Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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59? Nun, diesmal wurde man in der fast selbstverständlichen Annahme getäuscht; ein anderer Name machte die Runde, ein Name, der weder mit dev Krenzzüglerri. noch mit den alten Bourbonen etwas zu thun HM am Wenigsten aber mit dem Antisemitenhäuptling Gu^rin und deff/n ungekröntem Auftraggeber etwas zn thnn haben sollte: der unverfälscht jüdische Name Porges. Madame Jnlie Porges ans dem österreichischeil. ebenfalls rein jüdischen Bankierhause Wodianer. Diese Dame, heißt es, hat in Verbindung mit einer Madame d'Adelswarth — die wohl auch desselben Ursprungs sein dürfte — zn den nothwendigen Geldern, um die Arbeiter 311 gewinnen und Herrn Gn4rin zu erhalten, die Summe von 200000 Francs beigestenert und in einen, Begleitschreiben ans daS Haupt „Monseigneurs" den Segen de8 Himmels herabgernfen. damit fein „edles, großes Werk" gelinge. Das große Werk der Unterjochung Frankreichs ttiib der Austreibung der Juden! . . . O seliger Heinrich Heine, wenn Du das noch hättest erleben können! Und derselbe Orleans, der kürzlich erklärt hat, luemi er zur Macht käme, ließe er Jeden, der den Namen DreyfuS ausspricht. standrechtlich erschießen; derselbe, dessen Vetter in, Prozesse Zola einen Esterhazy öffentlich auf die Wange geküßt hat, nimmt dankend die Jndengelder in Empfang und sucht sie ad majorem personae gloriam zu verwerthen. Silld diese Herrschaften einander nicht würdig? Weil aus dieser Kompagnie soll mall eigentlich ernst nehlnen? Es fehlt mir noch der biedere Arthur Meyer von, „Gaulois" dabei, dieser Ur-Gallier. dem leider der verstorbelie Prillz AchiÜe Murrat hilfreich beistand. als nänllich dieser kleine jüdische Börsengalopin und jetzige große antisemitische Royalist dem Hnngertode nahe war. Wenn wir alle diese Pariser politischen Faiseurs an uns vorüberziehen lassen, so muß uns ein Ekel vor der Niedertracht und Erbärmlichkeit erfassen, die sich dort zusammengesnnden hat." * Ein edles Kaiserwort wird aus Oesterreich gemeldet: In ben allgemeinen Audienzen wurde am 11. d. M. auch der Rabbiner Dr. Alexander Kisch aus Prag vom Kaiser empfangen. Dr. Kisch, der. auch israelitischer Feldprediger ist,.war gekommen, um dem Kaiser für eine ihm verliehene Ordensauszeichnung zu danken; dabei brachte er auch die durch die antisemitischen Ausschreitungen für die Juden in Böhmen so schweren Tage zur Sprache, worauf der Kaiser erwiederte: „Ja, Ihre Glaubensgenossen haben schwere Tage, aber es ist schon besser geworden." Kaiser, fuhr dann fort: „Ich bin sehr empört über diese Roh-- heiten. Er wiederholte diese Worte. b Dr. Kisch bat um die Erlaubniß, diese Kaiserworte seinen Glaubensgenossen mittheilen zu dürfen, und der Kaiser sagte zu ihm: „Ich bitte, thun Sie das!" Damit war die Audienz zu Ende. Dieses Kaiserwort wird den Wiener Antisemiten und ihren tschechischen^ Gesinnungsgenossen sehr ungelegen kommen. Aber es wird hoffentlich gehört und verstanden werden in Oesterreich. * Das Hebrew Union College in Cincinnati, das offizielle Rabbinerseminar Amerikas, hat in diesem Jahre viernndfiebenzig Hörer, die größte Zahl, die eine ähnliche Lehranstalt je hatte. Von diesen sind 30 in der Präparandie, 44 in be» vier Oberklassen. Der Lehrkörper besteht aus folgenden zehn akademisch gebildeten Lehrern: G. Deutsch, L. Großman, E. Feldman, M. Bnttenwieser, C. Levias, S. Mannheimer ' H. Malter, M. Mielziner, D. Philipson, I. M. Wise. Darunter sind zwei Amerikaner, zwei Russen, drei Deutsche und drei Oesterreicher. Bon den Studenten sind vier Russen, ein Oesterreicher, ein Ostindier und 68 amerikanische Eingeborene, meistens von eingewanderten Eltern aus verschiedenen europäischen Ländern. Vierundsechzig Rabbiner und zwei Damen als Lehrerinnen sind bereits aus dem College hervorgegangen. So rasch hat noch kein Seminar sich zu dieser stattlichen Zahl von Lehrern, Schülern und Alumnen emporgeschwungen. Während man vor 25 Jahren allgemein die Befürchtung hegte, die amerikanische Jugend werde diese Anstalt nicht besuchen, stehen die Leiter derselben jetzt vor dem Problem, wie die Schülerzahl zu vermindern, nm dem Lande kein Rabbiner-Proletariat zu erziehen. Zn den Seltenheitendieser Anstalt gehört noch, daß der greise und würdige Präsident und der Vice-Präsident vom Verwaltungsrath sowohl wie der Präsident des College seit fünfundzwanzig Jahren aus ihren Posten äusgeharrt haben und in dieser Zeit nur ein Lehrer seine Stelle verloren hat. Wie sehen diesem Bericht gegenüber unsere Seminare aus, die sich mit zwei oder drei Lehrern begnügen müssen! * In Australien, und zwar in Adelaide, der britischen Kolonie Südaustralien, ist ein Jude Premierminister geworden, V. L. Salvmon. Es ist dies das erste Mal, daß ein Jude diese Stellung in einer der englischen Kolonien bekleidet. Aber welche hohen und verantwortungsvollen Posten sie in den australischen Kolonien einnehmen, das bezeugen die Meldungen, daß der Fall des bisherigen Ministeriums in Viktoria auch die Demission des Generalanwalts (Attorney General) Jsaac I. Jsaacs zur Folge hatte und daß anderseits unter den drei neuen Ministern, die der Königin von England den Eid der Treue geschworen haben, sich wieder ein Jude, Herr D. Mn k, . befindet. Bon dem neuen Premierminister Salomon aber wird englischen Blättern gemeldet, daß er ein guter Jude sei und lebhaften Antheil nehme an den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Adelaide. Da möchte man, das Wort des Altmeisters Goethe variirend, wirklich ausrufen: Australien, du Haft es besser. Jüdische Armenpstege. Bon David Hjrschfeld. . I. MN von der jüdischen Armenpflege im Gegensatz zu der christlichen die Rede ist, fällt mir inimer die hübsche Scene aus einer alten Berliner Pofle ein; ich glaube sie hieß „Einer von unsere Leit'". Die Scene spielt in einer Apotheke. Eine arme Frau wünscht ein Rezept für ihr krankes Kind gemacht zu haben, und zwar gratis, da sie ihre letzten Pfennige für Milch ausgegeben hat. Der Apotheker setzt ihr weitläufig auseinander: Sie müsse zur Polizei und zum Armenkommissar gehen, sich ihre Armuth von Beiden bescheinigen lassen, dann müsse der Armenarzt das Rezept ausstellen, alsdann würde er die Arznei umsonst anfertigen und die Kosten bei der Armenkommission einziehen. Der in der Apotheke anwesende Jsaac Stern erhebt sich und sagt: „Bevor die arme Frau alle die Wege gemacht, ist das Kind längst gestorben; was kostet die Medizin %“ „Eine Mark," sagt der Apotheker. Jsaac Stern faßt in die Tasche und legt eine Mark auf den Tisch. „So nun machen Sie die Medizin — aber schnell!" Bis dat qiii cito dät, sagt das Sprichwort, und der Jude hat sich diese Maxime zu eigen gemacht; darum ist er' auch überast zu finden, wo es gilt, einem Nothstand abzuhelfen, gleichviel welchem Zwecke und welcher Konfession seine Gabe zu Äutr