Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
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habe, ist n»»r diöser Rückgang,deS hurrjänen Geistes der Nation 31tv engherzigster» Undnldsamkeit da^ Tranrigste. Die Emanzipation der Juden zu Anfang und bis zur Mitte' dieses Jahrhunderts bedeutete eine»» Kultnrsortfchritt. Nach dem Gesetz luurden sie Staatsbürger mosaischer Adnfession, gleichberechtigt de,» Staatsbürger»» anderer Konfefstonen. ' In Kleidern und Haartracht, in der Sprache, in gesellschaftlichen Sitten und Gewohnheiten, waren da. wo das frühere Schntzverhältnib bis in das vorige Jahrhundert zurück ging, die Üllterschiede meist völlig verwischt. Die Kinder der Inden besuchten mit denen der Christen dieselben Schüler,..und Universitäten, wurden zu den gleichen Examen zngelassen, durch dieselben akademischen Ehren ausgezeichnet, als Aerzte und Advokaten von, PnbMnm ohne jede Rücksichtnahme ans die Konfession beansprucht. In den Gerichts» und Negierungskollegien säßen Inden neben Christen. Ich selbst habe eine grohe Zahl jüdischer Referendarien praktisch anszubilden Gelegenheit gehabt und kann ihnen das Zeugniß geben, daß sie sich nicht nur durch leichte Auffassung, gute Kenntnisse und unermüdlichen Fleiß, sondern auch durch Bescheidenheit im Verkehr nnt den Vorgesetzten auszeichneten. Juden, dienten im Heer, auch als Einjährig-Freiwillige, wurden im Kriege zu Offizieren befördert, mit dem eisernen Kreuz geschmückte Juden hatten Ln christlichen Häusern Umgang und umgekehrt, ohne daß man daraus irgend etwas Besonderes machte. Es ließ sich annehmen, daß die Lebensgewohnheiten beider Theile, wenn Man die Dinge sich ruhig entwickeln ließe, sehr bald auch in tieferen Volksschichten hinab ausgeglichen erscheinen würden. Da brach plötzlich eine Jüdenhetze los, wie sie ähnlich nur die dunkelsten Zeiten des Mittelalters gesehen hatten. Die Verschiedenheit der Nasse wurde vorgekehrt, den Juden das Recht abgestritten, sich als Deutsche fühlen zu dürfen. Man gab ihnen Wucher, Neigung zum Betrug schuld, behauptete, daß sie sich vor körperlicher Arbeit scheuten, suchte aus dem Tallnnd Stellen hervor, die ihre Feindschaft und Nachsucht gegen Andersgläubige beweisen sollten, zum Theil aus dem Zusammenhang gerissen, zum Theil ».falsch ausgelegt oder geradezu gefälscht waren, und entblödete sich nicht einmal, die alten Märchen von der Hostienschändttttg und dem Nitnalmord aufzufrischen. Es bildete sich eine förmliche Partei der Antisemiten, deren Streben es war. die Inden gesellschaftlich und womöglich auch geschäftlich zu isoliren, ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft zu verleiden und zu verkümmern, sie ins Ausland abzuschttzbeu. Auch wo man sich nicht offen zum Antisemitismus bekannte, ließ man sich doch von der Strömung fortreißen. Jüdische Schüler wurden nicht nur von christlichen Mitschülern, sondern selbst von Lehrern verhöhnt und verspottet; ans den Universitäten schlossen nicht nur die Korps, sondern auch die Burschenschaften jüdische Studenten von den Verbindungen ans. die Freiwilligen ließ man zum Offiziersexamen nicht mehr zu. Juden sollten Nicht mehr Richter sein können, Weib sie nicht Christen vereidigen dürften; man erschwerte ihnen das Notariat. Selbst die zum Chriftenthnm übergetretenen Juden würden nicht voll geachtet. Die Folge dieser maßlosen Anfeindung war selbstverständlich, daß die Juden sich ebenfalls wieder enger aneinander schlossen, um gemeinsam ihre Vertheidignng zu führen, was übrigens mit Geschick und großer Selbstbeherrschung geschah, und daß sogar der Zionismus unter ihnen wieder zu Kräften zu kommen bestrebt war. . Aber höchst bedauerlich war die Wirkung nach einer anderen Seite hin. Waren die Juden schon früher dazu gedrängt worden, sich auf das Handels- und Geldgeschäft, auf den Beruf des Arztes und Advokaten zu beschränken, so sahen sie sich jetzt die Wege zu den Staatsämtern und nun gar znm Militär völlig verlegt, zu den Schulämtern noch mehr erschwert, und es war daher nur natürlich, daß ihre Intelligenz sich nach den Seiten Bahn brach, die sich noch zu geistiger Bethätignug öffneten. Es ist mir nicht mehr zweifelhaft, daß hier der natürliche Ausgleich erfolgen würde, sobald die Gleichberechtigung der Staatsbürger aller Konsessionen anshören würde, nur aus dem Papier zu stehen. Nun-hat das Geschrei über die Judenpresse und über das Judeutheater keinen vernünftigen Halt, so sehr mancherlei Auswüchse des Spekulationsgeistes auch zu beklagen sein mögen? * Auf die Landtagswahlen in Hessen, deren. Resultat wir bereits mitgetheilt, pochen die deutschen Antisemiten- Mr gewaltig. Sie sehen darin ein Symptom der aufst^igenden Bewegung. Mall braucht dem nicht zuzustimmen, um die Thatsache, daß in einem deutschen Landtag die Antisemitelr »nsgesammt 10 unter 50. Abgeordneten, also ein Fünftel der ganzen Versammlung, aufzuweisen haben, an und für sich unerfreulich zu finden. Dieser Sieg irr Hessen, gegenüber der Niederlage der Antisemiten bei den Wahlen in anderen deutschen Ländern und Provinzen, erklärt sich wohl dadurch, daß die Antisemiten dort das Bauernvolk bloß durch ihre demokratischen Redensarten gewannen und daß sie weniger als Judenhetzer wie als Bauernbündler gewählt wurden. Auch das Vorgehen der hessischen Regierung trägt an diesen Zuständen eilte bestimmte.Schuld. Allenfalls. steht die Thatsache fest — mögen die Gründe welche immer sein — daß die Antisemiten in den Landtag Hessens in der Stärke von 10 Mann eingezogen find. Und das giebt zu denken! * Mall schreibt uns all s studentische^ Kreisen: „Der gegenwärtige Zeitpunkt ist recht geeignet, uns einen nicht gerade erhebenden Einblick in das jüdische Stu dente ule ben zu gewähren. So erfreulich es einerseits ist, daß die Vereitle und Verbindungen. die das Jndenthnm aus ihre Fahne geschrieben haben, an Zahl und Stärke zunehmen, eine ebenso bekannte und tief betrübende Thatsache ist es anderseits, daß in zahlreichen Korporationen, die fast Nllr ans Inden bestehen, das Selbstbewnßtsein vollständig durch seinen Antipoden, die beklagenswertheste Selbsterniedrigung und moralische Verirrung, ersetzt ist, und daß man z. B. durch das Hineinzerren von Jildividuen semitischer Adstamnlung, die erst durch die Taufe Arier geworden silld, das Odium de8 kompromittirenden jüdischen Vereinscharakters abznschütteln benlüht ist. Um die Täuschung vollkommen zu machen, rüsten sich jetzt alle diese Korporationen wie alljährlich in edlem Wetteifer, eine glänzende Weihnachtskneipe zu feiern, damit der Helle Kerzenglanz des in der prächtigsten Farbenfülle prangenden Weihnachtsbaumes die Augen dieser lvackeren Musensöhne erfreue, auf die das Jndenthnm mit gerechtem Stolze blicken darf. Wehe dein Kommilitonen, der angesichts dieser Pracht auf die befdöeibeiieu Chanukahlichter hinzuweisen wagt, die doch auch zu den Juden in einer gewisse»: Beziehung stünden. Man wird den arme!» Verblendeten mit mitleidigem Lächeln darauf ansinerkfam machen, daß ein derartiges Zurückverfalle»» in reaktionäre mittelalterliche Anschanungerl mit der Aufklärung unseres Jahrhunderts unverträglich sei. Es Nluß wirklich ein schn»erzliches Gefühl für diese Herren sein, daß alle ihre Täulchnngsversuche in Betreff der Zusammensetzung der geschilderten Korporationen bisher zu einem recht negativen Resultat christlichen wie jüdischeir Kommilitonen gegenüber geführt habe»»." * Dasselbe was mau von diesen Studenten sagen muß, gilt auch von den fr anz ösisch en Frauen, deren Namen jüngst die Runde durch die Presse der ganzen Welt gemacht haben. Baron Gundaker von Suttner macht im „Neuen Jahrhundert" darüber die fatgeubcn sehr treffenden Anordnungen, anknüpfend an die halbe Million, die die Olkwans für ihre Agitation erhalten haben: „Und woher kanr diese halbe Million? Doch.nur von Seiten jener seit der großen französischen Revolution grollenden Fanlilien, die allen Verlockungen des erste»» und z»veiten Kaiserreiches widerstanden. die im Bewußtsein ihrer alten Adelsprivilegien das Parvenüthun» aus de»»» Throne verachtete»» mib nnt den Glücksrittern in goldstrotzenden Uniformen nichts ge»nein haben wollten. Jetzt, da ihnen kein direkter Bourbon mehr zur Verfügung stand, ncihmen sie wohl gern mit einem Orleans vorlieb, mit dem sie sich schließlich doch einjger»naßen „de pmr" fühlen mußten. Der Goldzufluß konnte also nur von dort kommen oder doch in erster Linie von jener einig »»»»ruhigen Duchesse d'Üzös, die schon zur Zeit der boulangistischen Komödie ein paar Millionen hätte springen lassen.