettler ist diejenige, »velche voll Hans zu Haus geht, meist mit sehr fragwürdigen Attesten versehen, »vorin ihnen der Grund ihrer Bettelei bescheinigt wird; aber diese Atteste sind so zerlumpt, fettig und schmutzig, daß »nan sich scheut, sie in die Hand zu rrehmen und gleich ein Geldstück bereit hat, um es dem Bittenden zu gehen. Einen Dank hat man niemals dafür zu erlvarten, und »»rar» muß froh sein, »venn der Bittende sich entfernt, ohne vorher die Entreethür heftig zuzulverfe», daß die Scheiben zittern. Eleganter und manierlicher sind schon Diejenigen, »velche als «» gros-Bettler auftreten und auf Goldstücke Anspruch machen. Zn ihrer Legitimation führen sie Subskriptionslisten bei sich, auf denen verschiedene Buchstaben und Zahle» stehen, z. B. A, B. 20, L. 10. Würde ein Schreibsachverständiger diese Bllchstaben nnd Zahlen prüfen, so würde er darin eine große Aeh»»lichkeit mit der Hcmdschrift des Bittstellers finden. Diesen e»» gros-Bettlern gegenüber ist man in einiger Verlegenheit. Man sagt ihnen, man möchte ihnen gern helfen, man sei jedoch vielfach in Anspruch genommen und könne sich daher nicht mit Goldstücken betheiligen. Da sind de»»n diese Herren so liebensivttrdig und entgegenkommend, auch Silber zu nehmen. Dann giebt es auch Eingabenbettler, »velche sich an Private, Vereine u»»d Stiftungen schriftlich »venden, um eine größere Wirkung zu erzielen. Diese Eingaben sind nicht immer aus eigener Initiative hervorgegangen, sie stanlinen von Leuten her, die sich ein Geschäft daraus machen, gegen Bezahlung voll 50 Pfennig derartige Eingabe»» zu liefern. Die armen Leute, die von den Bittschristfabrikanten dazu veranlaßt »vurden, »varen meist um die 50 Pfennige betröge»», denn die Handschrift dieser Leute ist bei Vereinen und Stiftungen so allbekannt, daß diese Eingaben ohne Recherche meist nd aeta gelegt werden. Die Kategorie der durchreisenden Bettler ist nicht nur geduldet, sondern auch von der Gemeinde konzessionirt, denn sie hat ca. 8000 Mark jährlich für diese Kategorie in den Etat eingestellt. Wenn diese Leute durchreisen wollten, so könnte man selbst höhere Summen für diesen Zlveck bewilligen, aber sie reisen eben nicht durch, sondern blei in Berlin, »vo für alle Arme so liebevoll gesorgt »vird. II. Die Hauptquelle, aus der die meiste»» Unterstützungen für die Armen stießen, ist die Arnlenkvmmission der jüdischen Genieinde. Ich »var acht Jahre Mitglied derselben, aber die Art und Weise »vie dort die Sachen behandelt wurden, befriedigte mich nicht und ich suchte das An»t los zu werden. Es sind nun 20 Jahre her, daß ich nicht mehr der Armenkointtlission angehöre, nnd ich hoffe, daß inzwischen Vieles anders und besser ge»vorden; aber zu meiner Zeit herrschten noch recht viele Uebelstände. Man schien ganz vergessen zu haben, daß